Naturverjüngung spart Kosten

Mit der Birke neu starten

In NRW warten viele Kalamitätsflächen auf die Wiederaufforstung. Statt mit großem Kostenaufwand neu zu pflanzen, kann die Wiederbewaldung durch Birkennaturverjüngung eine Alternative sein.

Rund 90 000 ha müssen die Waldbauern in NRW in den kommenden Jahren aufforsten. Das ist eine Mammutaufgabe, die viel Geld kostet. Der Erfolg bleibt trotzdem unsicher. Denn welche Baumarten sich unter den veränderten Klimabedingungen etablieren, wird sich erst zeigen.

Dieser Z-Baum schafft mit einem Alter von 14 Jahren einen jährlichen Dickenzuwachs von 1 cm und ein Längenwachstum vom 1 m. In zwei Pflege-maßnahmen sind Bedränger entfernt worden und der Stamm ist bis 6 m astfrei. (Bildquelle: Wobser)

Die Frage ist also: Wie kann die Wiederbewaldung mit minimalem Aufwand gelingen, dabei Erträge produzieren und Zeit für den ­Aufbau langfristig stabiler Wälder verschaffen?

Ein Konzept, das die Birke zum Start in den Mittelpunkt stellt, könnte eine Antwort auf die Frage sein. Dafür müssen Waldbauern aber zunächst das traditionelle Bild der Birke vom „Unkraut des Waldes“ über Bord werfen – das ist sie nämlich nicht. Entsprechend gepflegt, liefert die Birke Holz mit guten technischen Eigenschaften für viele Anwendungen.

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Der ideale Pionierbaum

Gerade auf Kalamitätsflächen sehen die Mitarbeiter des Landesbetriebes Wald und Holz NRW gute Voraussetzungen, die Birke zu etablieren und ­damit eine Alternative zu traditionellen Aufforstungskonzepten zu bieten. Der Landesbetrieb selbst hat nach Kyrill einige solcher Flächen angelegt und sie vergangene Wochen im Rahmen einer Fort­bildungs­veranstaltung am Zentrum für Wald und Holzwirtschaft (ZWH) in Arnsberg vorgestellt.

Norbert Tennhoff, Mitarbeiter des Landesbetriebes, betreut diese Flächen und fasst die Eigen­schaften der Sandbirke als typische Pionierbaumart auf Kahlflächen so zusammen:

  • Früh- und Erstbesiedler (besonders auf Störungsflächen),
  • Samenverbreitung durch Wind,
  • rasches Jugendwachstum,
  • unempfindlich gegen Frost- und Klimaextreme,
  • frühe und häufige Fruktifikation,
  • früher, maximaler Höhen­zuwachs (etwa im Alter von zehn Jahren, ab 25 Jahren stark nachlassend),
  • maximaler Durchmesserzuwachs im Alter von etwa 20 Jahren,
  • geringes Höchstalter (maximal 150 Jahre).

Birken produzieren große Mengen Samen, die bis zu 12 Jahre keimfähig bleiben und sich weit verbreiten. (Bildquelle: Catkins/stock.adobe.com)

Dabei stellt die Birke nur geringe Ansprüche an die Nährstoffversorgung des Bodens, gilt aber als eine extreme Lichtbaumart – was sich bei den Empfehlungen zur waldbaulichen Behandlung zeigt.

Tennhoff sieht die Birke in der Wiederaufforstung auf sehr frischen bis mäßig frischen Standorten, die zum Beispiel auch für Stiel- oder Traubeneiche infrage kommen.

Typische Waldgesellschaften mit dauerhaft höherem Birkenanteil sind dann auch:

  • Birken-Stieleichenwald (mit Kiefer) auf nährstoffarmen feuchten (Sand)Böden oder
  • Birken-Traubeneichenwald (mit Kiefer) auf nährstoffarmen mäßig trockenen Böden.

Natürlich ist die Birke kein Wunderbaum. Sie verträgt zum Beispiel keine Schneeauflage und ist gegenüber Sturmwurf nur wenig widerstandsfähig.

Von der Kahlfläche zum Vorwald

Das Team Waldbau des Landesbetriebes Wald und Holz hat die Birke als klassische Pionierbaumart schon länger im Blick und auf Kyrill-Flächen Birkenvorwälder etabliert. Diese Flächen sind inzwischen 14 Jahre alt und liefern Erfahrungen zur waldbaulichen Behandlung der Birke.

Bestandesbegründung: Die typische Bestandsbegründung erfolgt durch Naturverjüngung. Birken produzieren große Mengen flugfähiger Samen. So enthält zum Beispiel 1 kg Sandbirkensaat mehr als 6 Mio. Samen.

Alternativ kommt die sogenannte Schneesaat im manuellen Verfahren mit etwa 10 kg/ha infrage. Allerdings ist die Saatgutverfügbarkeit begrenzt.

Ein Birkenvorwald eignet sich sehr gut für den Voranbau weiterer Baumarten, hier ist es die Weißtanne. (Bildquelle: Wobser)

Erschließung: Wer sich für die Wiederbewaldung mit einem Birkenvorwald entschließt, muss wissen: Ganz ohne Pflege geht es nicht. Ziel der waldbaulichen Maßnahmen ist zunächst die Auswahl und Entwicklungsförderung von etwa 50 bis 80 Z-Bäumen pro Hektar. Denn nur entsprechend gepflegte Birken liefern in einem Alter ab etwa 60 Jahren für die Holzindustrie verwertbares Holz.

Norbert Tennhoff empfiehlt dringend, in den Beständen Pflegepfade von 1 bis 1,5 m Breite in einem Abstand von 20 bis 25 m anzulegen. Sie dienen in den ersten Jahren zur Orientierung und können später zu Rückegassen ausgebaut werden. Deshalb sollte die Anlage auch fachgerecht mit Kompass und Fluchtstangen erfolgen.

Wer Zeit sparen will, legt die Pfade zeitgleich mit der Auswahl der Z-Bäume an. Beides kann im Alter von etwa zehn Jahren, je nach Entwicklung auch etwas früher, erfolgen. Für das Anlegen der Pfade kalkuliert der Experte des Landesbetriebes 4 Std./ha bzw. 35 €/100 lfdm.

Die Z-Bäume: Sie müssen zu diesem Zeitpunkt folgende Kriterien erfüllen:

  • Oberhöhe 9 bis 10 m,
  • Brusthöhendurchmesser (BHD) 8 bis 10 cm,
  • Trockenastzone 4 bis 5 m (je nach Dichtstand)
  • Vitalität: vorherrschende und herrschende Bäume.
  • Es kommen nur Bäume mit gerader Schaftform, wipfelschäftig, ohne Zwiesel und ohne stärkere Äste (Ø maximal 1,5 cm) im unteren Stammbereich infrage.
  • Der Kronendurchmesser hiebs-reifer Birken soll etwa 7 m be-tragen, das heißt der Mindestabstand der Z-Bäume muss bei etwa 10 m liegen. Sind die Bäume ausgewählt, sollten sie eine dauerhafte Markierung beispielsweise mit blauem Farbspray ­erhalten. Das vereinfacht in den Anfangsjahren das Wiederfinden.

Pflegemaßnahmen: Um den Z-Bäumen eine entsprechende Entwicklung zu ermöglichen, gilt es, Bedränger in ihrer Nähe konsequent zu entfernen. Häufig sind es drei bis fünf Bedränger pro Z-Baum, die im Zeitraum Ende März bis Mitte Mai fallen müssen, um der Krone Licht zu verschaffen. Zwischen den einzelnen Z-Bäumen bleibt der Bestand zunächst wie er ist.

Ziel muss es sein, die Z-Birken bis etwa 6 m astfrei zu halten und auf rund 50 % der Baumhöhe eine grüne ­Krone zur Verfügung zu haben, erklärt der Waldbauexperte des Landes­betriebes.

Bis zu einer Oberhöhe von 15 m sind dann im Abstand von zwei bis drei Jahren weitere Pflegemaßnahmen notwendig. Der Zeit- und Kostenaufwand beläuft sich für den ersten Eingriff inklusive der Anlage von Pflegepfaden auf etwa 12 bis 18 Std./ha bzw. durchschnittlich 500 €/ha. Für den zweiten Eingriff kalkuliert der Landesbetrieb 6 bis 8 Std./ha bzw. durchschnittlich 250 €/ha.

Ziel der Pflege sind Z-Bäume mit einem Durchmesser von 45 bis 50 cm nach 60 bis 70 Jahren.

Die Wirtschaftlichkeit: Verschiedene Berechnungen zeigen, dass die Birke auch wirtschaftlich konkurrenzfähig ist. Im Vergleich zu einem gepflanzten Fichtenbestand, der im Alter von 80 Jahren aufgrund einer Kalamität verwertet werden muss, ist der jährliche Ertrag pro Hektar einer Birkennaturverjüngung mit 200 € nur um 10 € geringer.

Viele Möglichkeiten für die Holzverwertung

Bereits in absehbarer Zeit wird die Verfügbarkeit der traditionellen Rundhölzer für die hiesigen Sägewerke deutlich zurückgehen. Nach Überzeugung von Dr. Stefanie Wieland, Leiterin des Teams Holzwirtschaft am ZWH, kann die Birke künftig ­einen Teil des Bedarfs decken, denn ihre technischen Eigenschaften entsprechen vielfach denen der Fichte – ein Grund, warum Dr. Wieland derzeit Möglichkeiten und Vorteile der Birke für den Holzbau untersucht.

Gerade der Wohnungsbau mit Holz hat nicht zuletzt wegen des CO2-Speicherpotenzials Zukunft, ist Dr. Wieland überzeugt. Insgesamt betrug der Bedarf an Schnittholz im konstruktiven Holzbau 2020 3,63 Mio. m3, für 2030 sind 5,93 Mio. m3 vorhergesagt.

  • Birke passt mit ihren technischen Eigenschaften sehr gut in dieses Nutzungsspektrum.
  • Birke ist zäh, elastisch und hat gute mechanisch-technologische Eigenschaften, ist sowohl manuell als auch maschinell mit allen Werkzeugen sehr gut zu bearbeiten.
  • Sie liefert langfaseriges, feines Holz mit einer mittleren Rohdichte von 650 kg/m3 (12 bis 15 % Holzfeuchte). Zum Vergleich, Buche 690 kg/m3 und Fichte 450 kg/m3.
  • Birke bietet ein besseres Quell- und Schwindverhalten als die Buche.
  • Aufgrund der Festigkeit ergeben sich zum Beispiel an Längsträgern geringere Querschnitte als mit Fichte und es sind Hy­bridverklebungen möglich.

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