Saterland

Kleine Sprachinsel im Moor

Nicht hochdeutsch, nicht plattdeutsch und auch nicht eindeutig friesisch sprechen die Menschen im Saterland. Sie haben ihre ganz eigene Sprache bewahrt: Das Saterfriesische, oder auch „Seeltersk“.

Es ist nicht so, als würde man in eine andere Welt eintauchen, wenn man die Ortsgrenze zum Saterland überquert. Es sieht hier nicht anders aus als in den umliegenden Gemeinden. Und doch ist das Saterland eine kleine Besonderheit. Aufmerksamen Passanten fällt das schon beim Ortsschild auf. Unter dem Namen des Ortsteils Scharrel steht der Orts­name „Skäddel“. Wer in den Ortsteil Ramsloh fährt, wird am Ortseingang in „Roomelse“ begrüßt.

Minderheit spricht noch "Seeltersk"

Diese Sprache ist keine regionale Version des Plattdeutschen, wie bei einer Gemeinde im Landkreis Cloppenburg zu vermuten wäre. Es handelt sich um Saterfriesisch, auch als Saterländisch oder „Seeltersk“ bezeichnet. Diese Sprache wird fast nur in den vier Ortschaften der Gemeinde Saterland gesprochen. Neben Scharrel und Ramsloh sind das Strücklingen bzw. „Strukelje“ und Sedelsberg, das auf saterfriesisch „Sedelsbierich“ heißt.

Insgesamt wohnen im Saterland etwa 14  000 Einwohner. Wie viele davon saterfriesisch sprechen, ist nicht genau bekannt. Schätzungen gehen von 1000 bis 2500 Menschen aus.

Das Saterland

Die Saterfriesen stammen von den Ostfriesen ab, die etwa um 1100 oder 1200 ihre Heimat ver­ließen. Mehrere Sturmfluten hatten sie vermutlich von dort ver­trieben. Sie siedelten sich im heutigen Saterland an, das auf Saterfriesisch „Seelterlound“ heißt. Dort überlagerten sie nach und nach die hier ansässige westfälisch-sächsische Bevöl­kerung. Dieser Urbevölkerung ist der enge Sprachkontakt der Saterfriesen mit dem Niederdeutschen zu verdanken.
Dass sich die saterfriesische Sprache im Saterland bis in die heutige Zeit hinein gehalten hat, liegt an der besonderen geografischen Lage der Gemeinde. Jahrhundertelang war das Saterland vom Moor umgeben. Die dazu gehörigen Dörfer Ramsloh, Scharrel, Strücklingen und Sedelsberg ­bildeten praktisch eine Insel. Kontakt mit den Nachbarn gab es kaum. Bis in das 19. Jahrhundert hinein war das Saterland fast ausschließlich per Boot über die Sagter Ems, „die Selter Äi“, zu erreichen.
Mit der Erschließung des Saterlandes durch Straßenbau, Eisenbahn und die Moorkolonisierung begann im 19. Jahrhundert der Anfang des Niedergangs der saterfriesischen Sprache. Allerdings hielt das Hochdeutsche erst nach dem Zweiten Weltkrieg verbreitet Einzug. Entgegen aller Annahmen ist die Sprache aber bis heute nicht ausgestorben.

Ein Beauftragter für die Sprache

Um den Erhalt der saterfriesischen Sprache kümmert sich der Heimatverein Seelter Bund. Seit November 2020 gibt es sogar einen Saterfriesisch-Beauftragten, den Sprachwissenschaftler Henk Wolf von der Hochschule Groningen in den Niederlanden. Dass sich ausgerechnet ein Niederländer auf diese Stelle beworben hat, scheint zunächst ungewöhnlich. Aber das in der niederländischen Provinz Friesland gesprochene Westfriesisch weicht nur in einigen Details vom Saterfriesischen ab. Für Henk Wolf war es ein großer Vorteil, dass er westfriesisch spricht. „Deshalb wurde ich hier gleich verstanden“, sagt er. Inzwischen beherrscht er aber auch das Saterfriesische.

Die saterfriesische Sprache

Saterfriesisch ist die Sprache der Saterfriesen. Sie wird auch als Saterländisch oder in der eigenen Sprache als „Seeltersk“ bezeichnet und gilt als die letzte verbliebene Varietät der ostfriesischen Sprache. Das Saterland ist eine der kleinsten Sprachinseln Europas.

Die saterfriesische Sprache ist ein emsfriesischer Dialekt des Ostfriesischen. Sie stammt, ebenso wie die westfriesische Sprache und das Nordfriesische, vom Altfriesischen ab. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich die Sprachen jedoch auseinanderentwickelt. Das Saterfriesische ist durch den engen Kontakt mit den niederdeutschen Dialekten der Umgebung geprägt.

Im Jahr 1999 ist in Deutschland die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen in Kraft getreten. Seitdem genießt das Saterfriesische als anerkannte Minderheitensprache besonderen Schutz und Recht auf Förderung. Aus diesem Grund ist die Sprache im Saterland auch als Amtssprache zugelassen.

Die Grammatik des Saterfriesischen hat im Vergleich zum Hochdeutschen einige Besonderheiten. Beispielsweise gibt es ein männliches und ein weibliches Wort für „drei“. So heißen drei Männer „träi Monljude“, aber drei Frauen sind „tjo Wieuwljude“. Und anders als im Hochdeutschen haben manche Verben zwei Infinitive. Für das Wort ­„wohnen“ sind das zum Beispiel „woonje“ und „woonjen“. Zu erklären, wann welche Form zur Anwendung kommt, würde hier zu weit führen. Interessierte können das aber seit dem vergangenen Jahr in einer Online-Grammatik der Saterfriesischen Sprache nachschauen.

Touristische Infos in zwei Sprachen

„Ich schaffe Gelegenheiten, die Sprache zu sprechen“, beschreibt Henk Wolf eine seiner Aufgaben. Neben den zweisprachigen Ortsschildern gibt es bereits einige Infotafeln, die zweisprachig verfasst sind, zum Beispiel am Rathaus oder an der historischen Mühle. In Zukunft sollen weitere touristische Tafeln sowohl auf Deutsch und auf Saterfriesisch auf die Besonderheiten im Ort aufmerksam machen.

Digital gibt es solche Infos schon heute: Über eine touristische App erfahren Interessierte Näheres zu 30 Sehenswürdigkeiten des Saterlandes – in deutscher und in saterfriesischer Sprache, zum Nachlesen und zum Teil auch zum Hören. Beispielsweise erzählt ein Junge, wie das Bullenmeer zu seinem Namen kam – natürlich in der Heimatsprache.

Dass Sprachförderung Spaß machen kann, zeigte sich beim ersten Kneipenquiz auf Saterländisch, das Henk Wolf im vergangenen Jahr organisiert hat. Alle Fragen wurden auf Saterfriesisch gestellt. „Das hat jeder verstanden“, freut sich Henk Wolf. Dabei gibt es seiner Schätzung nach nur noch wenige Familien, in denen Saterfriesisch im Alltag gesprochen wird.

Der Name ist Programm: In der „Litje Skoule Skäddel“ können die Kinder auch Saterfriesisch lernen. (Bildquelle: Wulfekotte)

Saterfriesisch in der Schule

Langfristig erhalten bleibt die Sprache aber nur, wenn auch Kinder an das Saterfriesische herangeführt werden. Deshalb gibt es seit 2010 das Angebot für Kinder aller Altersstufen, freiwillig Saterfriesisch in der Schule zu lernen. Derzeit nutzen knapp 300 Kinder diese Gelegenheit. ­Einige Fächer werden zweisprachig, also auf Deutsch und auf Sater­friesisch, angeboten.

Möglich ist das durch ­einen Arbeitskreis, der sich gegründet hat, um die saterfriesische Sprache zu fördern. Die derzeit 15 Mitglieder setzen sich beispielsweise für die Sprachförderung an den Schulen ein. In Scharrel ist das schon am Namen der Grundschule zu erkennen: „Litje Skoule Skäddel“ steht in großen Lettern am roten Klinkerbau.

Für Erwachsene, die sich für die Sprache interessieren, gibt es ein Lehrbuch, verfasst von der pensionierten Lehrerin Johanna Evers. Sie bietet auch Kurse in Sater­friesisch an. Inzwischen gibt es sogar eine Smartphone-App, die deutsche Wörter ins Saterfriesische übersetzt.

Radiosender sendet auf Saterfriesisch

Als geschriebene Sprache war das Saterfriesische bis in die 1950er-Jahre sehr variabel. Dann jedoch entwickelte der Westfriese Pyt Kramer eine eigene Schreibweise für diese Sprache. Später gab der amerikanische Sprachwissenschaftler Marron Fort ein Wörterbuch he­raus, das sich in einigen Details von der Schreibweise Kramers unter­schied. Heute wird diese Schreibweise von offizieller Seite anerkannt. „Auch die Schulen halten sich daran“, sagt Henk Wolf.

Wer sich einmal einen Eindruck von der saterfriesischen Sprache verschaffen möchte, sollte sonntags von 11 bis 13 Uhr das Radio einschalten. Die Ems-Vechte Welle sendet auf UKW 89,5 ­alle 14 Tage aus dem Studio Skäddel – natürlich auf Saterfriesisch.

Im ehemaligen Bahnhofsgebäude ist heute das Kulturhaus untergebracht. Hier können Gäste das „Seelter Tjuchnis“, einen humorvollen Sprachtest, ablegen. (Bildquelle: Wulfekotte)

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