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Borchert-Kommission: Vorschläge mit Zündstoff

Patrick Liste, Stellvertretender Chefredakteur.

Ein Umbau der Tierhaltung ist unumgänglich, urteilt die Borchert Kommission und fordert nicht weniger als einen Systemwechsel ein. Vielen Praktikern stockt bei dieser Vorstellung der Atem. Sie sind zu Veränderungen bereit, aber müssen diese gleich so drastisch sein?

Das Fazit der Borchert-Kommission hat es in sich: Die Nutztierhaltung in Deutschland ist nicht zukunftsfähig. Bleibt alles wie bisher, verlieren die Tierhalter weiter an Akzeptanz in der Gesellschaft. Höhere Auflagen bekommen sie nicht bezahlt, ihre Wettbewerbsfähigkeit sinkt, die Importe von Waren mit geringeren Tierwohlstandards steigen.

Mehr Tierwohl und Umweltschutz

Deshalb empfiehlt das Kompetenznetzwerk unter Leitung des ehemaligen Landwirtschaftsminister Jochen Borchert einen grundlegenden und langfristigen Umbau der deutschen Nutztierhaltung – hin zu mehr Tierwohl und Umweltschutz. Das soll schrittweise und tierartspezifisch bis 2040 erfolgen.

Im Klartext: Viele der heute gängigen Ställe verschwinden. Denn ein Standardstall für Mastschweine soll künftig mehr Platz, strukturierte Buchten, teils planbefestigte Böden sowie möglichst Kontakt zum Außenklima bieten. In Neubauten ist Außenklimakontakt Pflicht.

Finanzierung der "Transformation"?

Diese „Transformation der Nutztierhaltung“ geht mächtig ins Geld. Die Borchert-Kommission beziffert die Kosten auf anfangs 1,2 und später 3,6 Mrd. € jährlich. Klar ist für die Fachleute: Über den Markt bekommen die Landwirte das Geld nicht zurück. Die Verbraucher zahlen es schlichtweg nicht. Daher soll der Staat einspringen mit Prämien sowie Investitionsförderungen. Das Geld dafür könnte aus einer Verbrauchssteuer auf tierische Produkte kommen, beispielsweise 40 Cent/kg Fleisch und 2 Cent/kg Milch.

Vielen Praktikern stockt bei diesen Vorstellungen der Atem. Sie sind zu Veränderungen bereit, aber muss es gleich ein Systemwechsel sein? Vielleicht braucht die aufgeheizte Debatte zur Tierhaltung jetzt genau diese Analyse. Sie erdet die oft von Ideologie getriebenen Wünsche an Tierhalter. Und sie nimmt Politik sowie Gesellschaft in die Pflicht und verlangt eine Grundsatzentscheidung: Sollen die deutschen Tierwohl- und Umweltstandards über dem Niveau anderer Länder liegen? Wenn ja, muss dafür zusätzliches Geld fließen. Dafür brauchen die Tierhalter Planungssicherheit auf 20 Jahre und mehr, wie beim Erneuerbare-Energien-Gesetz. Nur dann sind sie überhaupt bereit, sich darauf einzulassen.

Diskussion versachlichen

Es wäre die Chance auf den oft gewünschten Gesellschaftsvertrag. Er kann die Forderungen versachlichen und Kompromisse finden. Das verlangen ganz akut vor allem die Ferkelerzeuger: Am Freitag dieser Woche entscheidet der Bundesrat über die Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung. Durch politische Machtspiele drohen existenzbedrohende Verschärfungen bei den Kastenständen. Sollte zudem beispielsweise die Forderung zum Platzangebot von 7 m² in Abferkelbuchten kommen, dürften etliche Sauenhalter aussteigen. Dann gibt es noch weniger Ferkel aus Deutschland – das kann doch nicht Ziel sein.

Die Vorschläge der Borchert-Kommission dürften zu lebhaften Debatten führen. Egal welcher Weg am Ende steht: Die deutschen Tierhalter brauchen eine tragfähige Zukunftsstrategie.

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