Jüdisches Landleben: Gedenken und Erinnern

Haus Uhlmann, Humberghaus und Landsynagogen: Die Nachbarn nicht vergessen

An die zerstörte Welt jüdischen Landlebens wird in Westfalen im "Haus Uhlmann" des Freilichtmuseums in Detmold erinnert, außerdem in Höxter und Dingden sowie in mehreren ehemaligen Landsynagogen.

Es ist der wohl berühmteste Kriminalfall Westfalens: 1783 erschlug der Knecht Hermann Georg Winckelhan aus Bellersen im Wald unweit von Ovenhausen im heutigen Kreis Höxter den jüdischen Händler Soistmann Berend. Der Mörder floh außer Landes, geriet in algerische Sklaverei und kehrte nach mehr als zwanzig Jahren in seine Heimat zurück, wo er sich an einem Baum erhängte.

Dieser Kriminalfall bildet den Hintergrund der Novelle „Die Judenbuche“ der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848). Schauplätze der Ereignisse können noch heute „im gebirgigten Westfalen“, wie Droste-Hülshoff die Landschaft des Kreises Höxter bezeichnet hat, lokalisiert werden.

Der Sohn des ermordeten Händlers erbaute in Ovenhausen 1815 ein Fachwerkhaus, das bis 1941 ununterbrochen von Juden bewohnt wurde und dann lange leerstand. Als eines der letzten, nahezu unversehrt erhaltenen ländlichen Wohnhäuser von Juden in Westfalen konnte es fast zwei Jahrhunderte nach seiner Erbauung in das Westfälische Freilichtmuseum nach Detmold gebracht werden.

Mesusa-Kapseln an den Türpfosten

Das Haus ist ein einfacher Fachwerkbau mit einem Dach aus Sollingplatten. In seiner Bauweise unterscheidet es sich nicht von den Häusern vieler christlicher Einwohner. Anstelle einer befahrbaren Diele hat das Haus einen schmalen Mittelflur, der durch eine Haustür mit vorgelagerter Steintreppe betreten wird. Links im Hausflur befindet sich ein Kaufladen aus der Erbauungszeit des Hauses. Nach einem Umbau um 1930 wurde die Wohnstube mit einem Erker am Vordergiebel verschönert. Der Hausflur ist mit farbigen Schablonenmalereien in Form von Blütengirlanden und Fruchtkörben geschmückt.

An den Türpfosten der Zimmertüren befinden sich Reste metallener Mesusa-Kapseln. Es sind die einzigen Spuren im Haus, die von der jüdischen Religion seiner Bewohner zeugen. Solche Kapseln aus Holz oder Metall wurden und werden in jüdischen Haushalten am rechten Türpfosten befestigt und enthalten Pergamentstücke, beschrieben mit dem Vers aus dem 5. Buch Mose: "Höre, Israel, der Ewige, unser Gott, ist einer."

Im Freilichtmuseum dokumentiert das Fachwerkhaus den Zustand um 1931. Damals befand sich das Haus im Eigentum der Eheleute Norbert Uhlmann und seiner Frau Helene, geb. Löwendorf. Sie lebten dort mit der 1931 geborenen Adoptivtochter Ilse. Im Haus betrieben sie einen Kramladen, handelten mit Spielzeug, Haushaltswaren, vor allem aber mit dem Fleisch von Ziegen – eine dörfliche Existenz, wie sie typisch war für die Juden im ländlichen Westfalen.

Isoliert, überfallen, deportiert

Nach 1933 erlebten und erlitten die Uhlmanns die Folgen der staatlich organisierten, systematischen Ausgrenzung und Verfolgung. Die Familie wurden im Dorf isoliert, ihre Existenzgrundlage wurde schrittweise zerstört. Die Fenster der „Judenhäuser“ wurden eingeschlagen oder mit weißer Farbe beschmiert. Während des Pogroms vom 9./10. November 1938 kam es auch in Ovenhausen wie überall zu gewaltsamen Übergriffen gegen die Juden. Im Dezember 1941 schließlich wurden die Familie Uhlmann und andere Ovenhausener Juden über Bielefeld nach Riga deportiert. Im Ghetto von Riga verliert sich ihre Spur – zusammen mit Millionen anderen wurden sie Opfer der Shoah.

Das Uhlmann’sche Haus wurde enteignet, das Inventar im Saal der Dorfgaststätte versteigert. 1953 wurde das Gebäude im Rahmen eines „Wiedergutmachungsverfahrens“ an einen Ovenhausener Nachbarn verkauft, der es für kurze Zeit an einen Friseur vermietete. Seit etwa 1960 stand das Haus leer. Es verfiel.

Mitarbeiter des Westfälischen Freilichtmuseums in Detmold erforschten seit etwa 2002 die Geschichte des Hauses und seiner Bewohner. Nach seiner Ganzteiltranslozierung wurde es am Rande des Paderborner Dorfes im Freilichtmuseum aufgestellt, restauriert und 2007 für Besucher eröffnet. Mit diesem Schritt war das Westfälische Freilichtmuseum das bundesweit erste, das auf seinem Gelände jüdisches Alltagsleben auf dem Lande dokumentiert.


Eine andere Heimatkunde: Orte des Erinnerns in Westfalen

An die vergessenen jüdischen Nachbarn und an das gewaltsame Ende jüdischen Landlebens erinnern Museen und besondere Gedenkorte in Westfalen. Hier eine Auswahl:

Mehrfach erweitert: Das "Jüdische Museum Westfalen" in Dorsten. (Bildquelle: G. Strotdrees)


Jüdisches Museum Westfalen in Dorsten:
Diese Museum geht auf das Engagement einer Bürgerinitiative zurück, die seit den 1980er Jahren „Dorsten unterm Hakenkreuz“ erforscht hat. In seiner 2018 überarbeiteten Dauerausstellung mit dem Titel „L’Chaim! – Auf das Leben! Jüdisch in Westfalen“ sowie in vielbeachteten Sonderausstellungen erinnert das Museum an die vielfältige Geschichte, Tradition und Gegenwart der jüdischen Minderheit in Westfalen.
Mit Workshops, Projekttagen und besonderen Aktionen wendet es sich insbesondere an Schulklassen. An ein breites Publikum richten sich Angebote wie Vorträge, Lesungen, Konzerte, Film- und Theatervorführungen.
● Information: Jüdisches Museum Westfalen, Julius-Ambrunn-Straße 1, 46256 Dorsten, Tel. (02362) 45279, www.jmw-dorsten.de.

Eingang zum Humberghaus in Dingden bei Bocholt. (Bildquelle: G. Strotdrees)


Das Humberghaus in Dingden bei Bocholt: In dem ländlich geprägten Bürgerhaus lebte seit den 1880er-Jahren die jüdische Familie Humberg. Das Haus, seit 2013 als Museum hergerichtet, stellt ihr einstiges Handels- und Familienleben, ihre vielfältige Verwurzelung in der Region und die Stufen der Verfolgung und Vernichtung dar. Die Familie Humberg besaß 10 ha Land, etwas Vieh, und lebte von Textilhandel und einer Dorfmetzgerei.
Wer das Haus von der Straße her betritt, blickt im Raum rechts des Eingangsflures auf die Fleischtheke mit Waage und auf einen Flaschenzug, an dem einmal das Schlachtvieh hochgezogen wurde. Links des Flures betritt man ein stilisiertes Textilgeschäft mit Spitzen, Leinenballen und Kleidung. In einem Zimmer wurde ein gemauertes Becken einer Mikwe, eines rituellen Tauchbades, gefunden. An einer Tür befinden sich Spuren einer Mesusa (siehe oben).
Im Haus erzählt wird auch die Geschichte der Nazis im Dorf, die Verfolgung der Landjuden, schließlich die Enteignung, Deportation und Ermordung eines Teils der Familie Humberg in den KZs und Vernichtungslagern Theresienstadt, Riga und Auschwitz.
● Information: Humberghaus Dingden, Hohe Straße 1, 46499 Hamminkeln-Dingden – sonntags und mittwochs von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Tel. (0 28 52) 96 35 40, www.humberghaus.de.

Die alte Synagoge in Selm-Bork (Kreis Unna): Der Fachwerkbau, zu Anfang des 19. Jahrhunderts errichtet, diente mehr als einhundert Jahre lang als Gebets- und Versammlungsort. Zur kleinen jüdischen Landgemeinde gehörten gut ein dutzend Familien bzw. Haushalte mit zusammen etwa 60 Personen in den Orten Bork und Selm. Vermutlich aufgrund der beengten Lage im Dorf wurde die Fachwerksynagoge in der Pogromnacht 1938 nicht in Brand gesetzt. Nach dem gewaltsamen Ende der jüdischen Kultusgemeinde nutzten Nachbarn die Fachwerksynagoge fast vier Jahrzehnte lang als Lagerraum.
1983 wurde sie unter Denkmalschutz gestellt, später zu einer „Kulturstätte mit mahnendem und erinnerndem Charakter“ restauriert. Seit 1994 kann das kleine, schlichte Gebäude besichtigt werden. Im Vorraum, der von 1820 bis 1899 als Unterrichtsraum diente, werden Biographien jüdischer Familien in Selm und Bork vorgestellt. Dort zu sehen sind auch die Reste alter Gebetsbücher, die Handwerker bei den Restaurierungsarbeiten entdeckt haben.
● Information: Alte Synagoge Selm-Bork, c/o Volkshochschule, Willy-Brandt-Platz 2, 59379 Selm, Telefon: (02592) 9220.

Eingang zur Synagoge in Drensteinfurt. (Bildquelle: Wikimedia)


Ehemalige Synagoge in Drensteinfurt:
1870 erwarb die kleine jüdische Gemeinde in Drensteinfurt ein schmales Gartengrundstück, um eine eigene Synagoge zu errichten. Das schlichte Gebäude aus Backstein wurde 1872 eingeweiht. In der Pogromnacht 1938 wurden die Mitglieder der Drensteinfurter Gemeinde in die Synagoge getrieben und misshandelt. Die Thora-Rollen wurden auf die Straße geworfen, die Inneneinrichtung wurde zerstört.
Das Gebäude, nach dem Krieg lange als Lager benutzt, blieb weitgehend erhalten. Es wurde 1985 unter Denkmalschutz gestellt. Nach der Restaurierung ist die Synagoge seit 1992 als Gedenkstätte zugänglich und wird für Vorträge, Ausstellungen, Lesungen, Konzerte und ähnliche Veranstaltungen genutzt.
● Information: Ehemalige Synagoge, Synagogengasse 2, 48317 Drensteinfurt, Tel. (02508) 995163 (Stadtverwaltung) oder (02508) 438 (Dr. K. Omland, Förderverein)

Alte Synagoge in Petershagen (Kreis Minden-Lübbecke): Im Ortskern von Petershagen befindet sich die ehemalige Synagoge mit benachbartem Schulgebäude sowie einer 2008 entdeckten Mikwe – ein in dieser Dichte in Nordwestdeutschland einzigartiges Bauensemble einer Landjudengemeinde. Die Synagoge, deren Geschichte an anderer Stelle dieses Themenschwerpunktes ausführlich dargestellt ist, dient heute als Informations- und Dokumentationszentrum zur Orts- und Regionalgeschichte der jüdischen Minderheit und bietet ein Forum für Ausstellungen und kulturelle Veranstaltungen.
● Information: Alte Synagoge Petershagen, Goebenstraße 5 und 7, 32469 Petershagen, Tel. (05707) 1378, www.synagoge-petershagen.de.

Forum Jacob Pins in Höxter: Der aus Höxter stammende Künstler Jacob Pins (1917-2005), der als 19-jähriger der NS-Verfolgung entfliehen konnte, vermachte seiner Heimatstadt seinen künstlerischen Nachlass. Er wird aufbewahrt und gezeigt im „Forum Jacob Pins“, das in einem ehemaligen, restaurierten Adelshof des 16. Jahrhunderts untergebracht ist. Dort wird auch die Erinnerung an die jüdischen Personen und Familien der Stadt sowie des ländlichen Umlandes dokumentiert.
● Information: Forum Jacob Pins im Adelshof, Westerbachstraße 35-37, 37671 Höxter – vom 1. April bis 30. November täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Tel. (05271) 6947441, www.jacob-pins.de.

Blomberg (Kreis Lippe): Die ehemalige Synagoge wurde als giebelständiger Fachwerkbau in der Gasse „Im Siebenbürgen“ 1808 errichtet und zunächst an die Judenschaft verpachtet, 1811 dann von der Gemeinde erworben. Das Gebäude wurde bis um 1900 als Synagoge genutzt. Danach verkaufte es die jüdische Gemeinde an einen Sattler, der den Bau zeitweilig als Lager nutzte. So konnte die ehemalige Synagoge auch die NS-Jahre unbeschadet überstehen.
Nach längerem Leerstand wurde das Gebäude 1983 unter Denkmalschutz gestellt und 1992 restauriert. Heute ist darin das Stadtarchiv untergebracht. Es finden regelmäßig Ausstellungen und Projekte unter anderem zur jüdischen Geschichte Blombergs statt.

Borgholz (Borgentreich, Kreis Höxter): Diese ländliche Fachwerksynagoge mit ihren markanten Spitzbogenfenstern und dem Walmdach mit Sollingplattendeckung wurde 1838 errichtet. In der NS-Zeit wurde es 1937 und erneut 1938 geschändet. Nach 1945 wurde die Westseite aufgebrochen und ein Tor eingebaut, das Gebäude wurde zeitweilig als Garage und Lagerraum genutzt. Das stark verfallene Gebäude wurde 1987 unter Denkmalschutz gestellt und 1995 bis 1998 restauriert. Heute wird es für kulturelle Veranstaltungen genutzt.

Vermutlich im 18. Jahrhundert errichtet: Die Fachwerksynagoge in Padberg ( Hochsauerlandkreis). (Bildquelle: Rmbonn/Wikimedia)


Padberg (Marsberg, Hochsauerlandkreis):
Gerade einmal 44 m2 misst die kleine Fachwerksynagoge in Padberg, die zeitweilig als "älteste Synagoge" Westfalens galt und nach dendrochronologischen Untersuchungen um 1785 errichtet worden ist. 1931 wurde sie von der kleinen jüdischen Gemeinde aufgegeben und profaniert. Der Käufer, ein ortsansässiger Schieferdecker, nutzte das Gebäude als Lager, so dass es in der NS-Zeit einer Schändung entging. Nach einer jahrelangen Blockade durch einzelne Anlieger und einem mehr als nur lokalpolitischen Streit gelang es in den 1990er Jahren, den Bau zu sichern, zu restaurieren und als Gedenkstätte mit einer Ausstellung zur Geschichte der sauerländischen Landjuden zu gestalten.


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