Serie: Premiumprodukt Kalbfleisch

Mehr Geld für gute Kälber

Oft sind die Kälberpreise für Milchviehhalter nicht kostendeckend. Dabei sind Kälbermäster bereit, für gut versorgte Bullenkälber mehr zu zahlen. Ein Programm lässt beide Seiten profitieren.

Zynisch berichtete „Der Spiegel“ vor knapp einem Jahr im Artikel „Kälber billiger als Kanarienvögel“ über die Preise für schwarzbunte Kälber. Immer wieder werfen Medien die Frage auf, ob Bullenkälber wirklich gut versorgt werden. Mit dabei die Sorge: Bei niedrigen Milch- und Kälberpreisen würden Landwirte die männlichen Tiere vernachlässigen. Wahr ist: Für ein Bullenkalb bekommt ein Milchviehhalter momentan nicht mehr als 50 €. Das deckt nicht einmal die Besamungskosten. Dazu kommt, dass die Preise häufig schwanken.

Landwirte haben die Möglichkeit mithilfe bestimmter Programme mehr Geld für gute Kälber zu bekommen. (Bildquelle: Drießen)

Teil der Wahrheit ist aber auch: Für die ganz überwiegende Mehrzahl der Landwirte ist eine gute Versorgung aller Kälber, auch der Bullenkälber, selbstverständlich. Das ist eine Frage der Berufsehre. Außerdem entscheidet die Aufzucht über die spätere Leistung der Tiere. Ein schöner Effekt ist es, wenn es für schwere und vitale Kälber ein paar Euro mehr gibt. Es profitieren schließlich alle Seiten: Der Milchviehhalter verdient etwas mehr am Kalb und der Kälbermäster bekommt frohwüchsige Kälber.

Es gibt Programme, bei denen Milchviehhalter für gute Kälberqualitäten deutlich höhere Marktpreise erzielen können. Ein entsprechendes Programm hat das ­integrierte Unternehmen Denkavit mit den sogenannten „Qualitäts- Programmkälbern“ entwickelt. Partner des Programms sind unter anderem der Raiffeisen Viehverbund (RVV) sowie verschiedene andere.

Zwei landwirtschaftliche Betriebe berichten von ihren Erfahrungen:

Gleiche Behandlung für Kuh- und Bullenkälber

Es ist Dienstagmorgen, 10 Uhr, ein grüner Lkw steht vor dem Kälberstall auf dem Hof der Klasing-Hilker GbR in Rahden, Kreis Minden-Lübbecke. Der Fahrer holt, wie jeden Dienstag, Bullenkälber ab. Heute vier. Als Erstes fällt auf: Die Schwarzbunten sind extrem proper und vital. Die Kälber sind sehr sauber und das Fell glatt. Sie springen aus ihren Iglus und buckeln über die Stallgasse.

Der Fahrer bugsiert sie vorsichtig auf den mit Spänen eingestreuten Transporter. Am Abholtermin sind die Tiere mindestens zwei Wochen alt und wiegen im Schnitt stolze 58 kg. „Seit eineinhalb Jahren verkaufen wir unsere Bullenkälber als Programmkälber“, erklärt Jan Hanewinkel, Herdenmanager auf dem Kuhbetrieb mit rund 350 Milchkühen. Aber was ist das Geheimnis dieser guten Kälber?

Hubert und Tochter Marie Hilker, Andrea und Jan Hanewinkel und dem Auszubildenden Niklas Neddermann liegen eine gute Kälberaufzucht am Herzen. (Bildquelle: Schmidtmann)

Kälberexpertin und Ehefrau von Hanewinkel, Andrea, betont, dass die Voraussetzung für frohwüchsige Kälber ein gutes Trockenstehermanagement ist. Der Betrieb mit einer Lebens­leistung von 40  000 kg Milch bei den Abgangskühen fährt ein konsequentes Impfprogramm der Muttertiere. „Wir fahren gut damit, viel im Vorfeld zu machen, dann gibt es später weniger Re­paraturarbeiten“, ist der Herdenmanager überzeugt. Außerdem schwört er auf eine ausgefeilte Transitfütterung bei den Trockenstehern. „Probleme mit Milchfieber haben wir ganz selten, da wir anionisch vorbereiten.“

Jan Hanewinkel schwört auf ein gutes Management der Trockensteher. (Bildquelle: Schmidtmann)

Wichtig ist Hanewinkel auch, dass die Abkalbeboxen gut und sauber eingestreut sind. So gelangen möglichst wenig Krankheitserreger an den Nabel der Neugeborenen. „Sofort nach der Geburt bringen wir die Kälber in die Einzeliglus. Das ist die sauberste und keimärmste Umgebung, die wir ihnen bieten können“, beschreibt seine Frau und ebenfalls Angestellte auf dem Betrieb.

„Auch aus ethischer Sicht darf man bei der Aufzucht nicht zwischen weiblich und männlich unterscheiden."

Jedes Kalb bekommt unmittelbar nach der Geburt Biestmilch – und zwar die der eigenen Mutter. „In der Regel trinkt jedes Tier etwa 4 l. Will eins mehr haben, bekommt es auch mehr“, sagt die Kälberfrau. Die Versorgung ist bei männlichen und weiblichen Tieren in den ersten zwei Lebenswochen gleich. Andrea Hanewinkel tränkt die weiblichen Kälber über zehn Wochen mit Vollmilch. Die ersten drei Wochen bekommen die Tiere die angesäuerte Milch ad libitum, dann tränkt die Landwirtin sie rationiert weiter. Von der achten Lebenswoche an beginnt Hanewinkel die Kälber abzutränken. Zusätzlich stehen den Tieren eine Kälbermischung und Wasser zur freien Aufnahme zur Verfügung.

Die Kälber auf dem Hof Klasing-Hilker sind sehr gut versorgt. (Bildquelle: Schmidtmann)

Bei den Programmkälbern wird nach Verlassen des Betriebes eine Blutprobe gezogen. Der Gesamteiweiß- und der Hämoglobinwert geben Auskunft über die Versorgung der Tiere. „Normalerweise ziehen wir selber keine Blutproben bei unseren Kälbern“, erklärt Marie Hilker, Tochter des Betriebsbesitzers. „Das Ergebnis der Blutproben von den Bullenkälbern liefert uns Auskunft über die Versorgung ­unserer Kälber. Uns hilft das für unsere weiblichen Tiere. Sie sind unsere späteren Milchkühe.“ Die Kälberverluste liegen auf dem Betrieb Klasing-Hilker bei etwa 5 %.

Die Milchviehhalter bekommen nicht nur wichtige Hinweise über die Versorgung der Tiere und ein Beratungsangebot, sondern auch eine Prämie von 10 € pro Kalb, wenn es mehr als 50 kg wiegt. Für besonders schwere und vitale Kälber gibt es noch eine zusätzliche Vergütung. So liegt der Preis über dem durchschnittlichen Marktpreis.

Kälbermäster: Wir brauchen vitale Bullenkälber

Silas Beckhuis, Kälbermäster aus Uelsen, Grafschaft Bentheim, ist Abnehmer von den Programmkälbern und nimmt sie gerne: „Die allgemeine Versorgung der Tiere ist besser. Sie brauchen beispielsweise weniger zusätzliches Eisen im Vergleich zu den anderen.“ Der Landwirt mästet Kälber für ein integriertes Unternehmen und hat Platz für etwas mehr als 1000 Tiere.

Silas Beckhuis hat gute Erfahrungen mit Programmkälbern. (Bildquelle: Schmidtmann)

Programmkälber, die immer dienstags bei ihm ankommen, sind gut mit Eisen versorgt und vital. Momentan ist es für Beckhuis jedoch schwierig, diese bessere Versorgung anhand von konkreten Zahlen zu belegen. Er stallt die Programmkälber auch nicht extra zusammen. Der Landwirt sortiert sie nach Gewicht und Zunahmen. Sein Ziel ist, alle Kälber auf einen einheitlichen Gesundheits- und Leistungsstand zu bringen. Da hat er es mit Tieren, die von Anfang an optimal versorgt wurden, leichter.

Für den Produzenten von hellem Fleisch ist neben der Versorgung der Kälber eine gute Luftführung im Stall entscheidend für eine ­stabile Gesundheit. Sein vor zwei Jahren fertiggestellter Stall ist komplett geschlossen und die Luftführung wird durch eine Zen­tral­gang­lüftung zwischen den beiden Abteilen gesteuert. „Das Klima für die Kälber muss immer gleich sein. Es darf nicht ziehen oder zu warm sein.“

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