Verbraucher gestalten Milchpreis

Verbraucher entscheiden, Landwirte profitieren

Die Initiative „Du bist hier der Chef“ schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe: Mehr Mitbestimmung für Verbraucher, eine fairere Vergütung für Landwirte. Dazu lässt sie online abstimmen, welches Produkt wie produziert wird. Den Anfang macht Milch. Gründer Barthelmé im Interview.

Wochenblatt: Bislang entscheiden die Verbraucher vor allem, was in ihrem Einkaufswagen landet, nicht aber, was es in die Supermarktregale schafft. Die Initiative „Du bist hier der Chef“ will das ändern. Warum und wie?

Der Kopf hinter der Initiative: Gründer Nicolas Barthelmé. (Bildquelle: Privat)

Nicolas Barthelmé: Wenn man als Verbraucher vor den Regalen steht, hat man kaum die Chance zu erfahren, wo die Produkte herkommen, wie sie produziert wurden oder ob der produzierende Landwirt davon leben kann. Das Ergebnis ist eine große Verunsicherung und eine zurückhaltende Preisbereitschaft. Wenn Verbraucher den Unterschied zwischen zwei Produkten nicht kennen bzw. daran nicht glauben, greifen sie zum Günstigeren.

Mit der Initiative „Du bist hier der Chef“ möchten wir Transparenz bei Qualität und Preis schaffen und Verbraucher selbst entscheiden lassen, nach welchen Kriterien ihre Lebensmittel produziert werden sollen und zu welchem Preis sie bereit sind, diese zu kaufen.

Wie genau funktioniert das?

Verbraucher gehen auf unsere Webseite, beantworten den Fragebogen und entscheiden damit über Qualität, Herkunft, Tierwohl, Vergütung für Landwirte, Verpackung und vieles mehr. Dabei sehen sie, wie ihre individuellen Konfigurationen den Preis für das Produkt verändert. Nachdem wir mindestens 5.000 Antworten gesammelt haben, fassen wir die Ergebnisse zusammen und lassen die Produkte von unseren Partnern aus Landwirtschaft, Industrie und Handel herstellen und vermarkten.

Wenn Verbraucher den Unterschied zwischen zwei Produkten nicht kennen bzw. daran nicht glauben, greifen sie zum Günstigeren." (Nicolas Barthelmé)

„Du bist hier der Chef“ gründet auf einer Idee aus Frankreich. Wie ist die Initiative dort angelaufen?

Die Bewegung ist in Frankreich vor 3,5 Jahren entstanden. Dort haben Verbraucher bereits mehr als 35 Produkte gestaltet, die über 150 Mio. Mal verkauft wurde. Etwa 3.000 Landwirte produzieren exklusiv für die Initiative.

Die Produkte sind bei allen Handelsketten gelistet und entsprechend in mehr als 12.000 Outlets verfügbar. „C’est qui le patron?!“- so der französische Name – ist die Lebensmittelmarke, die im letzten Jahr umsatzmäßig am stärksten gewachsen ist - noch vor allen großen bekannten Marken.

Das erste Produkt auf dem deutschen Markt wird Milch sein. Wie kam es dazu und was können die Verbraucher derzeit noch beeinflussen?

Milch bietet die Möglichkeit, viele für uns als Bewegung wichtige Themen – Umweltschutz, Biodiversität, Tierwohl, Vergütung für die Landwirte – gemeinsam anzugehen. Zusätzlich erlaubt der aktuelle Milchpreis es vielen Milchbauern in Deutschland nicht, kostendeckend zu produzieren. Das wollen wir ändern.

Aktuell steht der Milch-Fragebogen auf unserer Website zu Abstimmung (hier geht's zum Voting). Über acht Fragen können Verbraucher das Produkt Milch mitentwickeln. Der Fragebogen wurde von Verbrauchern, Landwirten und einer Molkerei zusammen entwickelt: Bislang haben ihn 6.931 Verbraucher ausgefüllt. Die Abfrage läuft noch bis zum 29.2. (inkl.), dann werten wir die Ergebnisse aus.

In acht Fragen zur Wunschmilch: Je nach individueller Konfiguration ändert sich der Verkaufspreis der Milch. (Bildquelle: Screenshot)

Sie wollen nicht nur die Verbraucher stärken, sondern zugleich auch Landwirten dabei helfen, besser von ihren Produkten leben zu können. Wie genau?

Als erstes Produkt kommt Milch auf den deutschen Markt - sowohl als Frisch- wie auch als H-Milch. (Bildquelle: Du bist hier der Chef)

Wir lassen auch die Vergütung für die Landwirte in unseren Online-Fragebögen wählen und mitbestimmen. Und das ist wichtig! So bekommen Verbraucher ein Gefühl dafür, wieviel Fairness kostet. Die gewählte Vergütung wird auf der Verpackung gedruckt und ist für 3 Jahre garantiert.

Bei der Milch bieten wir vier Antwort-Möglichkeiten:

  1. Landwirt wird zum aktuellen Marktpreis vergütet: dieses Preisniveau deckt die Milcherzeugungskosten aktuell nur zu ca. 80% und erlaubt dem Landwirt nicht, kostendeckend zu produzieren.
  2. Landwirt verliert kein Geld und produziert kostendeckend: der Milchpreis ermöglicht jetzt, die Betriebskosten zu finanzieren. Jedoch reicht er noch nicht aus, damit der Landwirt von seiner Arbeit gut leben kann.
  3. Landwirt wird fair vergütet und kann in seinen Betrieb investieren: Molkerei und Milchbauer vereinbaren einen 3 Jahres-Vertrag, der eine faire Vergütung des Landwirts garantiert. Dank der gewonnenen Planungssicherheit können die Betriebe ihre Schulden tilgen bzw. einen notwendigen Investitionsplan finanzieren.
  4. Landwirt wird fair vergütet, kann in seinen Betrieb investieren und bekommt freie Zeit für soziale und gesellschaftliche Projekte: ein Zusatzbetrag sichert die Entlohnung der Landwirte, wenn sie ihre Zeit für soziale oder gesellschaftliche Projekte investieren (und entsprechend nicht auf dem Betrieb arbeiten können).

Falls sich die Verbraucher mehrheitlich für Antwort 1 entscheiden, würden wir das Produkt nicht auf den Markt bringen. Denn unfaire Produkte gibt es bereits genug. Wir würden zu einem anderen Lebensmittel wechseln und es dort neu versuchen. Aber soweit ist es in Frankreich nie gekommen und das wird es in Deutschland sicherlich auch nicht.

Wie setzt sich der Preis der Milch zusammen? Wie viel landet beim Landwirt?

Zuerst werden die von den Verbrauchern ausgewählten Kriterien bepreist und kalkuliert. Dann kommen die Kosten für Abholung, Verarbeitung, Verpackung, Lagerung und Auslieferung der Milch durch die Molkerei. Dazu die Spanne für die Molkerei und für den Handel, 5% für die Initiative und zum Schluss 7% MwSt.

Wieviel beim Landwirt landet, hängt davon ab, welche Kriterien für Milch und Vergütung für die Landwirte von den Verbrauchern gewählt werden. Es startet bei 0,34€/Liter und kann bis 0,59€/Liter für eine Bio-Weide-Milch mit viel Tierwohl (Verkaufspreis im Laden bis 1,46€) betragen.

Gibt es schon Kooperationspartner auf Seiten des Lebensmitteleinzelhandels und der Landwirte?

Wir haben unter anderen Gespräche mit Kaufland, Rewe, Real, RTG, Tegut, Globus geführt. Die Resonanz war sehr gut, denn der Handel braucht neuen Konzepte, um seine Sortimente fairer und nachhaltiger zu gestalten. Die ersten Listungsgespräche werden ab Ende März stattfinden.

Auch konnten wir früh Landwirte für unsere Idee und unser Vorhaben gewinnen und sie in die Fragebogenkonzeption mit einbeziehen.

Wie kommen die Kontakte zu den Landwirten zustande? Wer kann mitmachen?

Wir waren viel auf Messen wie der Grünen Woche oder Branchen-Meetings unterwegs. Mittlerweile erreichen wir die möglichen Partner vor allem über Social Media bzw. werden wir von interessierten Landwirten direkt kontaktiert. Grundsätzlich kann jeder mitmachen, der auf der einen Seite unsere Werte teilt, auf der anderen Seite dazu bereit ist, nach den von uns Verbraucher entschiedenen Kriterien zu produzieren.

Wie finanziert sich die Initiative „Du bist hier der Chef“?

Den Start der Initiative finanziere ich privat. Ab dem Zeitpunkt, wo Produkte vermarktet werden, erhält die Initiative 5% des von den Verbrauchern gewählten Preises, um den Aufbau der Community und eines kleinen Teams sowie die Weiterentwicklung unserer Kanäle (digital), die Entwicklung weiterer Produkte und unsere Betriebskosten zu finanzieren.

Mit Blick auf die Bauerndemos in vielen europäischen Ländern drängt sich der Eindruck einer Frontenbildung auf: Landwirte auf der einen, Verbraucher auf der anderen Seite. Kann die Initiative „Du bist hier der Chef“ bei einer Annäherung helfen?

Ja, definitiv. Verbraucher entscheiden, was ihnen bei Lebensmitteln wichtig ist und bestimmen die Produktion mit: So bekommen sie gute und nachhaltige Produkte. Landwirte produzieren nach den Wünschen der Verbraucher und erhalten dafür eine faire Vergütung, so dass sie in ihre Betriebe wieder investieren und von ihrer Arbeit leben können.

Wie geht es weiter? Welche Produkte folgen?

Mit welchen Produkten wir weitermachen, entscheiden die Verbraucher mittels Voting auf unserer Webseite. Zehn Grundnahrungsmitteln stehen zur Auswahl. Zusätzlich können eigene Vorschläge gemacht werden. Aktuell liegen Eier und Kartoffeln so weit vorne, dass wir angefangen haben, nach möglichen Partnern für die Entwicklung der entsprechenden Fragebögen zu suchen.

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