Zum Inhalt springen

Drücken Sie Öffnen / Eingabe / Enter / Return um die Suche zu starten

2 °C Münster (Westfalen)

Vom Hof zurück in den Beruf

Die finanzielle Situation des Betriebs, die eigene Altersvorsorge oder einfach der Spaß am Beruf – für den Wiedereinstieg in den gelernten Job gibt es viele Gründe. Angelika Keller* ist glücklich, diesen Schritt gewagt zu haben.

Ist die wirtschaftliche Situation auf einem Betrieb schlecht, ist das für manche Frau der Grund, wieder in ihren alten Beruf zurückzukehren. Foto: Leichauer

Rund 25 Jahre drehte sich für Angelika Keller* alles um ihre Kinder, den Haushalt und den Milchviehbetrieb der Familie. Seit einem Jahr geht sie nun wieder außerhalb des Betriebs arbeiten. Weil es ihr Spaß macht. Aber auch: Weil die Familie das Geld in Zeiten der Milchkrise gut gebrauchen kann. Und damit ist die Bäuerin nicht allein. Drei weitere Frauen anderer Milchviehbetriebe aus der Bauerschaft haben sich ebenfalls wieder eine feste Anstellung gesucht. Das Gehalt der Frauen kann die Verluste nicht wettmachen, ist aber immerhin ein Anfang. Angelika Keller bereut es nicht, den Schritt gegangen zu sein. Im Gegenteil – der Wieder­einstieg hatte für sie ungeahnte posi­tive Folgen.

Schwiegermuttern nicht widersprochen

26 Jahre war Angelika Keller alt, als sie ihren Mann heiratete. Die gelernte Krankenschwester liebte ihre Arbeit. Doch ihre Schwiegermutter machte ihr unmissverständlich klar: Wenn du auf den Hof ziehst, ist es mit der Berufstätigkeit vorbei. Ihr Mann konnte die Unterstützung auf dem Betrieb gut gebrauchen. Daher traute Angelika Keller sich nicht zu widersprechen und kündigte.

Insgeheim stand für sie jedoch fest: Sollte ihre Schwiegermutter nicht mehr leben, würde sie ihren Schwesternkittel mit Freude wieder anziehen. Als die Schwiegermutter etliche Jahre später starb, hatte sie ihren Gedanken von damals nicht vergessen. „Doch der Mut hatte mich verlassen“, räumt die 51-Jährige ein. Wer würde sie nach all den Jahren schon einstellen? Damit blieb vier weitere Jahre alles beim Alten.

Situation war nicht leicht

Vor zwei Jahren schließlich stieg der älteste Sohn mit in den Betrieb ein. Angelika Keller und ihr Mann freuten sich, dass die Hofnachfolge gesichert ist. Doch die Situation war nicht immer leicht. Ihr Sohn versuchte, seinen Platz im Betrieb zu finden. Die Tatsache, dass seine Mutter viele Aufgaben übernahm, machte ihm das nicht leicht. Gleichzeitig war die wirtschaftliche Situation auch auf dem Milchviehbetrieb von Familie Keller alles andere als rosig. Es musste eine Lösung her.

„Ich selbst wäre auch zu diesem Zeitpunkt nie auf die Idee gekommen, mich auf eine Stelle außerhalb des Betriebs zu bewerben. Das hat meine Tochter schließlich übernommen“, erzählt Angelika Keller schmunzelnd. Knapp 30 Jahre nach der Ausbildung wieder als Krankenschwester zu arbeiten, wäre nicht ohne Weiteres möglich gewesen. Daher verschickte die Tochter im Namen ihrer Mutter eine Bewerbung für eine Pflegestelle im Altenheim. In der darauffolgenden Woche trat Angelika Keller die Stelle an.

Ganz neue Wertschätzung

Friedhelm Keller* war von der veränderten Situation überrumpelt. Dass die wirtschaftliche Situation des Betriebs sich so verschlechtert hatte, dass seine Frau nun außerhalb arbeiten ging, daran hatte der Landwirt anfangs zu knapsen. Auch für Angelika Keller begann mit dem Wiedereinstieg ein Lernprozess. „Ich musste lernen, zu Hause Aufgaben abzugeben und auch anderen etwas zuzutrauen“, sagt sie offen.

Durch ihre Berufstätigkeit ist die Bäuerin förmlich aufgeblüht. Plötzlich erfuhr sie eine ganz neue Art der Wertschätzung – unter anderem durch ihre Kollegen und die Heimbewohner. „Auch innerhalb der Familie habe ich seitdem einen ganz anderen Stellenwert“, erzählt Angelika Keller verblüfft. Da sie unterschiedliche Schichten hat, fragt ihr Mann mittlerweile, ob sie nachmittags da sei und mit ihm ­eine Radtour unternehmen wolle. Derartige Verabredungen gab es früher nie. Kommt seine Frau von der Arbeit nach Hause, fragt Friedhelm Keller interessiert nach. Mittlerweile ist er stolz auf seine Frau.

Monatlich etwa 1000€ auf dem Konto

Im Durchschnitt arbeitet Angelika Keller 20 Stunden in der Woche. So kommt jeden Monat ein zusätzlicher Betrag von etwa 1000 € auf das Konto der Familie. Dass sie durch ihren Job gleichzeitig etwas für ihre Altersvorsorge tut, ist Angelika Keller ebenfalls wichtig. Aus der Alterskasse ist sie ausgetreten. Dort beträgt ihr Anspruch bei Rentenbeginn knapp 300 €, wie sie sich vor einigen Monaten hat ausrechnen lassen. Viel weniger, als sie erwartet hatte. Mit ihrem jetzigen Verdienst knüpft sie bei der gesetzlichen Rentenversicherung an ihre Beitragszahlungen vor der Familienphase an. Große Sprünge wird sie auch mit dem Geld aus diesem Topf später nicht machen können, aber immerhin. Bar

*Name von der Redaktion geändert

Den ausführlichen Beitrag sowie ein Interview mit Tipps zum Wiedereinstieg finden Sie im Wochenblatt Folge 9 ab Seite 62.

Anzeige