Diskussion am Rupert-Neudeck-Gymnasium Nottuln

Klimastreik, Parteien und Rezo auf Youtube

Die Europawahl, Rezos Video bei YouTube und Fridays for Future – die Jugend steht im Fokus. Mit Schülern von einem Gymnasium im Kreis Coesfeld haben wir vor den Ferien geredet. Sie sind enttäuscht, aber nicht verdrossen.

Spätestens seit der Europawahl fragt sich ganz Deutschland: Was ist eigentlich los mit der Jugend? Vor allem den Politikern der großen Parteien treibt sie Sorgenfalten auf die Stirn. Denn mit dem Wahlverhalten haben sie nicht gerechnet: Bei den unter 25-Jährigen liegen Die Grünen bei 34 %. Die CDU kommt lediglich auf 12 % der Stimmen, die SPD auf 8 %.

Ein ähnliches Bild zeigte sich am Rupert-Neudeck-Gymnasium in Nottuln im Kreis Coesfeld. Zwar dürfen die meisten der Schüler noch nicht wählen, doch die Schule nimmt seit Jahren am Projekt Juniorwahl teil. Dabei können alle Schülerinnen und Schüler von der achten bis zur elften Jahrgangsstufe ihre Stimme abgeben. Für die Europawahl waren es in Nottuln rund 240 Schüler.

Bei der Landtags- und Bundestagswahl 2017 erhielt die CDU jeweils noch über 40 % Zuspruch. Bei der Europawahl 2019 kam sie nur auf 8,2 % der Stimmen und landete auf dem vierten Platz hinter den Grünen (41,8 %), der FDP (14,3 %) und der SPD (9,2 %). Mit dem Leistungskurs Sozialwissenschaften der 11. Jahrgangsstufe der Schule haben wir über den Stimmungswandel gesprochen.

Themen der Jugend verpasst

Ein Schüler aus dem Kurs ist Richard Mannwald. Das so schlechte Abschneiden der Volksparteien bei den jungen Wählern hat den 17-Jährigen überrascht. Er ist selbst Mitglied der Jungen Union und nennt die Diskussion um den Artikel 13, also die Uploadfilter im Internet, und vor allem den Klimawandel als die Themen, die junge Menschen gerade beschäftigen. Für beides gingen und gehen sie zurzeit auf die Straße.

Richard Mannwald hadert mit seiner Parteimitgliedschaft. (Bildquelle: Schildmann)

„Beide Themen hatten die Volksparteien nicht auf dem Schirm“, sagt der Nottulner. Er selbst hadert mittlerweile mit seiner Mitgliedschaft in der Jungen Union. Sie ist im Münsterland oft die einzige aktive politische Jugendorganisation.

„Über sie konnte ich auf kommunaler Ebene Erfahrungen sammeln. Mittlerweile vertritt sie nicht mehr ganz meine Meinung“, räumt Richard ein. Für ihn ist der Klimaschutz mittlerweile die zentrale Herausforderung der Politik.

Sein Mitschüler Nicolas Pöter ist auch Mitglied der Jungen Union. „Ich schäme mich nicht für die Partei, aber Wahlkampf würde ich keinen machen“, gibt er zu.

Zu keiner Partei fühlt sich Marie Bussmann hingezogen. Die 18-Jährige nennt ein grundlegendes Problem: Die großen Parteien lassen sich mittlerweile mit Ausnahme der AFD und der Grünen inhaltlich kaum voneinander trennen. Die Grünen hätten bei den jungen Wählern punkten können, da sie ähnliche Anliegen wie die Fridays-for-Future-Pro­teste vertreten.

„Ich unterstütze einzelne Aspekte verschiedener Parteien. Keine Partei überzeugt mich so, dass ich in sie eintreten würde“, sagt die Schülerin und findet, dass man sich auch anders politisch engagieren kann. Sie macht es zum Beispiel in der Flüchtlingshilfe.

Marie Bussmann hält wenig von Parteien. (Bildquelle: Schildmann)

Ihr Mitschüler Marco Sietmann zeigt hingegen Verständnis für die großen Parteien. Nur sie würden in sich das Angebot für verschiedene Generationen vereinen. „Die Erwachsenen machen nicht alles falsch. Bei ihnen stehen andere Themen im Vordergrund“, sagt der 16-Jährige. Eine ausgewogene Politik muss für ihn auch Wirtschafts- und Sozialpolitik beachten und darf nicht alles dem Klimaschutz unterordnen.

Rezos Video auf YouTube sorgt für Furore

Ein Grund für das schlechte Abschneiden der Volksparteien bei den jungen Wählen soll ein Video sein. Kurz vor der Europawahl hatte der YouTuber Rezo einen Clip mit dem Titel „Zerstörung der CDU“ online veröffentlicht. Mehrere Millionen, vor allem junge Menschen, hatten es sich angeschaut. Rezo versucht nachzuweisen, wie unfähig die CDU und SPD vor allem im Bereich Klimaschutz Politik machen.

Für Marco Sietmann müssen Parteien mehrere Generationen ansprechen. (Bildquelle: Schildmann)

Auch die Schüler in Nottuln haben das Video gesehen. „Bei uns zu Hause haben wir sehr kontrovers über das Video diskutiert“, sagt Richard. Er findet es gut, dass jemand versucht, anhand von Fakten junge Menschen über ihre bevorzugten Kanäle anzusprechen.

„Doch die Art und Weise, wie er spricht und Fakten präsentiert, ist mir zu populistisch“, beurteilt er. Die Wahl hingegen hätte das Video nicht groß beeinflusst. Durch die Fridays for future-Proteste war es schon vorher eine Klimawahl, meint der angehende Abiturient.

Reaktion war peinlich

Die CDU reagierte spät und umständlich auf die Kritik. Nachdem erst eine Antwort per Video angekündigt war, entschied die Partei, ein mehrseitiges PDF-Dokument auf ihrer Homepage zu veröffentlichen. Darüber können die Schüler nur den Kopf schütteln. Die vier sind sich einig, dass ein Video auf YouTube die Wogen geglättet hätte.

„Es war merkwürdig, Forderungen aufzustellen, die die Meinungsfreiheit im Internet beschränken sollen“, sagt Nicolas und bezieht sich auf Äußerungen der CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer zur Überwachung von Onlinebeiträgen.

An sich sind für Marie die Diskussionen im Internet viel greifbarer. „Wenn in Berlin und Düsseldorf die Politiker reden, ist das weit weg. Im Internet kann sich jeder, auch die Jüngeren, frei äußern“, meint die 18-Jährige. Über die sozialen Medien vernetzen sie sich nicht nur, sondern beziehen auch viele Informationen zur Politik.

Viele Schüler gingen während des vergangenen Schulhalbjahres freitags auf die Straße. (Bildquelle: Nicola/stock.adobe.com)

Schulstreik für den Klimaschutz
Seit dem Winter sind in Deutschland Schüler freitags bei den Fridays-for-Future-Demos auf den Straßen. Die Proteste gehen auf den Schulstreik der 16-jährigen Schwedin Greta Thunberg zurück. Sie besucht seit August 2018 den Unterricht nicht mehr und möchte damit an die Handelnden in Politik und Wirtschaft appellieren, die von der Weltgemeinschaft gesteckten Klimaziele bis 2030 einzuhalten. Mittlerweile hat sich daraus eine Protestbewegung entwickelt, an der vor allem Schülerinnen und Schüler teilnehmen. Sie boykottieren freitags den Unterricht und riskieren den Eintrag von unentschuldigten Fehlstunden.
Ein Bus voll mit Schülern vom Rupert-Neudeck-Gymnasium in Nottuln fuhr auch zu einer großen Demo in Münster. Von den 60 Schülern der 11. Jahrgangsstufe der Schule waren aber nur vier dabei.
Marie Bussmann sieht die FFF-Demos zwiespältig. Sie findet bemerkenswert, was Greta Thunberg in Bewegung gesetzt hat. Sie hat den Klimawandel wieder ins Bewusstsein vieler Menschen gerückt. Dennoch vermutet Marie, dass manche Schüler nicht nur wegen des Klimawandels streiken. „Viele wollen einfach nicht in den Unterricht.“ Es reicht nicht, zu demonstrieren, wenn man mehrfach im Jahr fliegt und auch sonst nichts für die Vermeidung von CO2 macht.
Dem widerspricht Richard. Er war mehrfach bei den FFF-Demos in Münster. „Das Handeln des Einzelnen sollte keine Ausrede für die Politiker sein, nichts zu tun. Es muss an allen Stellschrauben gedreht werden: Zu Hause, in der Politik und in den Unternehmen.“ Für ihn machen die FFF-Demos auf ein akutes Problem aufmerksam. „Je mehr Demonstranten, desto besser. Auch wenn mancher nicht ganz überzeugt ist.“


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