Studie beleuchtet Rolle der Versicherung

Der LVM in der NS-Zeit: Nazis, Bauern, Direktoren

Der LVM feiert 125-jähriges Bestehen: Aus dem kleinen Verein für westfälische Bauern wurde der bundesweite Rundum-Versicherer. Zum Jubiläum wurde auch ein besonders dunkles Kapitel ausgeleuchtet.

Der LVM in Münster hat kürzlich ihr 125-jähriges Bestehen gefeiert. Das bundesweit agierende Versicherungsunternehmen, hervorgegangenen aus einem kleinen "Landwirtschaftlichen Versicherungsverein" (LVM) für westfälische Bauern, hat dieses Jubiläum zum Anlass genommen, den Frankfurter Historiker Johannes Bähr zu beauftragen, die Geschichte des Versicherungsunternehmens in der Zeit des NS-Regimes unter die Lupe zu nehmen. Der Autor, Professor für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Goethe-Universität in Frankfurt/Main, hat die Kernergebnisse seiner 160-seitigen Studie heute der Öffentlichkeit vorstellt.

Der LVM war demnach in der NS-Zeit ein Haftpflicht- und Tierversicherer für Landwirte in Westfalen mit rund 80 Mitarbeitern sowie rund 800 Vertrauensleuten in Westfalen. Aufsichtsrat und Vorstand des LVM wurden 1933 mit Nationalsozialisten neu besetzt, so dass bis 1945 sieben von elf Aufsichtsratsmitgliedern sowie sieben von zehn Vorstandsmitgliedern der NSDAP angehörten. Die hauptamtlichen Vorstandsmitglieder und Geschäftsführer waren nicht Mitglieder der NSDAP.

"Keine direkten Vorteile"

Obwohl die Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder des LVM mehrheitlich aktive Nationalsozialisten und Funktionsträger der Landesbauernschaft waren oder sogar der SS angehörten, sei das Unternehmen nicht unmittelbar an der Ausgrenzung und Ausraubung der Juden beteiligt gewesen, heißt es in einer zusammenfassenden Pressemitteilung des LVM. Und wörtlich: „Aufgrund seines Geschäftsmodells konnte der Versicherungsverein aus der Verfolgung der Juden keine direkten Vorteile ziehen." In der Zeit des Nationalsozialismus habe das Unternehmen hohe Zuwächse bei der Mitgliederzahl und den Beitragseinnahmen verzeichnet – eine Folge unter anderem der wachsenden Nachfrage in der Kfz-Haftpflichtversicherung und auch der Ausweitung des Geschäftsgebiets.

Im Gegensatz zu den großen überregionalen Versicherungsunternehmen habe der LVM seinen Geschäftsbetrieb nach dem Krieg fast nahtlos weiterführen können. Auf Anordnung der britischen Militärregierung seien die politisch belasteten Mitglieder des Aufsichtsrats und des Vorstands ausgeschieden. „Anders als in vielen Unternehmen kam keiner dieser Männer nach der Entnazifizierung zum LVM zurück.“

Einsicht in die Verstrickungen

Das Unternehmen habe sich „ehrlich und unvoreingenommen“ mit dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte befassen wollen erläutert LVM-Vorstandsvorsitzender Mathias Kleuker die Motive zur Untersuchung. „Wir haben uns bewusst für eine unabhängige und wissenschaftlich fundierte Aufarbeitung entschieden, um Einsicht in die Verstrickungen des Unternehmens und seiner Persönlichkeiten zu erhalten.“

Die Studie von Johannes Bähr trägt den Titel: „Bauernführer, Direktoren und Vertrauensmänner: Die LVM Versicherung im ‚Dritten Reich‘“. Sie hat 160 Seiten, ist im Societätsverlag erschienen (ISBN 978-3-95542-416-9) und im Buchhandel zum Preis von 20 Euro erhältlich.

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