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Studie zur Zukunft der Regionen

Taumelnder Westen

Das Berlin-Institut hat untersucht, wie gut deutsche Regionen für die Zukunft aufgestellt sind. Für Nordrhein-Westfalen lautet die Antwort: Durchwachsen.

Das Bewertungsschema der Wissenschaftler orientiert sich an Schulnoten. Ein Blick in das Verbreitungsgebiet des Wochenblattes zeigt: Die regionalen Unterschiede sind teils gewaltig. Graue, als gut /befriedigend bewertete Gebiete grenzen an tiefrote Regionen.

Lange waren sich die Wissenschaftler einig: Deutschland wird schrumpfen. Noch ist aber genau das Gegenteil der Fall. Dank Zuwanderung und leicht gestiegener Kinderzahlen erlebt die Bundesrepublik ein Zwischenhoch. Mit 83 Mio. Einwohnern ist die Bevölkerung so groß wie noch nie seit der Wiedervereinigung.

Der demografische Wandel ist damit allerdings nicht vom Tisch. Das hat das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung mit einer Studie zur Zukunftsfähigkeit der deutschen Regionen jüngst unterstrichen. 401 Kreise und kreisfreie Städte haben die Analysten in den Blick genommen. Ein Ergebnis: Besonders der Westen Deutschlands hat im Vergleich zu den Vorgängerstudien an Boden verloren. Ein Weiteres: Wie in kaum einem anderen Bundesland prallen in Nordrhein-­Westfalen regionale Gegensätze aufeinander.

Die Studie
Wie schon in den Jahren 2004, 2006 und 2011 hat das Berlin-Insitut untersucht, welche 401 Kreise und kreisfreien Städte am zukunftsfähigsten aufgestellt sind, wo Probleme bestehen oder sich abzeichnen. Um die „Zukunftsfähigkeit“ der Regionen vergleichbar zu bewerten, wurden 21 Indikatoren aus vier Bereichen ausgewählt: Demografie, Wirtschaft, Bildung und Familienfreundlichkeit. Für die Bewertung der einzelnen Indikatoren wurden Schulnoten gebildet, aus denen sich die Gesamtnote zusammensetzt: Von 1 wie „sehr gut“ bis 6 wie „ungenügend“.
Die gesamte Studie finden Sie hier.

Es kriselt im Westen

So befinden sich unter den 20 bundesweit am besten bewerteten Regionen zwölf bayrische, sieben aus Baden-Württemberg und mit Dresden auch ein sächsischer Vertreter. NRW folgt mit dem Kreis Coefsfeld erst auf Platz 73. Anders sieht es bei den 20 am schlechtesten bewerteten Kreisen aus: Hier ist NRW gleich sechs Mal vertreten und stellt mit Gelsenkirchen zudem das Schlusslicht. Auch das benachbarte Niedersachsen taucht gleich vier Mal in der Riege der letzten 20 auf. 2006 waren unter den 20 Schlusslichtern noch 19 ostdeutsche Kreise. „Der demografische Wandel ist nicht nur auf Ostdeutschland beschränkt“, hält Rainer Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts fest. Auch im Westen gebe es längst vergleichbare Gebiete.

Ein Land – viele Gesichter

Insbesondere im Ruhrgebiet und im westlichen NRW stehen die Zeichen auf Schwund. Der Strukturwandel – das Ende des Steinkohle-Abbaus ist mit dem Schließen der letzten Zeche in Ibbenbüren längst besiegelt, das Ende der Braunkohle absehbar – geht einher mit steigender Arbeitslosigkeit und sinkendem Einkommen. In Gelsenkirchen liegt das Nettoeinkommen im Schnitt bei nicht einmal 17 000 € pro Jahr und Kopf – der niedrigste Wert bundesweit.

Ein völlig anderes Bild zeigt sich im Nordosten des Landes. Die Universitätsstadt Münster ist deutschlandweit unter den Top 5 der Wanderungsgewinner. Im Münsterland entstehen nicht nur viele Arbeitsplätze in klein- und mittelständischen Unternehmen. Als einzige nordrhein-westfälische Region meldet das Münsterland seit der Jahrtausendwende einen Geburtenüberschuss. Die Gegensätze innerhalb NRWs werden besonders im direkten Vergleich deutlich: Im Kreis Coesfeld herrscht mit einer Arbeitslosenquote von etwa 3 % nahezu Vollbeschäftigung. Im nur eine Autostunde entfernten Gelsenkirchen sind es fast 12 %.

Im Kreis Coesfeld herrscht mit einer Arbeitslosenquote von etwa 3 % nahezu Vollbeschäftigung. Im nur eine Autostunde entfernten Gelsenkirchen sind es fast 12 %. (Auszug Studie)

Dass eine prosperierende Wirtschaft nicht immer auch mit einer stabilen Bevölkerungsentwicklung einhergeht, zeigt Südwestfalen. Obwohl einige Hundert sogenannte „Hidden Champions“ – relativ unbekannte Weltmarkt­führer   – im Märkischen Kreis und im Kreis Olpe beheimatet sind und auch im Sauer- und Siegerland neue Jobs entstehen, verliert Südwestfalen seit dem Jahr 2000 Einwohner. Zu groß ist die Zugkraft der Städte, vermuten die Wissenschaftler.

Tradition und Innovation

Besser – so legt es die Studie nahe  – meistert Ostwestfalen-Lippe (OWL) den Spagat zwischen Wohn- und Arbeitsort. Die Kreise Gütersloh und Paderborn wuchsen zwischen 2000 und 2016 um über 5 % und sind zugleich Heimat vieler weltweit agierender Unternehmen: Von Claas in Harsewinkel über Bertelsmann und Miele in Gütersloh bis hin zu Dr. Oetker in Bielefeld – einige der umsatzstärksten deutschen Familienunternehmen sind in OWL verortet. Zugleich erforscht die Region Entwicklungen für die Industrie 4.0. Das Technologienetzwerk „it’s OWL“ gehört zu einer der innovativsten Regionen der Bundesrepublik.

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