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Staatliches Tierwohl-Label

Ein Label, das niemand mag

Wochenblatt-Chefredakteur Anselm Richard.

Der Start des staatlichen Tierwohl-Labels ist gründlich misslungen: Tierschutz- und Bioverbände kritisieren es ebenso wie die Schweinemäster. Noch dazu trifft das Label auf einen Dschungel bereits etablierter Kennzeichen.

Das Echo wird Julia Klöckner nicht freuen: Unmittelbar nachdem sie die Kriterien für das staatliche Tierwohl-Label vorgestellt hatte, hagelte es Kritik von allen Seiten. Die Landwirtschaftsministerin sitzt zwischen allen Stühlen.

Die Bioverbände fühlen sich übergangen und ausgegrenzt, weil es keine gesonderte Tierwohl-Stufe für Ökofleisch gibt. Den organisierten Tierschützern sind die Anforderungen zu lasch. Die Grünen wollen dazu ein verpflichtendes und kein freiwilliges Siegel; außerdem sollen alle Tierarten einbezogen werden. Schweinemäster indessen, für deren Betriebe das Label zunächst ausschließlich gelten soll, fragen sich, wie sie die Vorgaben erfüllen sollen, wo doch eine zusätzliche Vergütung dafür in den Sternen steht. 20 % mehr Platzangebot schon in der Eingangsstufe 1 sind kein Pappenstiel und haben spürbare wirtschaftliche Konsequenzen. Klöckners Ministerium schätzt den Mehraufwand pro Schwein schon in Stufe 1 auf 10 bis 12 € – oder grob umgerechnet rund 10 bis 12 Cent/kg Schlachtgewicht. Da bleibt keine Luft für Experimente!

Im Kennzeichen-Dschungel

Kurz und gut: Das staatliche Tierwohlkennzeichen leidet auch heute noch unter Geburtswehen, obwohl Klöckners Amtsvorgänger Christian Schmidt die Umsetzung schon vor zwei Jahren vollmundig angekündigt hatte. Wichtige organisatorische Fragen ungelöst.

Vor allem aber trifft das neue Label, wenn es denn erst einmal marktgängig ist, in den Geschäften und Supermärkten auf andere, schon etablierte Kennzeichen oder Siegel:

  • Der Lebensmitteleinzelhandel hat sich vor wenigen Wochen mit der eigenen vierstufigen Variante einer Haltungskennzeichnung hervorgewagt – im sicheren Wissen, dass Klöckner bald mit ihrer umfassenderen, aber nur dreistufigen Variante folgen würde. Die Händler haben hier einen Pflock eingeschlagen, den sie ohne Weiteres nicht wieder wegnehmen werden.
  • Die Initiative Tierwohl (ITW) hat es in jahrelanger Kleinarbeit geschafft, viele Betriebe mitzunehmen und vor allem Geld für strengere Haltungsvorschriften einzusammeln, beim Lebensmittel­handel nämlich. Lange lässt sich darüber streiten, ob ein paar Cent Mehrerlös je kg Schweine- oder Geflügelfleisch die Anstrengung wert sind, aber sie werden immerhin schon gezahlt. Jetzt besteht die Gefahr, dass sich staatliches und ITW-Label kannibalisieren und der erzielbare Mehrerlös dabei mindestens zum Teil auf der Strecke bleibt.
  • Eigene Siegel haben auch mehrere Tierschutzorganisationen. Die kommen bisher zwar nur auf verschwindend kleine Marktanteile, aber gleichwohl sind sie am Markt. Allein die Vielzahl verschiedener Kennzeichnungen macht es den Kunden im Laden schwer, eine wirklich bewusste Entscheidung zu treffen.

Im schlimmsten Fall konkurrieren auch in Zukunft viele Siegel und Labels miteinander und werden von den im Wettbewerb stehenden He­rausgebern gegenseitig schlecht- oder kleingeredet. Das verwirrt oder verunsichert die Konsumenten und bringt den Landwirten Mehraufwand ohne Mehrertrag. Der Start des staatlichen Tierwohl-Labels ist gründlich misslungen.

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