Ohrnekrosen und Schwanzbeißern auf der Spur

Schwanz- und Ohrenbeißen ist für die Schweine schmerzhaft. Zudem sind die Wunden Eintrittspforten für Keime. Multiple Abszesse können dazu führen, dass der komplette Schlachtkörper verworfen wird.

Dr. Franz Lappe unterscheidet drei Kategorien von Beißern:

Zweistufiges Beißen:

In reizarmer Umgebung lutschen Schweine am Schwanz der anderen. Im zweiten Schritt beginnen sie zu beißen.

Plötzliches, gewaltsames Beißen:

Durch vereinzelte massive Beißattacken versuchen Tiere, eine knappe Ressource zu ergattern. Das kann Futter oder Wasser sein, aber auch komfortable Liegeplätze. Das ist nach Lappes Erfahrung die häufigste Form des Beißens.

Obsessives Beißen:

Einzelne, oft kleinere oder kranke Tiere verletzen zwanghaft die Schwänze anderer. Dies Fehlverhalten hat nach Lappes Beobachtungen zugenommen. Er sieht einen Zusammenhang mit Darmerkrankungen aufgrund zu rascher Futteraufnahme, die zur Verschiebung der Darmflora führt. Es entwickelt sich eine Darmentzündung, die nach Futteraufnahme Schmerzen im Bauch auslöst. Da die Absorption von Protein und Natrium gestört ist, entwickeln die Tiere ein Suchverhalten, das zur Manipulation der Buchtengenossen führt.

Praxisfälle

Die verschiedenen Ausprägungen und ihre Ursachen schildert der Tierarzt anhand von Praxisfällen:

Zu wenig Energie: In der Jungsauenaufzucht lief das Futter aus den Rohrbreiautomaten nur langsam in den Trog. Zudem wurde tagesrationiert mit niedriger Energiedichte gefüttert, um die Jungsauen nicht zu mästen. Diese Konkurrenz ums Futter führte beim Wechsel der Genetik zu Schwanzbeißen.

Trog blitzblank: Der Quertrog im Maststall war nach der Fütterung in allen Buchten blankgeleckt. Die Schweine hatten Hunger. Hinzu kam ein geringer Trockensubstanzgehalt, da die Leistung der Futterpumpe schwach war.

Schwanzbeißen ab 70 kg: Erst nachts klärte sich die Ursache. Das Orientierungslicht reichte, um die Haufenlage der Schweine am Rand des Liegebereichs zu erkennen. Ursache war Falschluft aus dem Güllekeller aufgrund undichter Schieber. Mit steigendem Gewicht der Schweine wurden Tiere beim Liegen in den Falschluftbereich verdrängt. Diese versuchten durch Beißen der anderen, zurück in die Komfortzone zu kommen.

Ohrbeißen im Flatdeck: Kunststoff- und Betonroste, Trockenautomaten mit ad-libitum-Fütterung – eigentlich alles optimal. Trotzdem zeigten die Ferkel nach Genetikwechsel ein ausgeprägtes Suchverhalten – aber erst drei Wochen nach dem Absetzen. Sie massierten mit der Schnauze die Bäuche der Kollegen (belly nosing) und lutschten an den Ohren. Ohrbeißen wurde zum Dauerzustand. Da auch Streptokokken ein Problem waren, untersuchte Franz Lappe erkrankte Tiere in der Sektion. Dort fand er zusätzlich eine Darmentzündung. Er behandelte diese, da Nährstoffmangel das Suchverhalten auslösen kann. Daraufhin blieben die Ohren heil.

Zugluft in der Ferkelaufzucht: Hier fiel Lappe im Video auf, dass die Ferkel nicht entspannt in Seitenlage ruhten, sondern in Bauch-/Brustlage. Die Fläche unterhalb des Lüftungskanals wurde von den Ferkeln gemieden. Hier herrschte Zugluft, die die Aggression steigert. Nach Verringerung der Luftrate waren die Ferkel friedlich.

Beißen wie unter Zwang: Zwei Stunden nach der Fütterung ging es jedes Mal los: Einzelne Tiere bissen wie unter Zwang ihre Buchtengenossen, obwohl die Tiere genug Platz hatten und reichlich Futter. Lappes Vermutung: „Druck“ aus dem Darm durch Ileitis oder Mykotoxine. Der Einsatz eines Mykotoxinbinders löste das Problem.

Entzündeter Darm: Ein bis zwei Wochen nach Beginn der Mast trat obsessives Beißen bei den Schweinen auf. Einzelne Tiere fielen auf durch eingefallene Flanken sowie struppiges, leicht kotverschmiertes Haarkleid. Lappe tippte auf Ileitis, die vom Labor bestätigt wurde. Nach Behandlung mit Tylosin war der Spuk nach drei Tagen vorbei.

Gewitterluft: Nach jedem Gewitter ging’s rund im neuen Stall. Ursache: Während des Gewitters stieg die Luftfeuchtigkeit an, da die Lüfterleistung für diese extreme Witterungsphase zu knapp kalkuliert war. Das überforderte die Thermoregulation der Schweine. Mit Absinken der Luftfeuchte stellten sie das Schwanzbeißen ein.

Zu viel Sonne: Viel Platz, viel Beschäftigungsmaterial, genug Futter und Wasser – trotzdem ging nachmittags von halb vier bis um fünf die Post ab in der Bucht. Wie Franz Lappe anhand der Videoaufzeichnungen herausfand, war ein einziges Schwein der Beißer. Ursache war das pralle Sonnenlicht durch das Stallfenster, dem das Schwein nicht ausweichen konnte.

Prägung fürs Leben: Bei großen Würfen finden nach 14 Tagen nicht alle Ferkel gleichzeitig einen Platz am Gesäuge. Für Franz Lappe sind die Folgen klar: Die Ferkel lernen von früh an, um Futter zu kämpfen. Das dürfte ihr Verhalten bei der Futteraufnahme fürs ganze Leben beeinflussen. Möglicherweise führt das bei kleineren, frustrierten Ferkeln zu Schwanz- und Ohrenbeißen in Ferkelaufzucht und Mast. In Franz Lappes eigenen Untersuchungen waren oft leichtere Schweine die Tätertiere. Die Situation im Abferkelstall entspannte sich durch Beifütterung von Milch.

Eberwechsel bringt Ruhe: Die Ferkel waren im Flatdeck sehr wüchsig. Aber mehr als drei Viertel der Tiere hatte angebissene Ohren. Im Video zeigte sich, dass die vorhandene Genetik drastisch auf geringfügige Stresssituationen wie leichte Zugluft reagierte. Daher riet der Tierarzt, die Eberlinie zu wechseln, hin zu einem „friedlicheren“ Eber. Dadurch sank die Zahl der Tiere mit Ohrverletzungen auf 5 %.

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