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Kommentar

Deutlicher geht's nicht

Heinz-Georg Waldeyer

Jeder zweite heimische Ferkelerzeuger will in den nächsten Jahren die Sauen abschaffen. Der Grund: Hohe Auflagen, unsichere wirtschaftliche Perspektiven, das Schweigen der Politik. Was nötig wäre? Wertschätzung und Augenmaß zum Beispiel.

Das nennt man wohl Abstimmung mit den Füßen: Mehr als die Hälfte der heimischen Ferkelerzeuger will in den nächsten Jahren die Sauen abschaffen. In der Größenklasse bis 150 Sauen sind es sogar 85 %. Deutlicher kann ein Alarmsignal nicht sein, als das Umfrageer­gebnis der ISN-Interessengemeinschaft der Schweine­halter Deutschlands (Details ab Seite 18). Als Aus­stiegsgrund geben die meisten Landwirte die immer größere Auflagenflut an, die ihnen die Luft zum Atmen nimmt.

Viele vermeintliche Tier­schutz­ver­besser­ungen wurden „von oben herab“ beschlossen, ohne den Bauern wirklich praktikable Lösungs­möglich­keiten anzubieten. Deutsch­lands Alleingang beim Ausstieg aus der betäubungslosen Ferkel­kastration zum 1. Januar 2019 ist ein Paradebeispiel dafür.

Selbst wirtschaftlich gesunde Betriebe mit ordentlicher Produktionstechnik blicken sorgenvoll in die Zukunft. Bund, Länder und Verwaltung stellen bewährte Produktions­methoden infrage. Antworten auf die zahlreichen ungelösten Fragen rund um Kastenstände, Langschwänze und Bewegungsbuchten liefern sie aber nicht. Die Landwirte fragen sich, welche Haltungsform morgen und übermorgen noch erlaubt ist. Wer traut sich unter diesen Bedingungen, in neue Ställe zu investieren oder die vorhandenen zu modernisieren? So bremst man Verbesserungen beim Tierwohl aus.

Und was tun die verantwortlichen Politiker? Sie schweigen und warten ab! Aus Angst vor schlechter Presse sowie mächtigen Nichtregierungsorganisationen und deren Einfluss auf die Wähler packt niemand die brisanten Themen Tier- und Umweltschutz an.

Statt Entscheidungen gibt es Wegducken, Schulterzucken und Aussitzen. Derweil rennt den Bauern die Zeit weg. Stich­tage rücken immer näher. Das frustriert die Landwirte und schadet letztlich der gesamten Wirtschaft.

Natürlich können Ferkel auch aus dem Ausland bezogen werden: Holländer und Dänen freuen sich schon. Und wenn das nicht reicht, bietet der Weltmarkt Lebensmittel in Hülle und Fülle. Regionale Wertschöpfung und Wirtschaftskonjunktur sehen aller­dings anders aus. In dieser Hinsicht wünschen sich viele Landwirte mehr Unter­stützung von den Partnern im sogenannten vor- und nachgelagerten Bereich. Die Bauern fühlen sich zunehmend im Stich gelassen. Dabei wird der Strukturbruch nicht nur sie treffen!

Bund und Länder müssen endlich handeln. Es geht nicht mehr um die wissenschaftliche Fra­ge nach „vollständiger“ oder „weitgehender“ Schmerz­ausschaltung bei der Ferkelkastration, sondern um die Zukunft der Familienbetriebe. Hier reichen keine Lippen­bekenntnisse zu Regionalität und Heimat. Die Betriebe brauchen Perspektiven und Produktionsvorgaben mit Augenmaß, die Bauern das Gefühl von Wertschätzung und Akzeptanz. Bei manchen Politikern haben sie dagegen den Eindruck, regelrecht unerwünscht zu sein. Wenn hier nicht endlich ein Umdenken stattfindet, steigen gerade die Betriebe in Massen aus, welche man aus verschiedenen Gründen eigentlich erhalten will – das gilt nicht nur für die Sauenhalter. Und keiner der Verantwortlichen soll später mal sagen, er hätte das nicht gewusst.