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Erntedank 2018

Die Dürre macht nachdenklich

Dr. Roland Mettenbrink, Pfarrer in Pr. Ströhen und Rahden, Scriba des Ev. Kirchenkreises Lübbecke

Landwirtschaft und Kirchen sollten mehr Mut haben zum Gespräch über das, worauf es ankommt: unsere Lebensgrundlagen, der Wert und der Preis der Lebensmittel, Tier- und Naturschutz, Ökonomie und Ökologie - und die religiöse Dimension von allem.

Das Jahr 2018 wird uns als ein Dürrejahr in Erinnerung bleiben. Aber im Gegensatz zu den geschichtlichen Dürrejahren wird aller Voraussicht nach in diesem Jahr die Trockenheit kaum Folgen für die Bevölkerung haben. Die Versorgung ist gewährleistet; die Teuerung wird sich in Grenzen halten.

Als großes Dürrejahr in der Geschichte gilt 1540. Damals konnte man in Basel den Rhein zu Fuß durchqueren. Das Katastrophenjahr kostete viele Menschenleben. Dürren und Missernten im 19. Jahrhundert führten in den ländlichen Gebieten Deutschlands zur Auswanderung nach Amerika.

Heute dürfen wir feststellen, dass die moderne Landwirtschaft mit Mineraldünger und rationeller Viehhaltung segensreiche Folgen hat. Selbst extreme Witterungen wirken sich nicht gleich bedrohlich auf die Lebensmittelversorgung aus. Die Schattenseite dessen ist aber der Verlust des Bewusstseins dafür, dass wir Menschen Bestandteil einer viel größeren Schöpfung sind und wir in diese Welt gestellte Empfangende und Beschenkte sind. Wir produzieren nicht unsere Lebensgrundlagen, sondern empfangen sie aus der Natur.

Der modernen Landwirtschaft ist viel zuzutrauen. Sie wird trotz Klimawandels die Versorgung aufrechterhalten, und in ihr steckt das Potenzial, eine auf 12 Mrd. Menschen anwachsende Weltbevölkerung zu ernähren. Eines der großen Menschheitsprobleme, der Hunger, steht, wenn nur die Verteilung der Erntegaben in der Welt gelingt, vor seiner Lösung.

Um welchen Preis? Ein bis auf wenige Arten gesäuberter Naturraum und eine Viehhaltung, deren Zweck eine effiziente Fleischproduktion ist. Transformation des menschlichen Bewusstseins und auch der Landwirtschaft ist möglich. Diese Transformation wird einsetzen bei der Anerkennung der Leistung der modern wirtschaftenden Landwirte. Ihre Arbeit ist ein Menschheitssegen.

Gemeinsam mit den anderen Akteuren im ländlichen Raum möchte ich zu weiterem intensiven Diskurs über das Welt- und Menschenbild, das gerade auch der modern-technisierten Landwirtschaft zugrunde liegt, anregen. Ist nicht eine Bewusstseinsöffnung, hin zu der Wahrnehmung der beseelten Geschöpflichkeit aller Lebewesen und zu Gott, dem Schöpfer, in dem alles lebt, webt und ist, angesagt?

Ein mechanistisch, materialistisch und konsumistisch fundamentiertes Welt- und Menschenbild ist reduziert und im Letzten lebensverachtend. Ich glaube, dass viele Menschen den Lebensgrundlagen einen hohen Wert beimessen und sie für Lebensmittel mehr zahlen würden.

Ich wünsche mir, dass Landwirtschaft und Kirchen mehr Mut zum Diskurs haben, sie aus ihrer Defensive herauskommen. Dass das, worauf es ankommt, die Lebensgrundlagen in all ihren Bezügen und Facetten, zum Thema gemacht werden. Dass diskutiert wird um den Wert und Preis der Lebensmittel, Tier- und Naturschutz, Ökonomie und Ökologie, und dass dabei die religiöse Dimension nicht ausgespart bleibt.

In diesem Sinne möge das Erntedankfest 2018 begangen werden. Das Nachdenken über das Dürrejahr 2018 bietet eine große Chance, sich der Grundzusammenhänge des Lebens bewusst zu werden.