Weidetierhaltung und Wolf

Wölfe auf der Weide

Weidetierhalter fürchten sich vor Wolfsrissen und bangen um ihre Existenz. Sie investieren in den Herdenschutz. Dennoch fühlen sie sich nicht sicher vor den Wölfen, wie zwei Praktiker berichten.

Wir konnten gut von der Schafhaltung im Vollerwerb und der Direktvermarktung von Eiern und Obst leben. Bis die Wölfe kamen“, beschreibt Simon Darscheid aus Hennef, im Rhein-Sieg-Kreis. Das angrenzende Bergische Land galt lange als Wolfsverdachtsgebiet. „Dabei hatten wir etliche Schafsrisse in der Gegend. Aber merkwürdigerweise konnte die DNA erst sehr spät einem Wolf nachgewiesen werden. Seit Juni 2020 gilt das Bergische Land nun als Wolfsgebiet mit einem Rudel von Eltern und mindestens zwei Welpen."

Zwei Hunde für den Schutz der Schafe

Darscheid hält rund 120 Muttertiere der Rasse Ostfriesisches Milchschaf. Seit vier Monaten hat er zwei Pyrenäenberghunde für den Herdenschutz. „Ich habe ausgerechnet was teurer ist, die Schafe nachts aufzustallen und zuzufüttern oder sie draußen zu lassen und mir Herden schutzhunde anzuschaffen. Für meinen Betrieb passten die Hunde besser.“

Um den Herdenschutz zu finanzieren, geht Darscheid nun nachts arbeiten. Jährlich belaufen sich die Kosten pro Hund auf rund 2500 €, denn nur die reinen Anschaffungskosten werden finanziert. „Aber die Hunde bewachen die Schafe gut. Die Weide innerhalb des Zaunes sehen sie als ihr Territorium. Eindringlinge jeder Art sollten sich besser nicht in die Weide verirren“, sagt der Schäfer. Er betont aber auch, dass Herdenschutzhunde auf keinen Fall zu jedem Betrieb passen.

Die ostfriesischen Milchschafe, eine vom Aussterben bedrohte Rasse, stehen ganzjährig auf der Weide. Sie stehen hinter 1,20 m hohen Netzen. Nur zur Lammzeit holt Darscheid die Tiere in den Stall.

Direkt am Hof liegen etwa 15 ha Grünland. Dieses soll nun wolfsabweisend eingezäunt werden, mit einem festen, 1,20 m hohen Zaun. „Das Material wird finanziert, der Arbeitsaufwand nicht. Für mich bedeutet das: 1800 Pfosten müssen in die Erde.“ Da der Schäfer an manchen Stellen Übersprunghilfen ausgleichen muss, ist der Zaun dort bis zu 2,10 m hoch. „Für Zäune, höher als 1,50 m, brauche ich eine Baugenehmi-gung.“ Außerdem muss er für den Zaun 600 m Feldhecke entfernen. „Damit raube ich vielen seltenen Tierarten den Lebensraum – auch das nur für den Wolf.“

Auffällige Wölfe gezielt entnehmen

Vom Wolfsmanagement sind Darscheid und seine Berufskollegen mehr als enttäuscht. „Im Bergischen Land haben wir eine Whatsapp-Gruppe mit 150 Mitglie-dern, bestehend aus Tierhaltern und Jägern. So bekommen wir sofort mit, wenn wieder Tiere gerissen wurden oder Jäger Wölfe gesehen haben.“ Auf die Informationen des Landesamts für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW (LANUV) könnten sie nicht warten – die kommen fast immer zu spät.

Immer schwieriger ist es für den stellvertretenden Vorsitzenden des NRW-Schafzuchtverbands, seinen Kollegen zu erklären, dass sie ihre Tiere wolfsabwei-send einzäunen müssen: „Was bringt der wolfsabweisende Zaun, wenn die Wölfin vom Niederrhein schon mehrfach bewiesen hat, dass sie ihn überspringt?“ Darscheid fordert: „Auffällige Wölfe müssen endlich gezielt entnommen werden.“

Welsh Blacks trotzen Wölfen

Rudolf Michaelis auf der Winterweide mit seinem Welsh Black-Bullen. (Bildquelle: Michaelis)

Rudolf Michaelis und seine Tochter Franziska halten 130 Welsh Black-Rinder in Rätzlingen im Landkreis Uelzen. Auf dem Neuland-Betrieb stehen die Tiere ganzjährig auf der Weide. Inzwischen sorgen fünf Wolfsrudel im Kreis Uelzen dafür, dass die Betriebsleiter große Sorgen haben. „Jeden Morgen machen wir eine Kontrollfahrt zu den Weiden. Stehen die Rinder eng zusammen, weiß ich: Die Wölfe sind da“, beschreibt Rudolf Michaelis. Beruhigt ist er, wenn seine Rinder ruhig grasen. „Wenn dann noch Rehe an der Weide stehen, sind keine Wölfe in der Nähe.“

Die Raubtiere waren auch schon in der Weide der Rinder. Allerdings ohne Erfolg, denn die Welsh Blacks sind im Herdenverband auf die Wölfe zugelaufen und konnte sie in die Flucht schlagen. Deshalb ist es ganz wichtig, keine kleinen Herden von fünf oder sechs Tieren auf einer Weide zu halten. Denn einzelne Rinder haben keine Chance gegen ein jagendes Rudel Wölfe, berichtet Michaelis. „Wir haben immer mindestens 20 bis 30 Rinder auf einer Weide und alte, erfahrene Kühe dabei. Diese übernehmen in Gefahrensituationen die Führung.“

Wölfe führen zu psychischem Stress und wirtschaftlichen Schäden

Abgesehen vom psychischen Stress wirken sich die Wölfe aber auch auf die Wirtschaftlichkeit aus: Die Rinder nehmen weniger zu, wenn die Wölfe die Weide regelmäßig umkreisen. Die Tiere haben Stress. Auch müssen die Landwirte die Kühe vor dem Kalben in den Stall holen – das bedeutet extra Arbeit. „Die Wölfe dürfen auf keinen Fall den Geruch der Geburt in die Nase bekommen. Die Kälber kommen erst mit etwa fünf Tagen raus, wenn sie mit der Mutter mitlaufen können.

Die Zäune von Michaelis haben mindestens 8000 Volt: „Es muss viel Strom auf den Litzen sein, damit die Wölfe möglichst dahinter bleiben. Strom und Bewuchs kontrollieren wir täglich.“ Familie Michaelis fordert, dass der Wolf ins Jagdrecht übernommen wird und Bestandsobergrenzen eingeführt werden, um die Gefahr durch die Wölfe zu mindern.


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vor von Bernhard Feßler, FN; Anne Menrath, FHB; Alfons Gimber, VDL

Das sagen Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN), Fleischrinder-Herdbuch Bonn (FHB) und Vereinigung Deutscher Landesschafzuchtverbände (VDL) zum Thema Wolf.


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