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Kommentar

Nach den Demos: Handel als Partner der Bauern?

Patrick Liste, stellvertretender Chefredakteur.

Die Traktordemonstrationen unter dem Motto "Land schafft Verbindung" haben bundesweit eine riesige Resonanz gefunden. Die Demos zielten auf die Politik und auf die Nichtregierungsorganisationen. Aber was ist eigentlich mit dem Lebensmitteleinzelhandel?

Die Proteste und grüne Kreuze schweißen zusammen: größere und kleinere Betriebe, Haupt- und Nebenerwerb, mit oder ohne Tierhaltung, konventionell oder ökologisch. Alle machen ihrer Unzufriedenheit Luft. Sie kritisieren die Politik für das praxisfremde Agrarpaket, die nicht fachgerechte Düngeverordnung sowie das Mercosur-Abkommen. Und Nichtregierungsorganisationen für die negative Stimmungsmache. Die Hauptkundgebung von „Land schafft Verbindung“ in Bonn und die vielen anderen Traktordemonstrationen haben eine riesige Resonanz gefunden.

Fast außen vor in der Diskussion bleibt bisher der Lebensmitteleinzelhandel. Er ist wichtig für die Landwirte und deren Verarbeiter, da er die Produkte an den Verbraucher bringt. Dabei gibt er sich gerne als Partner der Bauern. Doch ist er das?

Klar ist, dass sich der Handel zum Quasi-Gesetzgeber entwickelt hat. Was er fordert, ist künftig Standard. Und daran arbeiten die Lebensmittelhändler auch ungeachtet der Traktoren-Demos und grünen Kreuze weiter.

Derzeit entwickeln Aldi, Edeka und Co. ihre Haltungsform-Kennzeichnung weiter. Das Siegel setzt Mindestanforderungen an die Tierhaltung.

Die aktuelle Version hat es vor allem für Rindermäster und Milcherzeuger in sich (Seite 27): Schon in der Einstiegsstufe sollen sie eine Befunddatenerfassung am Schlachthof sowie ein qualifiziertes Antibiotika-Monitoring nachweisen. Das kann aktuell fast niemand, soll 2022 aber Pflicht sein. Sonst bekommen Rindfleisch und Trinkmilch keine Haltungsform-Kennzeichnung. Theoretisch könnten die Produkte dann trotzdem im Regal liegen. Doch klar ist, dass die Händler über die Verarbeiter Druck machen, dass die Rinderhalter auch diese Kriterien erfüllen.

Kein Landwirt hat etwas dagegen, Abläufe anzupassen und Veränderungen umzusetzen. Das darf aber nicht so laufen wie bei der GVO-freien Fütterung: Diese hat der Handel fast im Alleingang in kurzer Zeit zum Standard bei Trinkmilch erklärt. Ohne Aufpreis für den Verbraucher. Und oft auch ohne Mehrerlös für die Erzeuger.

Die Milchbranche hatte dem wenig entgegenzusetzen. Das soll sich ändern: Die Sektorstrategie Milch beschäftigt sich auch mit der Standardsetzung in der Milchproduktion. Zudem will QM-Milch den Handel stärker einbinden. Beides ist sinnvoll, braucht jetzt aber mehr Tempo. Dann besteht zumindest die Chance, dass die Praktiker vorher sagen können, was sich umsetzen lässt und was unrealistisch ist.

Diesen Sachverstand fordern die Teilnehmer der Demonstrationen auch bei politischen Entscheidungen ein. Ihnen ist zu wünschen, dass sie sich Gehör verschaffen.