Tonnen für die Tonne

55 kg Lebensmittel wirft jeder von uns jährlich in den Müll. Bildungsträger, Landfrauen und Handel treten dieser Verschwendung mit klugen Ideen und Projekten entgegen. Gut so! Es fehlt allerdings an einer flächendeckenden politischen Handlungsbereitschaft.

Die Dimensionen der Verschwendung sind riesig wie erschreckend: 1,3 Mrd. t genießbare Lebensmittel werden laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen jedes Jahr entweder gar nicht erst geerntet oder weggeworfen. Rund ein Drittel der Weltproduktion landet so auf dem Müll. Gleichzeitig leiden 800 Mio. Menschen an Hunger, Tendenz steigend.

Der Kontrast zwischen Verschwendung und Verzweiflung ist schwer zu ertragen. Die Auswirkungen auf das Konsumverhalten eines jeden Einzelnen bleiben jedoch überschaubar. Und wen wundert’s? Die wirklich existenziellen Probleme sind weit weg. Vor der eigenen Haustür ist stets alles im Überfluss für kleines Geld verfügbar. Persönliche Betroffenheit hat es da schwer.

Dabei wäre ein bisschen mehr schlechtes Gewissen durchaus hilfreich. Statistisch landen bei jedem von uns etwa 55 kg Lebensmittel pro Jahr in der Tonne – knapp die Hälfte davon wäre noch genießbar. Weit mehr fällt bei Industrie, Handel und Großverbrauchern an. Wer nun aber mit dem Finger auf Letztere zeigt, greift zu kurz. Denn letztlich reagieren diese auf Marktpotenziale und Kundenbedürfnisse. Der Verbraucher erwartet um 21.30 Uhr noch eine Auswahl an frischen Backwaren? Der Handel liefert! Joghurt mit einem kürzeren Mindesthaltbarkeitsdatum bleibt im Regal stehen? Der Handel entsorgt!

Zugegebenermaßen: Es tut sich etwas. Supermärkte werben bewusst mit optisch nicht ganz perfektem Obst und Gemüse, sogenannten „krummen Dingern“. Die Tafeln, die überschüssige Lebensmittel an bedürftige Menschen verteilen, gewinnen immer mehr Kooperationspartner. Und nicht zuletzt rücken auch die Landfrauen mit Projekten wie „Feeding the 5000“ das Thema in den Fokus.

Solche Initiativen sind ebenso richtig wie unterstützenswert. Sie alleine reichen jedoch nicht aus, um Lebensmittelverluste effektiv zu reduzieren. Notwendig ist nicht weniger als ein Bewusstseinswandel: Weg von der Wegwerfmentalität, hin zu mehr Wertschätzung für Lebensmittel und der Arbeit, die in ihnen steckt. Dies anzustoßen kann und darf nicht allein Aufgabe von Verbrauchern und Landwirten sein. Auch die Politik muss Verantwortung übernehmen und dort ansetzen, wo sich Verhaltensmuster ausbilden: in der Kindheit. Die Einführung von „Ernährung und Hauswirtschaft“ als Schulfach ist ein längst überfälliger Schritt.

Ein Beispiel für gelungene Bildungsarbeit ist das Projekt „Wirf mich nicht weg!“, das wir ihnen in der Wochenblatt Folge 27 vom 5. Juli 2018 vorstellen. Mit vielen praktischen Tipps und Tricks werden aus Schülern Lebensmittel-Retter. Bezeichnenderweise wird das Projekt von der Privatwirtschaft gesponsert. Das Berliner Start-Up "Querfeld" treibt seine "krummen Geschäfte" dagegen im Einzelhandel. Es handelt mit Bio-Gemüse, das es – zu krumm oder klein geraten – nicht in den konventionellen Handel geschafft hat.


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