Projekt "EiKoTiGer"

Kein Verständnis für Flächenangaben von KTBL und Thünen-Institut

KTBL sowie Thünen-Institut empfehlen in der Rindermast ein Platzangebot von 6 m2 pro Tier. Bullenmäster und Verbände sind fassungslos und befürchten einen Strukturbruch. Fachleute äußern sich dazu.

Schwächung der Wertschöpfungskette

Wiebke von Seggern, Deutscher Raiffeisenverband (Bildquelle: Deutscher Raiffeisenverband)

Die Empfehlungswerte vom Projekt „EiKoTiGer“ sollen von Tierhaltern zur Unterstützung ihres betrieblichen Managements herangezogen werden. Maßnahmen, die zu mehr Tierwohl führen, sind zu begrüßen. Flächenvorgaben sind allerdings keine Tierwohlindikatoren und dürften nicht Teil des Projektes sein.

Bei einem Zielwert für das Flächenangebot von 6 m2 je Tier müssten viele Rindermastbetriebe ihren Bestand halbieren. So käme es zu einem massiven Bestandsabbau in Deutschland. Das führt zu einer Schwächung der gesamten Wertschöpfungskette. Denn die Haltung von Nutztieren und die damit verbundenen vor- und nachgelagerten Bereiche haben für die deutsche Agrarwirtschaft eine große ­wirtschaftliche Bedeutung.

Unsere genossenschaftlichen Unternehmen sind in der Futtermittelproduktion, Molkereiwirtschaft, Viehvermarktung, Schlachtung und Fleischverarbeitung sowie Tierhaltung eingebunden und bei ihrer Wirtschaftstätigkeit genau wie Landwirte auf verlässliche und umsetzbare Rahmenbedingungen angewiesen. Zudem sind Neubauten, die zur Erhaltung der Bestandsgrößen notwendig wären, bau- und emissionsrechtlich schwer zu realisieren.

Empfehlungswerte stellen eine gute Hilfestellung für Landwirte dar. Es ist aber praxisfern, einen Leitfaden zur Kontrolle zu entwickeln, der in dieser Form nicht in der Praxis Anwendung finden kann. Praktikable und machbare Maßnahmen in Form von Zwischenschritten wären wünschenswert. Der Deutsche Raiffeisenverband steht notwendigen und praxistauglichen Prozessen im Bereich der Nutztierhaltung, die zu mehr Tierwohl führen, offen gegenüber und bietet eine aktive Mitarbeit bei der Erarbeitung von praktikablen Lösungsansätzen.

Tierwohl direkt am Tier erfassen

Dr. Thorsten Klauke, Leiter Tierhaltung, Landwirtschaftskammer NRW (Bildquelle: LWK NRW)

Grundsätzlich ist die Idee hinter dem Projekt „EiKoTiGer“ sehr gut. Den Tierhaltern Orientierungswerte zur Bewertung von Tierschutzindikatoren an die Hand zu geben, die im Rahmen eigenbetrieblicher Kontrollen erfasst werden, halte ich für absolut sinnvoll. So kann eine positive Entwicklung der Betriebe in diesen Bereichen unterstützt werden.

Allerdings wurden Flächenangaben für keine andere Tierart in den Kriterienkatalog aufgenommen – nur für die Mast­rinderhaltung. Das Flächen­angebot pro Tier ist, nach meiner Auffassung, nur sehr bedingt als Tierschutzindikator nutzbar.

Faktoren wie die Gruppengröße und der Zuschnitt der Bucht, aber auch das Betriebsmanagement haben ebenfalls maßgeblichen Einfluss. Bei der Landwirtschaftskammer verfolgen wir seit Jahren den Ansatz, das Tierwohl direkt am Tier erkennen zu wollen und haben dazu beispielsweise mit CowsAndMore eine Anwendung entwickelt, die die Landwirte und deren Berater bei der Erfassung einer Vielzahl von Indikatoren unterstützt. Das Tool unterstützt dann auch bei der Bewertung der Ergebnisse. Für mich ist das der bessere Weg.

Will man aus gesellschaftlichen oder politischen Gründen weitergehende Veränderungen erreichen, dann hat sich gerade hier bei uns in NRW für die Mastbullenhaltung die Anreizpolitik durch die Strohhaltungsprämie gut bewährt.

Ich würde mir wünschen, dass die Flächenangaben aus den Veröffentlichungen von KTBL und Thünen-Institut gestrichen würden, weil die Werte für das Projektziel nur einen geringen Nutzen bringen.

Zusätzlich könnten wir in den weiteren Diskussionen die anderen Ziel- und Alarmwerte, die durchaus auch ambitioniert sind, in den Fokus rücken und auf deren Anwendbarkeit in der Praxis ­prüfen.

Gefahr der Zweckentfremdung

Henrik Wiedenroth, Referent für Rinderhaltung, Deutscher Bauernverband (Bildquelle: DBV)

Ein großer Anteil der Indikatoren des Projekts „EiKoTiGer“ sind praxisfähig und werden Anwendung auf Landwirtschaftsbetrieben finden. Bei den Platzvorgaben in der Rindermast sind KTBL und Thünen-Institut allerdings über das Ziel hinausgeschossen. Die festgelegten Ziel- und Alarmwerte sind weit ab von praxisüblicher Rindermast und können weder von der Wissenschaft noch von wirtschaftsgetragenen Systemen bestätigt werden. Das Ergebnis gefährdet Förderprogramme (AFP) und stellt deren Ziel, die Förderung einer tiergerechten Haltung, in Abrede.

Unsere Rindermäster sehen sich massiv in ihrer Existenz bedroht. Auch aus fachlicher Sicht stimmt es nicht, dass die überwiegende Zahl der Betriebsleiter Tierwohl gefährdet. Es ist schlicht falsch, dass Tiere bei den herkömmlichen Platzvorgaben leiden.

Zwar wird vonseiten des KTBL und Thünen-Instituts darauf hingewiesen, dass die Werte lediglich zur Eigenkontrolle gedacht sind, sich darauf zu verlassen wäre aber naiv. Auch die Borchert-Kommission wird in naher Zukunft Anforderungen an die Rindermast definieren. Dort können die Ergebnisse des „EiKoTiGer“-Projektes möglicherweise aufgegriffen werden. Es besteht die Gefahr, dass dann, unter Rückgriff auf die Projektergebnisse, Anforderungen definiert werden, die nicht praxisgerecht sind und auch von der Wissenschaft nicht bestätigt werden können.

Zudem sieht der Deutsche Bauernverband (DBV) die Gefahr der Zweckentfremdung des „EiKoTiGer“-Orientierungsrahmens für die Schaffung von untergesetzlichen Regelwerken sowie für die veterinärbehördliche Fremdkontrolle. Der Orientierungsrahmen ist als Managementhilfe für die ­betriebliche Eigenkontrolle zur Tierwohleinschätzung durch den Tierhalter entwickelt worden und in diesem Sinne ausschließlich zu nutzen.

Der DBV fordert den Indikator Flächenvorgabe je Tier anzu­passen. Dazu steht er derzeit in einem intensiven Kontakt mit KTBL und Thünen-Institut. Erfolgen hier keine grundlegenden Anpassungen, besteht die Gefahr, dass die Glaubwürdigkeit und Akzeptanz der übrigen Indikatoren in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik leidet. Blieben die Projekturheber bei diesen Werten, kann der DBV diese nur vollständig ablehnen.

KTBL verlässt Fachlichkeit

Dr. Bernhard Schlindwein, Stellvertretender Hauptgeschäftsführer beim WLV (Bildquelle: Lütke Hockenbeck)

Unsere Bullenmäster sind sauer und gelinde gesagt enttäuscht über die Flächenangaben von 4,5 m2 als Alarm- und 6 m2 als Zielwert in der Endmast. Insbesondere der Zielwert ist fernab der Praxis, eine annähernd wirtschaftliche Bullenmast ist damit unmöglich. Auch die Begrifflichkeit „Alarmwert“ stößt die konventionellen Bullenmäster vor den Kopf.

Flächenangaben an sich sind kein Tierschutzindikator, das Flächenangebot sollte immer in Verbindung mit tierbezogenen Indikatoren gesehen werden. Wenn aber die tier­bezogenen Indikatoren auf „grün“ stehen, fragen sich konventionelle Rindermäster erst recht, wozu es die vom KTBL veröffentlichten Angaben braucht.

Das KTBL hat einen guten Ruf, die KTBL-Faustzahlen sind beispielsweise ein fester Bestandteil der Ausbildung und haben Gewicht. Mit den nun veröffentlichten Alarm- und Zielwerten verlässt das KTBL die Fachlichkeit, denn mit einem Zielwert von 6 m2 je Tier als Flächenangebot funktioniert beispielsweise der in NRW geförderte Tretmiststall nicht mehr.

Aktuell haben die meisten konventionellen Bullenmastbetriebe auf Vollspalten 2,7 m2 je Tier, die Leitlinie Niedersachsen schlägt 3,5 m2 je Endmastbulle vor, die Bauschrift der Landwirtschaftskammer NRW, die in wenigen Tagen erscheint, wird voraussichtlich 3 m2 für die Endmast als gute fachliche Praxis empfehlen. Es ist die Diskrepanz zu den Alarm- und Zielwerten des KTBL, die zu Kopfschütteln und Unverständnis bei den konventionellen Rindermästern führt.

Wir fordern: Weg mit den konkreten Flächenangaben! Hin zu tierbasierten Indikatoren! Sollten die tierbezogenen Indikatoren zeigen, dass mehr Fläche notwendig ist, um Bullen tiergerecht zu halten, dann reagieren wir entsprechend. Wir fordern das KTBL auf, sich mit den 20 Bullenmästern, zumindest mit den konventionellen, die sich an der Indikatoren-Erhebung mit viel Engagement beteiligt haben, an einen Tisch zu setzen und ergebnisoffen über die KTBL-Indikatoren zu diskutieren. Das KTBL sollte sich nicht zu schade sein, Korrekturen vorzunehmen.

Zeit für ein klares Bekenntnis zur Bullenmast

Martin Lücking, Vorsitzender des Fleischausschusses beim Landvolk Niedersachsen (Bildquelle: Lücking)

Die Ergebnisse des Projekts „EiKoTiGer“ von KTBL und Thünen-Institut für die betriebliche Eigenkontrolle als solches sind in Ordnung. Allerdings muss das KTBL den Indikator Flächenangebot mit den Alarm- (4 m2/Tier) und Zielwerten (6 m2/Tier) unbedingt streichen. Diese Werte für das Flächenangebot bedeuten das Aus für die deutsche Bullenmast. Es ist allerhöchste Zeit, dass sich das KTBL zur konventionellen Nutztierhaltung bekennt.

Herr Brinkmann vom Thünen-Institut für Ökologischen Landbau spricht im Zusammenhang mit den Ziel- und Alarmwerten für das Platzangebot immer wieder von Zielwerten für die Borchert-Kommission. Das kann nicht sein. Allerdings glaube ich, dass die hohen Zahlen System haben.

Ich kann nur sagen, dass ich von der Politik extrem enttäuscht bin, dass solche Zielwerte überhaupt ohne Mitarbeit von Praktikern an die Öffentlichkeit geraten. Deshalb noch mal mein Appell: Praktische Bullenmäster müssen unbedingt Plätze in der Borchert-Kommission bekommen.

Außerdem habe ich an der niedersächsischen Leitlinie für Rindermast mitgearbeitet. Diese fordert 3,5 m2/Endmastbulle bis 2030. Auf dieser Basis werden derzeit Ställe für die Zukunft geplant und gebaut.

Keine Stellungnahme
Wir haben die Statements KTBL und Thünen-Institut vorab zugeschickt und beide Einrichtungen um eine Stellungnahme diesbezüglich gebeten. Auf Wochenblatt-Nachfrage wollten sie sich jedoch nicht dazu äußern.
Zum Hintergrund: KTBL und Thünen-Institut haben 2020 im Rahmen des Projektes „EiKo­TiGer“ (Eigenkontrolle Tiergerecht­heit) einen Orientierungsrahmen für Rinder haltende Betriebe mit Ziel- und Alarmwerten für die betrieblichen Eigenkontrolle erarbeitet.

Mehr zum Thema:

Tierschutzindikatoren Mastrinderhaltung

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vor von Dr. Ute Schultheiß und Rita Zapf, Kuratorium für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft e. V. (KTBL), DarmstadtDr. Jan Brinkmann, Dr. Solveig March, Kornel Cimer, Thünen-Institut für Ökologischen Landbau, Trenthorst

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