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Verhungern in Deutschland

Jedes Jahr sterben mehr als 100.000 Menschen in Deutschland an den Folgen der Mangelernährung, weil sie krank sind und nicht ausreichend ernährungsmedizinisch versorgt werden.

Vielen schwerkranken Menschen könnte es mit einer guten Ernährungstherapie besser gehen. Foto: Fotolia/ bilderstoeckchen

Prof. Dr. Markus Masin kann es nicht verstehen: Da liegen Hunderttausende schwerkranker Menschen in deutschen Krankenhäusern, die nicht ausreichend essen können – und niemand unternimmt etwas dagegen. Gerade die Onkologen nähmen billigend in Kauf, dass ihre Patienten im Laufe der Krebstherapie an Gewicht verlieren, kritisiert der Diabetologe und Beauftragte für Clinical Nutrition (Ernährungsmedizin) am Uniklinikum Münster. Das hat zur Folge, dass viele Krebskranke nicht an ihrem Tumorleiden sterben, sondern an Mangelernährung.

Schätzungen von Prof. Masin zufolge sind das etwa 100.000 Patienten im Jahr. Hinzu kommen etwa 20.000 Patienten, die aufgrund einer anderen Erkrankung unter einer Mangelernährung leiden und daran versterben. Unnötigerweise. Denn es gibt eine simple Möglichkeit, den Menschen zu helfen. „Wenn wir die Patienten ernähren, geht es ihnen besser“, stellt Prof. Masin nüchtern fest. Was banal klingt, ist längst nicht Alltag in deutschen Kliniken. Mangelernährung wird zu selten erkannt und nicht adäquat therapiert.

Niemand kennt sich aus

Das liegt ganz wesentlich daran, dass sich in Deutschland kaum ein Mediziner mit Ernährungsmedizin auskennt, erklärt der 42-Jährige Experte, der in Münster die bisher einzige ernährungsmedizinische Ambulanz in Deutschland eingerichtet hat. Das Thema Ernährungsmedizin hat in Deutschland im Medizinstudium keinen Platz. In der Ökotrophologie kommt sie nur am Rande vor. Wer also soll Patienten, die nicht mehr in der Lage sind zu essen, zu einem guten Ernährungszustand verhelfen? Dabei kann eine gute ernährungsmedizinische Versorgung enorm viel bewirken. Ein gut ernährter Patient

  • ist fitter und belastbarer,
  • gewinnt an Lebensqualität,
  • gewinnt eventuell an Lebenszeit,
  • verkraftet die Therapie besser.


Maßgeschneiderte Lösung

„Mit Ernährungsmedizin kann man keine onkologische Erkrankung heilen“, räumt Prof. Masin ein, „aber ohne Ernährung geht es auch nicht“. Für ihn steht fest, dass Ernährungsmedizin zu einer Chemotherapie dazugehören muss.

Die betreuenden Ärzte müssten in jedem einzelnen Fall herausfinden, wo die Probleme des Patienten liegen. Hat er Schluckstörungen oder Appetitmangel? Dann kann vielleicht eine hochkalorische zusätzliche Trinknahrung Abhilfe schaffen. Oder ist der Patient gar nicht mehr in der Lage zu essen? Dann muss diese Zeit unter Umständen mit einer künstlichen Ernährung überbrückt werden.

Solche Überlegungen kommen im Alltag onkologischer Praxen aber kaum vor. Dabei müsse doch jedem Menschen einleuchten, dass eine gute Ernährung für schwerkranke Menschen wichtig ist, ergänzt Prof. Masin.

Brotlose Kunst

Der Aufwand für eine bedarfsgerechte Ernährungstherapie verursacht natürlich Kosten. Während die Aufwendungen für die eigentliche Nahrung meist von den Krankenkassen übernommen werden, kann Prof. Masin seinen Zeitaufwand für die intensive Betreuung der Patienten nicht in Rechnung stellen. Ernährungsmedizin ist in Deutschland nicht abrechenbar. Damit sich das ändert, muss die Politik aktiv werden, fordert Masin.

Voraussetzung für eine bessere Versorgung der bedürftigen Patienten ist aber, dass es Mediziner gibt, die entsprechend ausgebildet sind. Dazu hat Prof. Masin einen ersten Schritt getan. Er richtete an der Mathias Hochschule in Rheine, Kreis Steinfurt, den Studiengang „Clinical Nutrition“ ein. Dort werden die Ernährungsexperten ausgebildet, die in den Kliniken dringend gebraucht werden. Um gleichzeitig die Voraussetzung zu schaffen, dass ihre Arbeit honoriert wird, arbeitet Prof. Masin an der Gründung einer Stiftung. Bleibt zu hoffen, dass diese Pionierarbeit tatsächlich in absehbarer Zeit dazu führt, dass in deutschen Krankenhäusern niemand mehr verhungern muss. Wul

Den ausführlichen Artikel lesen Sie im Wochenblatt Folge 14/2014 auf den Gesundheitsseiten.