Ein Blick in die Zukunft

Was zu tun ist in Westfalen

Was kommt auf die Städte und Dörfer in Westfalen zu, wenn die Bevölkerung schrumpft und altert? Eine Studie, in Auftrag gegeben von der Westfalen-Initiative und dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe, liefert bekannte und auch ungewohnte Einsichten.

Deutliche bessere Datenverbindungen, eine gezielte Förderung des Fachkräftenachwuchses, die Stärkung der medizinischen Versorgung und der Pflege – das hält das private „Berlin-Institut“ für die wichtigsten Aufgaben, um vor allem den ländlichen Raum in Westfalen auf den bevorstehenden demographischen Wandel einzustellen. Das geht aus einer 64-seitigen Studie hervor, die das Institut im Auftrag der privaten Westfalen-Initiative und des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe erarbeitet hat. Unter dem Titel "Eine Region, viele Aussichten" analysiert sie die gegenwärtige und zukünftige Entwicklung der Bevölkerungsstruktur und deren Folgen vor allem für die Wirtschaft der Kommunen, Kreise und Teilregionen.

Hohe Unterschiedlichkeit auf engem Raum

Für den Landesteil Westfalen stellt das Institut eine große Unterschiedlichkeit auf engem Raum fest. Neben dem „jungen Münsterland" mit seiner rasant wachsenden Universitätsstadt im Zentrum kämpften „gleich nebenan“ die Großstädte an Emscher und Ruhr mit hoher Arbeitslosigkeit, während wiederum vielen Betrieben im ländlich geprägten Süden und Osten Westfalens zunehmend die Arbeitskräfte ausgingen. Denn: „Trotz guter Jobangebote ziehen dort die jungen Bewohner in Richtung der urbanen Zentren. Die Dörfer werden leerer, und die Versorgung wird schwieriger.“

Mit Blick auf den ländlichen Raum wartet die Studie mit einigen interessanten Befunden auf:

  • Landwirtschaft: Von allen westfälischen Teilregionen ist das Münsterland am stärksten landwirtschaftlich geprägt. Rund 2,4 % der Arbeitsplätze befinden sich dort im Sektor Landwirtschaft, im Kreis Coesfeld sogar 4 %. „In den letzten Jahren ist die absolute Zahl von Beschäftigten in der Landwirtschaft sogar noch gestiegen“, heißt es in der Bestandsaufnahme. Hinzu kommt der Sektor der Weiterverarbeitung, der zusätzliche Wertschöpfung und Arbeitsplätze schaffe: „Apetito, Iglo und Humana sind einige der bekannteren Lebensmittelmarken, die vom Münsterland aus Menschen in Deutschland und darüber hinaus mit Fertiggerichten, Tiefkühlpizza, Frischfleisch oder Suppen versorgen.“ Und weiter: "Vor allem in den Kreisen Borken und Steinfurt ist die Nahrungsmittelindustrie zuhause, mit 50 bzw. 40 Betrieben. Die Branche erwirtschaftet ein Fünftel des jährlichen Industrieumsatzes der Region.“
  • Ehrenamtliches Engagement: Es ist im ländlichen Raum hoch, aber keineswegs nur dort: So sind in Westfalen mehr als 10 Vereine pro 1000 Einwohner im ländlichen Kreis Siegen-Wittgenstein, aber auch in der Stadt Münster registriert. Weniger als 5 Vereine pro 1000 Einwohner finden sich hingegen im Kreis Recklinghausen und in den Kreisen Gütersloh und Herford.
  • Langsames Internet: Je ländlicher ein Ort, um so lückenhafter die Internetverbindungen und umso dünner die Datenübertragung – so lautet die Faustregel. In Westfalen stimmt sie, etwa für die Kreise Höxter und Olpe: Dort haben noch immer weniger als 60 % der Haushalte Zugang zu Internetversorgung mit einer Datenübertragungsrate von maximal 50 Mbit/Sec. Doch es gibt auch einige weniger schlechte Ausnahmen von der genannten Faustregel: Im Hochsauerlandkreis haben immerhin 84 % aller Haushalte die Möglichkeit zu diesem „mittelschnellen“ Internet mit 50 Mbit/Sec.
  • Arbeitsplätze: Städte wie Münster oder Bielefeld ziehen größere Pendlerströme aus dem Umland an, als diese Städte täglich zur Arbeit verlassen. Auf dem Land ist es umgekehrt, mit immerhin vier bemerkenswerten Ausnahmen: Ein statistisches Pendler-Plus verzeichnen in Westfalen auch die Kreise Minden-Lübbecke, Gütersloh, Olpe und Siegen-Wittgenstein.

Das Institut erwartet große Lücken auf dem Arbeitsmarkt, wenn in den nächsten Jahren die Babyboomer-Generation in Rente geht. „Gerade für Unternehmen in den ländlichen Gebieten dürfte dies zu einem großen Problem werden. Denn von den wenigen jungen Landbewohnern wandern viele auch noch ab.“ Um sie zu halten, seien gute Schulen und ausreichende Möglichkeiten zur Kinderbetreuung nötig, außerdem eine gute Infrastruktur für Einkauf, medizinische Versorgung, Mobilität sowie vor allem auch der digitalen Datenübertragung.

Das Berlin-Institut und seine streitbaren Thesen
Der Titel klingt ein wenig nach Universität und Hochschulforschung, aber: Das „Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung", ist eine private Forschungseinrichtung. Sie wurde vom Journalisten Dr. Reiner Klingholz im Jahr 2000 gegründet und finanziert sich im Wesentlichen aus Mitteln der Wirtschaft. Das Institut hat sich unter anderem mit Strukturanalysen zum Emsland, dem Oldenburger Münsterland, Thüringen oder Nordhessen befasst.
2013 ist das Institut durch streitbare Thesen in seiner bundesweiten Dorf-Studie „Vielfalt statt Gleichwertigkeit“ überregional bekannt geworden. Die Autoren hatten darin unter anderem gefordert, den Auftrag des Grundgesetzes zu streichen, der staatliche Instanzen verpflichtet, für gleichwertige Lebensverhältnisse in Deutschland zu sorgen.
Für Debatten hatte auch die Forderung des Instituts nach einer Art Abwrackprämie für "Dörfer in Schrumpfgebieten“ gesorgt. Wenn die Abwanderung stark und die Versorgung unzureichend sei, sollte es eine Möglichkeit geben, „die verbleibenden Bewohner mit Förderprogrammen zu einem Umzug“ zu bewegen, so die Forderung des Institutes. Diese Pläne waren auf erhebliche Kritik gestoßen, so etwa im September 2013 bei den Beteiligten einer Tagung der Regionale Südwestfalen zur ländlichen Entwicklung. Der Mescheder CDU-Abgeordnete Patrick Sensburg hatte die Vorschläge als eine „Unverfrorenheit sondergleichen“ zurückgewiesen.

Hier geht es zur Westfalen-Studie des Berlin-Instituts

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