Probleme werden weggeschluckt

Schätzungen zufolge sind in Deutschland bis zu 1,9 Mio. Menschen abhängig von Arzneimitteln. Damit steht Arzneimittelabhängigkeit nach Tabak auf Platz zwei der Abhängigkeiten, vor Alkohol. Wie kommt es dazu?

Schätzungen zufolge sind in Deutschland bis zu 1,9 Mio. Menschen abhängig von Arzneimitteln. Vermutlich ebenso groß ist die Zahl derer, die Arzneimittel missbräuchlich nutzen – zum Abnehmen, Wachbleiben oder zur Steigerung der Leistungsfähigkeit.

Damit steht Arzneimittelabhängigkeit nach Tabak auf Platz zwei der Abhängigkeiten, vor Alkohol.
Zusätzlich herrscht gerade im Bereich der Arzneimittelabhängigkeit eine große Intransparenz, kritisierte Prof. Dr. Gerd Glaeske vom SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen anlässlich der Vorstellung des „Jahrbuch Sucht 2017“ der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen.

Sucht in Zahlen
Im Jahr 2015 haben die Deutschen im Durchschnitt 9,6 l reinen Alkohol getrunken und damit ebenso viel wie im Jahr zuvor. Das geht aus dem aktuellen Jahrbuch Sucht der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen hervor. Hier einige weitere Ergebnisse:
74.000 Todesfälle werden jährlich durch Alkohol oder den kombinierten Konsum von Tabak und Alkohol verursacht.
Im Jahr 2016 wurden 75.016 Mio. Zigaretten konsumiert. Das entspricht einem Rückgang von 7,7 % im Vergleich zum Vorjahr.
Gestiegen ist der Konsum von Zigarren, Zigarillos und Pfeifentabak.
Im Jahr 2013 starben rund 121.000 Menschen an den Folgen des Rauchens. Das waren 13,5 % aller Todesfälle. Im Jahr 2015 wurden 1226 Todesfälle durch illegale Drogen polizeilich registriert. Das entspricht einem Anstieg um 19 % gegenüber dem Vorjahr.

Bestes Beispiel sind Schlaf- und Beruhigungsmittel. Zwar werden bestimmte Mittel aus der Benzodiazepin-Familie, wie Valium und Co., inzwischen weniger verordnet. Das täuscht aber über den tatsächlichen Verbrauch von Schlaf- und Beruhigungsmitteln hinweg. Denn gleichzeitig ist die Zahl der Verordnungen aus der Gruppe der Z-Drugs mit den Wirkstoffen Zolpidem und Zopiclon gestiegen. Benzodiazepine besitzen ebenso wie Z-Drugs ein Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial. 50 % und mehr dieser Mittel werden mittlerweile auf Privatrezept verordnet, vor allem für Gesetzlich Versicherte. Deshalb werden sie nicht exakt erfasst.

Betroffen von Arzneimittelabhängigkeit sind vor allem ältere Frauen über 65 Jahren. Folgen der hohen Wirkstoffmengen im Körper. sind verstärkte Wirkungen und unerwünschte Wirkungen wie eine eingeschränkte Konzentrationsfähigkeit und Gangunsicherheit, oft verbunden mit Stürzen und Knochenbrüchen.

Intransparent ist ebenso die Schmerzmittelversorgung. Rund 150 Mio. Packungen unterschiedlichster Schmerzmittel werden pro Jahr verkauft, davon 70 % ohne Rezept direkt in der Apotheke. Käufer sind oftmals Patienten, die von ihren Ärzten bereits Schmerzmittel verordnet bekommen haben. Abgesehen von möglichen Wechselwirkungen treten aber auch bei rezeptfreien Schmerzmitteln häufig unerwünschte Wirkungen auf. Um den Konsum von Schmerzmitteln zu begrenzen, forderte Prof. Glaeske eine bessere Kooperation von Ärzten und Apothekern.

Ein weiterer wichtiger Schritt in Richtung Prävention sei es, die Werbung für Arzneimittel mit Missbrauchspotenzial zu untersagen. Hier werde suggeriert, dass Probleme einfach weggeschluckt werden könnten. wul


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