Landkreise Vechta und Cloppenburg

Das Oldenburger Münsterland

In den Landkreisen Cloppenburg und Vechta gibt es viele Geburten und wenige Arbeitslose. Das Oldenburger Münsterland ist aber mittlerweile mehr als die Veredlungshochburg im Nordwesten.

Kaum eine deutsche Region polarisiert so stark wie das Oldenburger Münsterland. Für die einen sind die Landkreise Cloppenburg und Vechta der Gülle-Gürtel und Inbegriff konservativer Provinz. Für die anderen haben sie in den vergangenen Jahrzehnten eine Erfolgsstory geschrieben. Angeführt von findigen Landwirten und Unternehmern hat sich die Region vom Armenhaus zu einer Boomregion gemausert.

Schon lange ist das Oldenburger Münsterland, das vom Saterland im Norden bis zum Dümmer See im Süden reicht, kein abgehängter Landstrich mehr im Dreieck zwischen Bremen, Oldenburg und Osnabrück.

Der Bischof als Oberhaupt

Die beiden Landkreise grenzen zwar nicht an NRW, sind aber mit Westfalen verbunden. Noch heute ist der Bischof von Münster geistliches Oberhaupt der katholischen Mehrheit im sonst protestantisch geprägten Niedersachsen. Mehr als 400 Jahre, bis 1803, dem Aus der geistlichen Herrschaft, regierte der Fürstbischof die beiden Ämter Vechta und Cloppenburg.

Danach übernahm der Herzog von Oldenburg die einst karge Gegend. Nicht umsonst bezeichnen sich viele der 318  000 Einwohner als Süd­oldenburger.

Sandige Böden, Heide und Moor prägten die Landschaft. Allein im Landkreis Vechta sind noch etwa 5100 ha Hochmoor und etwa 3620 ha Niedermoor vorhanden. Nachdem Ende des 19. Jahrhunderts schiffbare Kanäle gebaut und Schienen gelegt wurden, ging es in dem lange durchs Moor isolierten Gebiet aufwärts.

Schon zwischen den Weltkriegen setzten einige Heuerlinge, ehemalige Pacht­bauern, auf die flächenungebundene Schweinemast. Richtig expandierten die Mäster nach dem Zweiten Weltkrieg. Die in den 1960er-Jahren fertiggestellte Autobahn 1 verband die Region noch enger mit den Nordseehäfen, in denen Futter ankam, und den Absatzmärkten – zunächst des Ruhrgebietes und später in Übersee. Einhergehend nahm aber die Nährstoffbelastung der Böden und Gewässer zu.

Ein renoviertes Bauernhaus am Elisabethfehn-Kanal im Landkreis Cloppenburg. (Bildquelle: IMAGO / imagebroker)

Anfänge in der Badewanne

Die A 1 wurde zum Katalysator der südoldenburgischen Wirtschaft. Um die Landwirtschaft formierten sich Unternehmer, die Fleiß, Geschäftssinn und eine Portion Bauern­schläue einte. Viele Firmen, die in den 1950er-Jahren klein begannen, wuchsen in Nischen zu Weltmarktführern. Aus anderen entwickelten sich Lebensmittelriesen wie die PHW-Gruppe mit der Marke Wiesenhof oder Feinkost Wernsing, dessen Gründer angeblich den ersten Kartoffelsalat in der Badewanne anrührte.

Es etablierte sich in der Region die komplette Wertschöpfungskette der Branche – von der Futtermittelfirma über die Tierzucht bis hin zu großen Schlachtereien und Vermarktern. Die aus der Landwirtschaft freigesetzten Arbeitskräfte fanden vor dem Hoftor im verarbeitenden Gewerbe neue Jobs. Allein heute arbeitet noch ein Viertel der Beschäftigten in der Lebensmittel- und Agrarbranche.

In deren Windschatten blühten andere Gewerbe auf. Die Kunststofffirma Pöppelmann aus Lohne beschäftigt heute mehr als 2000 Mitarbeiter. Sie ging aus einer 1949 im Hühnerstall gegründeten Korkenfabrik hervor. Jeder fünfte Arbeitsplatz hat heute mit Kunststoff zu tun. Verpackungen, Profile, Kabel sowie Produktgruppen für die Automobil­industrie kommen aus dem Oldenburger Münsterland.

Bis heute prägen inhabergeführte Betrie­be die Unternehmenslandschaft und spülen reichlich Gewerbesteuer in die Rathäuser. Die Region hat die größte Industrie- und Gewerbedichte in Norddeutschland und mittlerweile einen breiten Branchenmix.

Nicht mehr familiengeführt ist das Unternehmen Kalkhoff, das heute zu den größten Fahrradherstellern Deutschlands zählt und 1919 in Cloppenburg gegründet wurde. Im Gewerbegebiet ecopark an der A 1 baut das Unternehmen gerade eine der größten E-Bike-Fabriken Europas.

Ein wichtiger Arbeitgeber ist auch das Handwerk vom „Ein-Mann-Betrieb“ bis zum Mittelständler mit bis zu 100 Mitarbeitern. Es stellt knapp 25 % der Beschäftigten. Die Arbeitslosenquote liegt unter 4 % – ein Wert, bei dem Fachleute von Vollbeschäftigung sprechen.

Keine Kreisfusion

Obwohl beide Landkreise viel verbindet, kam es während der kommunalen Neugliederung in den 1970er-Jahren nicht zur Kreisfusion. Die Einwohner Vechtas wehrten sich über neun Jahre mit Erfolg ­gegen eine Zusammenlegung mit dem Landkreis Cloppenburg. Heute arbeitet man aber auf vielen ­Ebenen zusammen – unter anderem im Rahmen des Verbundes ­Oldenburger Münsterland.

Beide Kreise werden von Silvia Breher im Bundestag vertreten. Die Bauerntochter und Juristin war sechs Jahre Geschäftsführerin des Kreislandvolkverbandes Vechta. Sie gewann zum zweiten Mal den Wahlkreis. Generell gilt das Oldenburger Münsterland als eine der „schwärzesten“ Ecken Deutschlands – auch wenn die CDU bei der Bundestagswahl Stimmen verlor.

Viele Geburten

Während die Arbeitslosenzahlen niedrig sind, gehört die Geburtenrate in beiden Kreisen zu den höchsten in Deutschland. 2019 wurden im Landkreis Cloppenburg erstmals 2000 Geburten gezählt. Bis 2031 soll die Bevölkerung um fast 8 % steigen.

Mit einem Durchschnittsalter von etwa 41 Jahren ist die Region vergleichsweise jung. Waren es früher überwiegend die kinderreichen katholischen Familien, hängen diese Zahlen heute mit der Aufnahme von Neubürgern zusammen. Vor dem 20. Jahrhundert schufteten die Südoldenburger selbst in den Niederlanden oder wanderten gleich nach Amerika aus.

Nach dem Zweiten Weltkrieg fanden im Oldenburger Münsterland zunächst Ostvertriebene und nach der Wende 1989 viele Russlanddeutsche eine neue Heimat zwischen Barßel und Damme. Binnen weniger Jahre zogen allein rund 20  000 Spätaussiedler in den Landkreis Cloppenburg. Sie sind heute vor allem im Handwerk erfolgreich. Hinzu kommt eine nicht zu unterschätzende Zahl an Bul­garen und Rumänen, die in der Schlachtbranche arbeiten.

Auf dem Land treffen überwiegend gesunde Gemeindekassen auf intakte Nachbarschaften und ein ­aktives Vereinsleben. Viele junge Menschen bleiben vor Ort oder kehren nach dem Studium zurück, um in der alten Heimat eine Familie zu gründen. Laut einer Untersuchung liegen die Lebenshaltungskosten in der Region noch um 40 % niedriger als in den Metropolen.

Doch das eigene Häuschen – die Eigenheimquote liegt immer noch bei einem Spitzenwert von etwa 80 % – kann sich nicht mehr jeder leisten. Die Konkurrenz ­zwischen Gewerbe, Bauland und Landwirtschaft verschärft sich und treibt die Quadratmeterpreise in die Höhe.

Gründergeist mit Tradition

Die Wirtschaft der Region wuchs in den vergangenen Jahrzehnten. Dennoch gibt es ein paar Wolken am Horizont. Allein mit den „Landeskindern“ lässt sich der einsetzende Fachkräftemangel nicht decken. Deshalb muss das Oldenburger Münsterland attraktiver für qualifizierte Neubürger werden.

Die Leitbranchen Ernährung und Kunststoff stehen in den kommenden Jahren vor einem Wandel. Mehr Nachhaltigkeit, Klimaschutz und andere Essgewohnheiten werden die Firmen verändern. Dabei sind kreative Köpfe gefragt. Fernab der Großstädte gibt es schon jetzt viele Start-ups, sechs auf 1000 Einwohner, und zahlreiche Patent­anmeldungen pro Jahr. Es wäre nicht das erste Mal, dass die Region ihren Gründergeist nutzt.

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Dr. Barbara Grabkowsky beschreibt, vor welchen Herausforderungen die Höfe im Oldenburger Münsterland stehen. Ihr Team von trafo:agrar gibt den Landwirten Impulse.

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