Serie Premiumprodukt Kalbfleisch

Kälbermast in den Niederlanden

Die Niederländer gelten als Vorreiter der Kälbermast. Sie beliefern 50 % des deutschen Marktes und produzieren günstiger. Auch wenn sich Strukturen ähneln, gibt es einige Unterschiede in der Haltung.

Die Niederländer importierten 2020 knapp 600.000 Kälber aus Deutschland. Etliche davon sind Holstein Friesian-Bullenkälber von deutschen Milchviehbetrieben. Die Nachbarn kaufen die etwa drei Wochen alten Kälber für die Mast. Mit mehr als 1,4 Mio. Schlachtungen im Jahr (im Vergleich DE: 310  000 Schlachtungen) sind die Niederländer Marktführer in der Kälbermast. „Allerdings essen die Niederländer selbst im Schnitt nur 1,4 kg Kalbfleisch pro Kopf und Jahr“, erklärt Bert Eggens, Kälberspezialist beim Unternehmen Denkavit und zuständig für die Integration (Vertragsbetriebe) in Deutschland und den Nieder­landen. Der größte Anteil des Kalbfleisches geht in den Export.

Starke Konzentration

Während es in Deutschland zumindest noch ein paar Kälberschlachthöfe gibt, findet man in den Niederlanden gerade noch zwei spezialisierte Weißfleisch-Schlachthöfe: Van Drie und ­Vitelco. „Van Drie ist europäischer Marktführer und bedient in den Niederlanden fast 60 % des gesamten Kälbermarktes“, sagt Eggens. Das Unternehmen habe etliche ­eigene Mäster und mehrere Schlachtstandorte. „Van Drie setzt im Prinzip den Preis für Nordeuropa. Einen Wettbewerb in dem Sinne gibt es nicht.“ Rund 95 % der niederländischen Kälbermäster stehen unter Vertrag. Insgesamt gibt es dort etwa 940 Betriebe.

In den Niederlanden sind moderne Kälbermastställe zu finden. (Bildquelle: Schmidtmann)

Denkavit hat in den Niederlanden einen Marktanteil von 12 bis 15 % und folgt damit Van Drie. „Bedeutende Player sind zudem Vitelco (mit eigenem Schlachthof), Fuite und Klaremelk“, so der Fachmann.

Bis 2018 hat Denkavit alle Kälber bei Van Drie schlachten lassen. „Nun schlachten wir bei mehreren Schlachthöfen in den Niederlanden und in Belgien, damit wir einen guten Vergleich bei der Preisentwicklung haben“, beschreibt der Denkavit-Mitarbeiter. Preise für geschlachtete Kälber werden aber so oder so erst eine Woche nach der Schlachtung festgesetzt.

Eggens liegt die Zusammenarbeit zwischen Schlachthöfen, Milchviehbetrieben und Händlern am Herzen: „Wir müssen die Branche gemeinsam verbessern. Denn die Auflagen und Forderungen von Politik und Gesellschaft werden immer größer.“ Die Schlachthöfe dürften die Preise nicht nur drücken, sondern müssen diese heben, in dem sie beispielsweise Kalbfleisch besser promoten. „Kalbfleisch muss als etwas besonderes wahrgenommen werden.“

Haltung und Fütterung

Die Haltung von Mastkälbern in den Niederlanden ähnelt dem deutschen System. Dennoch gibt es folgende Abweichungen:

  • Deutsche Landwirte dürfen Kälber in drei Jahren nur noch auf Spalten mit Gummiauflage halten. „Bei uns gibt es auch Diskussion um Gummiauflagen und diese wird auch zukunftsweisend sein. Aber bisher hat uns Bongossi immer gut gefallen und wir konnten sicher sein, dass die Kälber nicht verschmutzt waren“, berichtet Eggens.
  • Wie auch in Deutschland stehen die Kälber die ersten Wochen in Einzelhaltung. Allerdings müssen hierzulande die Einzelbuchten mindestens 90 cm breit sein, bei den Nachbarn nur 80 cm.
  • Die Schlitze beim Spaltenboden dürfen breiter sein: In Deutschland 2,5 cm (ohne Gummiauflage), in den Niederlanden 2,8 cm. Aus ­diesem Grund haben die Niederländer es bisher nicht ins QS-System geschafft.

Die Spaltenschlitze sind in den Niederlanden größer. (Bildquelle: Schmidtmann)

  • Auch die Wasserversorgung von Kälbern ist anders geregelt: In Deutschland müssen Mastkälber von Tag eins an Wasser zur freien Verfügung haben, nicht in den Niederlanden. Dort gibt es die Empfehlung Wasser anzubieten. Den Tieren steht in der Regel erst ab der Gruppenhaltung eine Tränke zur Verfügung. Dann ist der Wasserzulauf bei vielen Landwirten stundenweise angeschaltet.
  • Die Fütterung der Kälber ähnelt der deutschen. So fressen die Kälber für die Produktion von hellem Fleisch bis zur 27. Lebenswoche rund 350 kg Kraftfutter und etwa 240 kg Milchaustauscher. Der einzige Unterschied: In den Niederlanden dürfen Landwirte ihren Tieren auch tierische Fette füttern. Die Mitglieder der KDK haben sich verpflichtet, das nicht zu tun.

Wir haben einen Blick in die niederländischen Ställe geworfen:

Milchmast auf niederländisch

Die Fütterung der Kälber bei Familie Harink funktioniert automatisch. (Bildquelle: Schildmann)

Familie Harink hält in Hengelo rund 1300 Milchkälber in Kooperation mit dem Unternehmen Denkavit. Im Alter von zwei bis drei Wochen erreichen die Kälber den Betrieb. „Wir bekommen Kälber von hier, Deutschland und aus Belgien. Aber die deutschen sind die besten“, berichtet Betriebsleiter Ronald Harink. Für drei Wochen stehen die Kälber in Einzelbuchten, dann werden sie in Gruppen gestallt.

Ronald und Aaltje Harink mästen helle Kälber. (Bildquelle: Schildmann)

Den neusten Stall haben die Kälber im Dezember 2019 bezogen. Hier gibt es viele Besonderheiten:

  • Bongossispalten mit Gummiauflagen.
  • Unter den Spalten sind Heizrohre verlegt. Diese werden in den ersten Wochen für die Kälber eingeschaltet.
  • Die Lüftung erfolgt über den Zentralgang: Die Luft kann angewärmt werden.
  • Kraftfutter, Milch- und Wassergabe lassen sich pro Bucht auto­matisch steuern.

Nach Ankunft bekommen die Tiere am ersten Abend eine Tränke mit Elektrolyten und Wasser. Dann fährt Harink die Buchten in den ersten Tagen mit dem Milchtaxi an. „Gerade das Antränken ist mühsam, da ist Hilfe von sechs Personen erforderlich“, erklärt der Landwirt.

Nach drei Wochen bekommen die Kälber den Milchaustauscher (MAT) automatisch in den Trog. Die Tiere erhalten immer 140 g MAT/l. Das Tränkemanagement funk­tioniert so: Um 6.15 Uhr gibt es die erste Milchmahlzeit am Tag, um 8.30 Uhr läuft Wasser in den Trog, um 16.15 Uhr gibt es wieder MAT und um 18.30 Uhr wieder Wasser. Eine eigene Wasserstelle gibt es nicht.

Bei Harinks stehen Kälber aus den Niederlanden, Deutschland und Belgien. (Bildquelle: Schildmann)

Die Kälber bekommen von der 19. Lebenswoche an etwa 3,1 kg Kraftfutter, bestehend aus Pellets und gemahlenem Stroh in einen separaten Trog. Am Tag nehmen die Tiere zu diesem Zeitpunkt etwa 9 bis 10 l MAT-Tränke auf.

Familie Harink hat Verluste von rund 2,5 %. Die meisten Probleme sind Lungenbeschwerden und Ohrenentzündungen. In der Regel müssen die Kälber am Anfang antibiotisch behandelt werden. Um den Antibiotikaeinsatz zu reduzieren, fährt Harink ein strenges Rein-Raus-System. „Die Ställe müssen gründlich gereinigt und desinfiziert werden.“

Bei den Vertragsmästern bestimmt Denkavit, wann Tiere ein- und ausgestallt, wie sie gefüttert werden und wie lange Ställe leer stehen. Im Sommer lässt das Unternehmen die Kälber rund 30 Wochen alt werden, im Winter eher 27 Wochen, abhängig von der Nachfrage am Markt, erklärt Bert Eggens. Bei der Bezahlung kommt es bei den Schlachthöfen, nicht nur auf die Fleischfarbe sondern auch auf die Klassifizierung an.

Altrosés rechnen sich

Hans Luijerink mästet Altrosés. (Bildquelle: Schildmann)

Marloes und Hans Luijerink sind Vorsitzende beim niederländischen Verband für Kälbermäster. Und im Gegensatz zu den meisten Kollegen in den Niederlanden, sind sie freie Mäster, direkt an der deutschen Grenze (Overdinkel). Auf ihrem Betrieb hat die Familie 3300 Kälberplätze.

„Momentan halten wir nur Altrosés. Die Preise für Jung- und Altrosés sind aktuell gleich“, erklärt Luijerink. Unter Altrosés fallen alle Kälber zwischen acht und zwölf Monate. Für diese gibt es in einigen EU-Ländern, anders als in Deutschland, einen Markt. „Ich schätze, das Fleisch geht derzeit in den Supermarkt“, so der Kälbermäster. Er bewirtschaftet mit seiner Familie rund 65 ha landwirtschaftliche Fläche.

Rund 3300 Rosés hält Luijerink. (Bildquelle: Schildmann)

Die schwarz-weißen Bullenkälber bleiben im Schnitt 40,5 Wochen bei Luijerinks. Dann haben sie ein Lebendgewicht von etwa 430 kg erreicht. Da die Kälber mindestens 2 m2 Platz pro Tier haben und der Spaltenboden mit Gummiauflagen ausgelegt ist, hat Luijerink einen Stern beim niederländischen Tierwohl-Label „beter leven“. Eggens erklärt: „Es ist sehr schwer, einen Stern in der Kälbermast zu bekommen.“

Den Betrieb in Overdinkel erreichen Partien mit 560 deutschen Kälbern. Insgesamt hat der fünffache Familienvater sechs verschiedene Altersgruppen in insgesamt neun Ställen auf seinem Betrieb. Bei Luijerinks fressen die Kälber etwa 26 kg MAT während der Tränkeperiode. Auch eine Mischung aus Kraftfutter und gemahlenem Stroh erhalten die Tiere von Anfang an. Direkt beim Einstallen verabreicht der Kälbermäster den Tieren Aspirin: „Das hilft gegen den Stress.“

Von der neunten Lebenswoche an bekommen die Kälber eine Totale Mischration (TMR) ge­füttert. Sie besteht aus Mais­silage, Kraftfutter, Weizentrester, Maisstärke, Palmölkernen und Kartoffelpülpe.

Im Schnitt erreichen die Kälber 1210 g Tageszunahmen. Luijerink wiegt die Tiere direkt bei der Ankunft auf dem Betrieb, nach der Starterphase (nach 13 Wochen) und bevor der Lkw sie zum Schlachter bringt. „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“, hat sich der Mäster bei den Deutschen Nachbarn abgeguckt.

Zukünftig sorgt der Landwirt sich um die Transporte: „ Ich bin so nah an der Grenze, die deutschen Kälber sind bei mir die nächsten. Aber in der Politik zählen die Ländergrenzen.“

Luijerink wünscht sich für die Kälbermast: „Bauern, Händler und Integratoren müssen sich an einen Tisch setzen und gemeinsam ein Zukunftskonzept erarbeiten, damit das nicht der Staat macht.“

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