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Demo in Berlin: Schaut auf diese Bauern!

Wochenblatt-Chefredakteur Anselm Richard.

Was für ein Zeichen! Tausende Landwirte machen sich, viele mit ihren Traktoren, auf den Weg in die Hauptstadt. Jetzt ist die Politik am Zuge, den Aufschrei vom Lande als Anstoß zum Handeln zu sehen.

Berlin erlebte am Dienstag wohl die größte Bauerndemo aller Zeiten in Deutschland. Hut ab vor diesen Bäuerinnen und Bauern, den Organisationsteams und ihren Unterstützern! Eine tolle Ini­tiative, überragendes Engagement und Durchhaltevermögen. Schon am Montag hatten Landwirte mit ihren Schleppern sieben Großstädte auch in Nordrhein-Westfalen besucht. Allein die überwältigende Zahl der Teilnehmer zeigt: Es brennt auf den Höfen.

Nackte Existenzangst als Antrieb

Schon in der Nacht zu Dienstag war klar: Hier geht es nicht um Protest „gegen mehr Umweltschutz“ oder „gegen mehr Tierwohl“, wie manche Medienvertreter zu glauben scheinen. Was vor allem junge Bäuerinnen und Bauern auf die Straße treibt, ist nackte Existenzangst. Die Befürchtung, dass ihre Betriebe den Kampf ums Überleben verlieren. Dass sie im Zuge einer abgehobenen Diskussion als Kollateralschaden auf der Strecke bleiben, weil sie nicht angehört wurden.

Um das zu verhindern, sind sie tagelang unterwegs von ihren Höfen nach Berlin und zurück. Das ist keine Spazierfahrt! Schon lange ist das Motto demonstrierender Bauern: Redet mit uns statt über uns! Richtig verstanden haben das wohl nur wenige Politiker und Interessenvertreter anderer Organisationen.

Kein Sündenbock der Nation

Niemand, der im landwirtschaftlichen Berufsstand Verantwortung trägt, verweigert sich ernsthaft dem Dialog mit der Gesellschaft. Und das ganz unabhängig davon, ob er einem Verband angehört und welchem. Die Bauern und ihre Familien haben ein Recht darauf, dass ihre Interessen und Einwände ernst genommen werden. Sie wollen nicht länger als Sündenbock der Nation dastehen, weil ihnen alles in die Schuhe geschoben wird, was in Umwelt und Natur schiefläuft. Sie sind zur Veränderung bereit, das haben sie und auch ihre Verbände längst im Alltag bewiesen.

Aber auch Ziele im Sinne von Natur, Umwelt und Tieren erreicht man nicht mit der Brechstange, sondern am besten mit Augenmaß. Bauern sorgen für das tägliche Brot, und sie betreiben Ackerbau und Viehzucht nicht als Freizeitvergnügen.

Erste kleine Erfolge der Demo sind schon sichtbar: Umweltministerin Svenja Schulze, die Einladungen der Bauern sonst gern ausschlägt, hat wohl begriffen, dass sie sich den Landwirten stellen muss. Und der „Agrargipfel“ mit Bundeskanzlerin Merkel am Montag kommender Woche wäre ohne das Engagement der „Land schafft Verbindung“-Gruppe nicht zustande gekommen. Hoffentlich bringt er greifbare Ergebnisse. Jetzt ist die Politik am Zuge, den Aufschrei vom Lande als Anstoß zum Handeln zu sehen.

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