Mangel an Futtertieren

Die Futterküken fehlen

Das Verbot des Kükentötens in Deutschland wird als Erfolg des Tierschutzes gefeiert. Doch für Zoos, Auffangstationen und Falknereien mangelt es jetzt an wichtigen Futtertieren, die nun aus anderen Ländern importiert werden.

In Deutschland werden pro Jahr schätzungsweise etwa 31 bis 55 Mio. Futterküken von den bundesweit rund 400 zoologischen Einrichtungen, 4000 Zoofachhandlungen und 4000 Falknern benötigt. Bei der Diskussion um das Verbot des Kükentötens, das seit dem 1. Januar in Deutschland gilt, spielten diese Zahlen jedoch kaum eine Rolle.

Das Töten von Küken, um diese an andere Tiere zu verfüttern, wurde explizit nicht als Ausnahme vorgesehen.

„Das Töten von Küken, um diese an andere Tiere zu verfüttern, wurde explizit nicht als Ausnahme vorgesehen“, sagt Dr. Dominik Fischer. Der Fachtierarzt für Wirtschafts-, Wild- und Ziergeflügel und Kurator am Zoo Wuppertal hatte im Mai 2021 eine Stellungnahme anlässlich der öffentlichen Anhörung des Ausschusses für Ernährung und Landwirtschaft des Deutschen Bundestages zum Thema Kükentöten aus Sicht der Tierhalter verfasst. Er begrüße ein Gesetz, das das unnötige Töten von Tieren beendet, doch müsse auch der Bedarf an tierschutzkonform erzeugten Futtertieren bedacht werden.

Futteralternativen?

Für Hunde und Katzen gibt es Fertigfutter. Diese Vorgehensweise ist bei vielen exotischen Heimtieren, Wild- und Zootieren jedoch nicht möglich. Auch das alleinige Verfüttern von Schlachtnebenprodukten oder Muskelfleisch von Großtieren wie Rindern oder Schafen ist für die meisten Greifvögel und Eulen sowie den überwiegenden Teil der Kleinkatzen, Reptilien und Amphibien wenig geeignet.

„Meist fehlen essenzielle Fettsäuren und beim überwiegenden Angebot von Schlachtnebenprodukten wie Leber oder Nieren besteht das Risiko der Überversorgung mit Vitamin A oder Kupfer. „Eine bedarfsgerechte Vitamin- und Nährstoffversorgung lässt sich am besten durch das Verfüttern vollständiger Futtertiere erreichen“, betont der Tierarzt. Bei Greifvögeln und Eulen sind zudem wenig bis unverdauliche Bestandteile wie Knochen, (Flaum-)Federn, Sehnen und Krallen wichtig, um die Bildung eines Gewölles (Speiballens) zu ermöglichen.

Kleinsäuger bergen Nachteile

Als Alternative zu Hühnerküken sind andere Futtertiere mit geringer Körpergröße erforderlich wie Mäuse und Ratten, Kaninchen oder Meerschweinchen. Die meisten Kleinsäuger weisen jedoch im Vergleich zu Hühnerküken signifikant höhere Calciumgehalte auf. Dies kann ein Nachteil sein, da viele Beutegreifer ernährungsphysiologisch die Beutetiere so lange im Magen-Darm-Trakt zurückhalten, bis diese Calciumreserven absorbiert wurden. In dieser Zeit wird meist kein neues Futtertier aufgenommen, sodass es zu Energiedefiziten bei geschwächten oder aufzupäppelnden Beutegreifern (zum Beispiel in Tierkliniken oder Wildvogelpflegestationen) kommen kann.

Im Gegensatz zu Eintagsküken ist bei Kleinsäugern zudem eine mehrwöchige Aufzucht und Fütterungsphase erforderlich; eventuell auch ein Transport zwischen Erzeuger- und Aufzuchtbetrieb.

Kükenimporte steigen

Bereits vor dem Verbot in Deutschland wurden aufgrund des hohen Bedarfs Futterküken aus anderen EU-Ländern wie den Niederlanden, Polen und Spanien bezogen. Die innereuropäische Situation wird sich jedoch weiter verändern, da in Frankreich ab 2023 das Kükentöten ebenfalls verboten sein soll. Auch in den Niederlanden gab es bereits Eingaben ins Parlament, um dort ein Tötungsverbot zu erwirken.

Die im Ausland erbrüteten Küken stehen jedoch nicht unter dem Schutz des deutschen Tierschutzgesetzes.

Im Raum steht ein europaweites Verbot. Die Folge: Importe aus Drittländern wie Weißrussland oder der Ukraine werden steigen. „Die im Ausland erbrüteten Küken stehen jedoch nicht unter dem Schutz des deutschen Tierschutzgesetzes“, so Fischer. „Die Kenntnis politischer Entscheidungsträger, dass es bundesweit einen hohen Bedarf an Futterküken gibt und dass alle Möglichkeiten, diesen Bedarf durch Alternativen oder durch Import zu decken, dem Tierschutz nicht dienlich sind, kommt einer Leugnung der Realität und einer gewissen Scheinheiligkeit gleich.“

Wertvolles Futter statt Abfallprodukt
Rund 30.000 Küken benötigt die Adlerwarte Berlebeck als Futter für die rund 200 Greifvögel – pro Monat. Doch durch das Verbot des Kükentötens in Deutschland gibt es einen Futternotstand, schildert Klaus Hansen. Er ist Leiter der Adlerwarte in Detmold, Kreis Lippe, und kritisiert, dass bei der ganzen Diskussion um das Kükentöten vergessen wurde, dass es sich bei den männlichen Küken nicht um ein Abfallprodukt, sondern um ein wertvolles Futtermittel handelt, auf das Zoos, Greifvogelstationen und Falkner angewiesen sind.
Die Welt beliefert uns schon, selbst wenn das Kükentöten europaweit verboten würde.


„Es gibt noch Küken“, sagt Hansen. Doch statt aus Deutschland kommen die Futterküken nun aus Spanien, Polen oder Argentinien. „Die Welt beliefert uns schon, selbst wenn das Kükentöten europaweit verboten würde. Es ist alles nur ­eine Frage des Preises“, so der Falkner. Hansen bezeichnet die Situation als „Irrsinn“: „10 kg Rindfleisch im Aldi sind günstiger als 10 kg Küken aus Argentinien.“ Für die Greife kann aber nicht gerade mal die „Fleischquelle“ gewechselt werden. Teilweise wurde auf Fisch umgestellt, beispielsweise bei den Rotmilanen. Alternativ zu Küken wären Mäuse denkbar. „Doch wo bekomme ich so viele Mäuse her?“, fragt sich der 52-Jährige. Zudem müssten diese über eine längere Zeit und mit großem Futteraufwand großgezogen werden.
Neben dem gestiegenen Preis kommen bei den Futterküken auch Lieferengpässe hinzu. „Wir fahren total auf Sicht. Wenn ich zwei Paletten Küken bestelle, bekomme ich eine halbe“, berichtet der Falkner.

Starke Kritik übt Hansen an den Geflügelzuchtverbänden. Sie haben sich seiner Meinung nach zwei Jahre lang an der Nase herumführen lassen. Leidtragende seien nun die kleineren Brütereien und die Falknereien. „Vielleicht hätten auch wir aktiver werden müssen“, räumt Hansen selbstkritisch ein. Große Brütereien würden die Küken nun ins Ausland „karren“. Hansen: „Das Leiden der Küken wird dadurch nicht weniger, wenn sie statt als Eintagsküken zunächst erst noch durch halb Europa gekarrt und dann zehn Wochen später getötet werden.“

In Österreich sind Küken noch Futter
In Österreich ziehen Biobetriebe bereits seit drei Jahren alle Bruderhähne auf. Für deren Schlachtung wurde dort extra ein neuer Schlachthof gebaut. Im Gegensatz zu Deutschland gilt bei unseren Nachbarn eine lückenlose Verfütterung der getöteten Eintagsküken jedoch als eine sinnvolle Verwertung. Bereits vor dem Schlupf wird in eine Datenbank eingetragen, wohin die schlüpfenden Hahnenküken abgegeben werden. Durch eigene Brut fallen in Österreich jährlich etwa 8 Mio. männliche Eintagsküken an, verfüttert werden insgesamt etwa 12 Mio. Stück.

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