Querschnittsgelähmt: Das Leben neu einrichten

Querschnittslähmung

Ute Grell ist querschnittsgelähmt. Seit einem Sturz kann sie Arme und Beine nicht richtig benutzen. Ihre Geschichte zeigt, wie wichtig Familie, soziale Kontakte und der eigene Antrieb für ein selbstbestimmtes Leben sind.

Heute, rund zwei Jahre nach dem folgenschweren Sturz, hat sich Ute Grell zurück ins Leben gekämpft. Der Alltag ist jedoch ein anderer – sowohl für sie als auch für ihren Mann Dieter. Ute Grell leidet an einer inkompletten Tetraplegie, einer Form von Querschnittslähmung. Diese betrifft den Rumpf und vor allem Arme und Beine, die gelähmt sind. Jedoch ermöglicht eine Restmotorik den Gebrauch der Extremitäten.

„Ich muss mit der Situation wie sie jetzt ist, umgehen“, sagt Ute Grell und blickt dabei auf einen harten Weg zurück. Der Unfall geschah an einem dunklen Freitagabend im November, als sie Abfall zur Mülltonne bringen will. Am Ende des Grundstücks bin ich über die leicht erhöhten Randsteine zum Nachbarn hin gefallen. Stumpf auf das Gesicht“, erzählt Ute Grell. Ein Fußgänger hört schließlich ihre Hilferufe und benachrichtigt ihren Mann und den Rettungsdienst.

Im Herforder Klinikum stellen die Ärzte eine Stauchung der Halswirbelsäule fest. In einer Notoperation wird ihr der Wirbelkanal gedehnt und gerichtet. Sie erhält zwei neue Bandscheiben. Bewegen kann sie sich Hals abwärts nicht. Arme und Beine gehorchen ihr nicht. Blasen- und Darmfunktion sind gestört. Berührungen und Druck – schon durch Kleidung oder Sitzen – erzeugen Nervenschmerzen. Normale Schmerzen wie beispielsweise durch eine Verbrennung spürt sie dagegen nicht. Die Situation ist niederschmetternd.

Sie bleibt neuneinhalb Monate in der Klinik

Als sie drei Tage nach dem Eingriff das Gefühl hat, ein kitzelndes Haar am Hals wegnehmen zu müssen, kann sie tatsächlich spontan die linke Hand hochheben. „Das war ein unbeschreiblicher Glücksmoment“, erinnert sich die 66-Jährige.

Ute Grell denkt fortan positiv, ist bereit, alles zu geben, um wieder gesund zu werden. Nach fünf Tagen wird sie in die Werner-­Wicker-Klinik ins hessische Bad Wildungen verlegt. „In der Gemeinschaft der Klinik mit anderen Querschnittsgelähmten relativierte sich das eigene Schicksal. Ich war wie unter einer Glocke mit dem Gefühl ,Das krieg ich wieder hin‘“, erinnert sie sich.

In dem Zentrum für Rückenmarkverletzte arbeitet sie hart an sich und ihrem Körper. Der Therapieplan ist gefüllt mit krankengymnastischen Übungen und Ergotherapie. Doch die Heilungsprozesse verlaufen langsam. Oft habe es Wochen gedauert, bis sie eine winzige Bewegung in den Händen oder Beinen herbeiführen konnte.

Nach neuneinhalb Monaten hat sie Fortschritte gemacht. Sie kann angegurtet 50 m auf den Beinen gehen, sich mit der Bürste halbwegs über die Haare fahren, mit Spezialbesteck kann sie essen und mit dem Daumen das Display auf dem Handy bewegen.

Sie ändert ihre Wertvorstellungen

Es kommt der Tag der Entlassung und zu Hause ist dann doch vieles anders. Das macht sich an vielen Kleinigkeiten bemerkbar. Zum Beispiel ist das Sofa viel zu tief und muss aufgebockt werden, damit sie besser aufstehen kann. Ihrer Hilflosigkeit und Verletzbarkeit wird sie sich immer wieder bewusst.

Ute Grell muss fortan eine Reihe von Medikamenten einnehmen. An ein Zurück ins Berufsleben ist nicht zu denken. Sie bleibt erwerbs­unfähig, ist auf einen Rollstuhl angewiesen. Sie benötigt Pflege und Hilfe, erhält den Pflegegrad IV.

Ihre Ansprüche an Äußerlichkeiten schraubt sie herunter. „Man muss sich fragen, was wirklich wichtig ist im Leben und seine Werteskala überprüfen und an der Realität ausrichten. Sonst wird man unzufrieden und zur Belastung für die Menschen, die sich um einen kümmern“, argumentiert Ute Grell.

So finden sie und ihr Mann zurück in ein neues, anderes Leben. Dieter Grell ist ihr dabei eine große Stütze. Er schraubt beruflich zurück, nimmt an einem Pflegekurs teil und übernimmt vor allem abends die Pflege seiner Frau.

„Mir ist es aber wichtig, dass ich meine Familie und Angehörigen so wenig wie möglich belaste.“ Damit das gelingen kann, nimmt die 66-Jährige nicht nur täglich einen Pflegedienst in Anspruch, sondern setzt auf ein privat organisiertes „Pflegenetzwerk“ aus Bekannten, Freunden, Nachbarn und Helfern.

Sie arbeitet hart an sich

Trotz ihrer Behinderung ist Ute Grell körperlich sehr aktiv: zehnmal in der Woche. Donnerstags kommen zwei Therapeutinnen zu ihr ins Haus. Physiotherapeutin ­Ines Eckel-Meyer bewegt für eine Dreiviertelstunde ihren Körper. Sie dehnt die Muskeln, setzt Reize an bestimmten Zonen, um betroffene Muskelpartien zu aktivieren und reguliert mit speziellen Übungen den Muskeltonus.

Doch damit nicht genug. Infolge der Lähmung versteifen Gelenke auch im Handbereich. Ergotherapeutin Christina Pust kommt ebenfalls regelmäßig und führt mit ihr Handübungen durch, um die Beweglichkeit zu fördern und einer Versteifung der Finger- und Handgelenke vorzubeugen.

Darüber hinaus erhält Ute Grell weitere neurologische Krankengymnastik wie Bobath, PNF und Vojta-Therapie. „Zusätzlich gehe ich etwa viermal pro Woche auf meinen speziellen Heimtrainer“, berichtet Ute Grell. Das alles ist harte Arbeit. Aber es hilft ihr die Beweglichkeit und Kraft in den noch intakten Muskeln zu unterstützen und gelenkig zu bleiben.

Sie meistert Rückschläge

Doch nicht immer kann sie das straffe Trainingsprogramm durchhalten. Heftige Schmerzen vor allem im Oberschenkelbereich machen ihr immer häufiger zu schaffen. Als der Schmerztherapeut ihr ein niedrig dosiertes Opiat verschreibt, muss sie das nach drei Tagen absetzen. „Die Schmerzen wurden zwar dumpfer, auch der Berührungsschmerz an den Händen war gedämpft“, erzählt Ute Grell. Allerdings kommt es zu gravierenden Nebenwirkungen.

Sie fühlt sich völlig benommen, kann sich kaum wachhalten, ist völlig inaktiv und hat Schwierigkeiten mit dem Kreislauf und der Verdauung. Ihr wöchentliches Trainingsprogramm kann sie nicht einhalten. Das alles bleibt nicht ohne Folgen. Sie ist so steif und verkrampft, dass sie sich kaum noch bewegen kann. „Das war richtig schrecklich. Wenn ich keine Fortschritte mache und völlig hilflos bin, kann ich das schlecht ertragen“, sagt sie.

Sie setzt sich immer neue Ziele

Aber Ute Grell ist nicht der Typ, der ständig mit seinem Schicksal hadern möchte, und geht ihre Situation pragmatisch an: „Man muss auf sich aufpassen, wenn man allein ist und nicht über das eigene Schicksal sinnieren, sondern sich Aufgaben stellen und Hilfe suchen.“

Sie hat Prinzipien. Eine davon besagt, dass sie behandelt werden möchte wie jeder andere auch. „Wenn ich Hilfe benötige, dann sage ich das. So kann ich meinem Gegenüber auch mögliche Unsicherheiten mir gegenüber nehmen.“

Für die Zukunft hat sich die 66-Jährige einige Ziele gesteckt - alles kleine Mutproben, wie sie sagt. Sie möchte das Zugfahren professionalisieren. Da wäre auch noch der Garten neu zu gestalten, an deren Planung sie mitarbeiten möchte. Und auch an ihrer Beweglichkeit will sie arbeiten und ohne Rollator vom Esstisch zum Sofa und zur Toilette gehen können.

Ihre Vorsätze richtet sie nach ihrem neuen Leben aus. „Diese Ziele müssen sein, damit ich mich trotz Krankheit gesund fühle", erklärt sie. "Ich fühle das Handicap einer Querschnittslähmung, kann aber trotzdem am Leben teilnehmen.“

Der Beitrag ist nachzulesen auf den Gesundheitsseiten der Wochenblattausgabe 7/2019.

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