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Aus Scheune wird Wohnhaus

Alte Balken, neues Leben

Wo sie als Kind zwischen Strohballen spielte, ist Nicole Rademacher jetzt mit ihrem Mann und zwei Söhnen eingezogen. Draußen sieht die alte Scheune aus wie neu, drinnen durften historisches Fachwerk und rustikale Wände bleiben.

Von außen hat sich die einstige Scheune stark verändert.

Wenn die Mähdrescher rollen, dann riecht es für Nicole Rademacher nach Kindheit. Nach langen Sommertagen und Touren durch die Nachbarschaft. Die heute 47-Jährige ist mit zwei Schwestern auf einem Hof in Bösensell, einem Ortsteil von Senden im Kreis Coesfeld, aufgewachsen. Jetzt sind ihre beiden Söhne, fünf und acht Jahre alt, die junge Generation auf dem Hof.

Die Freiheiten, die Noah und Jesse draußen genießen können, waren ein guter Grund für den Umzug zurück aufs Land. Gemeinsam mit ihrem Mann Dr. Peter Stelzig (53) hat Nicole Rademacher eine alte Scheune zum Wohnhaus umgebaut. Vor fünf Jahren starteten die Planungen, vor zwei Jahren sind sie eingezogen. „Ich wollte so ein Projekt mal machen“, sagt die selbstständige Designerin. In ihrem Büro an Münsters Hafen gestaltet sie alles vom Logo bis zur Internetseite. Für ihr eigenes Bauprojekt hatte sie aber noch viel kreative Energie übrig.

Bauherrin Nicole Rademacher (l.) holte sich Unterstützung bei Architektin Andrea Huesmann.

Eigene Ideen entwickeln

Die Familie hat sich selbst intensiv Gedanken gemacht. Und Vorstellungskraft brauchte es reichlich: „Die Fassade der Scheune sah mit verschiedenen Klinkersorten und Wellplatten nicht gut aus und drinnen war die Substanz durch die jahrelange Tierhaltung in Mitleidenschaft gezogen“, erinnert sich Nicole Rademacher.

Ihr Vater war gelernter Landwirt und hatte im Nebenerwerb Hühner, Schweine und Bullen gehalten. Als er vor 20 Jahren starb, verließen die Tiere den Hof. Wiesen und Felder wurden verpachtet. Nicole Rademachers Mutter wohnt heute mit ihrem Lebensgefährten im Haupthaus.

So sah die Scheune vor der Umnutzung aus.

Den Umbau der Scheune hat die Architektin Andrea Huesmann betreut. Sie ist in der Nachbarschaft zu Hause und kennt die Scheune schon lange. „Der Zustand des Gebäudes entsprach dem, was auf vielen Höfen zu finden ist“, erinnert sie sich. Die Expertin für Bauen im Bestand ist nach der Genehmigung in das Projekt eingestiegen. Idee und Planung hatte die Familie mit befreundeten Architekten erarbeitet: Raúl Zinni-Gerk aus Münster steuerte Ideen und Vorentwurfsskizzen bei. Marion Wolke aus Warendorf kümmerte sich um die Entwurfs- und Genehmigungsplanung. Bei allem gab eine klare Leitlinie: Der Scheunencharakter sollte erhalten bleiben.

Mit Discokugel im Gebälk

Das ist vor allem im Inneren gelungen. Die Decken sind hoch, die Wände so wenig wie möglich behandelt und die alten Balken so roh, wie sie waren. Im Wohnzimmer liegen zwischen Boden und First satte 7 m. Damit die Höhe nicht erschlagend wirkt, wurde eine Empore eingezogen. Der Zugang zu der kleinen Bibliothek erfolgt über das Obergeschoss, in dem auch der Technikraum sowie zwei großzügige Arbeitszimmer untergebracht sind. In Nicole Rademachers baumelt eine Discokugel im Gebälk.

Das Wohnzimmer nimmt die gesamte Höhe ein. Bis zum First sind es sieben Meter.

An der Raumaufteilung hat die Familie lange gebastelt. „Im Grunde haben wir sie nach Himmelsrichtungen verteilt“, erklärt die Bauherrin. Die Haustür im Nordosten führt in einen Flur, von dem rechts zwei Bäder und ein Hauswirtschaftsraum abgehen. Im Zentrum des Hauses liegt die luftige Treppe. Über den offenen Bereich rund um die Konstruktion aus schwarz gestrichenem Stahl und Eiche werden auch alle Räume im Erdgeschoss erschlossen: Das Elternschlafzimmer weist nach Westen, das Wohnzimmer und die große Wohnküche öffnen sich nach Südwesten. Die beiden Kinderzimmer schließen sich im Osten an.

Um genau nachvollziehen zu können, wie die Pläne in der Praxis wirkten, baute Nicole Rademacher ein Modell und schob mit ihrem Mann Wände und Fenster hin und her. Ganz wichtig war ihnen die Beleuchtung. Profis simulieren den Lichteinfall am Computer. Nicole Rademacher umkreiste das Modell mit einer Taschenlampe. Die Mühe hat sich gelohnt. „Es ist immer hell im Haus“, freut sie sich.

Tageslicht optimal nutzen

Auch Architektin Andrea Huesmann empfiehlt, sich über den Lichteinfall viele Gedanken zu machen. „Ich bin ein Westlichtjunkie“, sagt sie. „Gerade für Leute, die lange arbeiten, ist es wichtig, abends noch Tageslicht nutzen zu können.“

Blick in das Treppenhaus. Eichenstufen ruhen auf einer schwarz gestrichenen Stahlkonstruktion.

Nicole Rademacher hat viel Eigenleistung in den Umbau eingebracht. Immer wenn irgendwo ein Gerüst stand, bürstete sie die Balken in Reichweite ab und weißelte die Wände und Decken. Auch der Fußboden ist ihr Werk. Sie hat den neuen Estrich mit einer Tellerschleifmaschine bearbeitet und mit Hartwachsöl behandelt. Das Ergebnis sind große, in verschiedenen Beigetönen schim­mern­de Flächen. „Gäste fragen immer noch, wann der Boden reinkommt“, berichtet die Hausherrin lachend. Aber sie ist zufrieden mit dem Ergebnis. Der Boden ist robust, braucht aber etwas Aufmerksamkeit. „Vergossenen Rotwein sollte man zügig aufwischen.“

Mehr über das Projekt lesen Sie in der Ausgabe 33/2019 des Wochenblatts.