Notgeld: Der Billionär aus Hille

Bernd Beyer sammelt Geld. Aber keine herkömmlichen Scheine, sondern Notgeld aus Westfalen. Diese Ersatzwährung kam vor gut 100 Jahren zum Einsatz – unter anderem als die Inflation galoppierte.

Bernd Beyer ist Billionär. Dennoch wohnt der 65-Jährige nicht in einer Villa, sondern bescheiden am Rahdener Postweg in Hille im Kreis Minden-Lüb­becke. Denn seine Billionen sind heute nur noch für Sammler von Wert. Beyer besitzt eine der größten Kollektionen mit Notgeld aus Westfalen.

Diese Ersatzwährung gaben Kommunen, Unternehmen und sogar Privatleute in Eigenregie aus, um lokal liquide zu bleiben. Wer mit dem Sammler spricht, geht auf einen Streifzug durch die ersten Jahrzehnte des 20. Jahr­hunderts.

Die Inflation galoppierte

Die Billionenscheine stammen aus dem Jahr 1923. Damals begann die Inflation in Deutschland zu galoppieren – kein Vergleich zur aktuellen Teuerung. „Mit Wäschekörben voller Geldscheinen bezahlten die Menschen damals ein Brot“, erzählt der Ostwestfale.

Die staatlichen Druckereien kamen mit dem Drucken des Geldes nicht nach. Neben der Reichsmark kamen damals auch Notgeldscheine wieder in den Umlauf, wie zum Beispiel Beyers Billionenschein der Bierbaumswerke in Porta Westfalica.

Doch auch vor der Hyperinflation 1923 gab es Notgeld in Deutschland. Es wurde meist dann gedruckt, wenn der normale Zahlungsverkehr gestört war. Als regionales Zahlungsmittel wurden die Scheine akzeptiert.

In Beyers Arbeitszimmer steht eine Schrankwand mit Katalogen und Literatur rund um das Thema Papier­geld. „Kataloge sind ganz wichtig für das Sammeln. Der Kata­log ist Wissen“, sagt er. Dort erfährt der Sammler alles, was er über die Scheine wissen muss: Ausgabedatum, Kontrollnummer, ungefährer heutiger Wert.

Bernd Beyer konzentriert sich auf das Notgeld der damaligen Provinz Westfalen. „Als Notgeld-Sammler muss man sich regional eingrenzen“, sagt er. Denn das Notgeld-Universum ist riesig – allein mehr als 6000 Ausgabestellen gab es von Juli bis November 1923.

Spannender als Bierdeckel

Er selbst stieß mit Ende 20 auf das Notgeld. Gesammelt hat er aber schon immer. Als Kind die alten Münzen seiner Oma, danach Briefmarken. „Geld ist etwas Besonderes. Das Sammeln von Münzen wird aber sehr schnell, sehr teuer“, sagt der Rentner. Anders das Notgeld. Nur selten fließen mehrere Hundert Euro für einen seltenen Schein.

Der gelernte Einzelhandelskaufmann und einstige Verkaufsfahrer im Blumengroßhandel führt dazu eine extra Kasse, um keinen Stress mit seiner Frau zu riskieren. „Es ist der Spaß am ­Sammeln, aber auch die Einsicht, dass man nie alle haben wird“, beschreibt er seine Leidenschaft und ergänzt ostwestfälisch trocken: „Außerdem ist es immer noch spannender, als Bierdeckel zu sammeln.“

Und untertreibt damit, denn die Notgeldscheine stecken voller Geschichte und Geschichten. Sie sind vor allem ein Abbild der bewegten Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Er selbst hat Notgeldscheine von dem Betrieb in Minden gefunden, in dem er vor Jahrzehnten seine Ausbildung gemacht hat. Mit einem anderen Schein konnte er einen ehema­ligen Besitzer einer Apotheke in Minden nachweisen.

Tresor aus Brauerei

Seine Notgeldscheine hat er alphabetisch sortiert. Feinsäuberlich stecken sie in säurefreien Folianten. Sie lagern in einem 1,3 t schweren Tresor. Das stählerne Ungetüm – mehr als 100 Jahre auf dem Buckel – gehörte einst der Feldschlösschenbrauerei in Minden. „Es müssen mehr als 10  000 Scheine sein“, schätzt er. Davon sind einige Unikate in seiner Kollektion.

Dem Laien fallen grafisch verzierte Scheine auf. Er entdeckt den Sachsenherrscher Widukind, ackernde Bauern oder die alten Burgmannshöfe von Lübbecke. „Diese Serienscheine aus den Jahren 1920 bis 1922 sollten schon damals zum Sammeln animieren“, erzählt Bernd Beyer. Ihm geht es aber eher um die Seltenheit und nicht um die Motive.

Im Gegensatz dazu zeigt er Geld aus einem Kriegsgefangenenlager des Ersten Weltkriegs. Es erinnert optisch an vergilbte Wertmarken, lässt aber das Sammlerherz höherschlagen.

Der Hiller freut sich diebisch, wenn er eine Rarität auf Börsen, Auktionen oder Flohmärkten in ganz Deutschland entdeckt. Vieles hat sich wegen Corona aber ins Internet verlagert. Ihm fehlen die Gespräche mit anderen Sammlern. Auch bei Wohnungsauflösungen hat der Ostwestfale Notgeld entdeckt und bietet jedem an, gefundene Notgeldscheine zu bestimmen. Womöglich stellt er bald seine Schätze in der ­alten Brennerei in ­Hille aus.

Geld in der Not
Schon in belagerten Städten gab es extra Zahlungsmittel. Das deutsche Notgeld während und nach dem Ersten Weltkrieg lässt sich in verschiedene Phasen unterteilen: Während es zu Beginn des Krieges kleine Nominale waren, kam es zum Ende des Krieges zu einer Bargeldhortung, die zu Notgeld mit ­höheren Werten führte.

Danach kam die Phase der aufwendig ­gestalteten Serienscheine, die oft einen lokalen Bezug hatten. Sie wurden im Sommer 1922 verboten. In den folgenden Monaten nahm die Inflation bis in den Herbst 1923 aber rapide zu. Notgeld kam wieder in den Umlauf. Die letzte deutsche Notgeld-Phase war für einige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg.

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