Serie: Premiumprodukt Kalbfleisch

Die Krux mit den Kälbern

Kälbermäster müssen enormem Veränderungs- und Kostendruck standhalten. Und das in Zeiten, wo die Ansprüche der Gesellschaft immer weiter wachsen.

Dr. Bottermann, was zeichnet die Branche der Kälbermaster in Ihren Augen aus?

Die Branche unterlag in den vergangenen Jahren einem großen Veränderungsdruck. Hinzu kommen enorme Kostensteigerungen.

Für die Milchproduktion gilt: Ohne Kalb gibt es keine Milch. Die zunehmende Spezialisierung hat Vor- und Nachteile. Einerseits führt die arbeitsteilige Wirtschaftsweise dazu, dass Betriebe effizient arbeiten können. Andererseits setzen Milchkühe als Ergebnis der Leistungszucht kaum Fleisch an. Deshalb haben die schwarzbunten Kälber vergleichsweise schlechte Mastleistungen in der Bullenmast. Hier muss sich die Branche weiterentwickeln. Mit dem Einkreuzen von Fleischrassen und dem Nutzen von gesextem Sperma könnten Verbesserungen gelingen.

Sie haben die Kälbermäster schon im Hormonskandal begleitet. Heute hat sich die Kälbermast stark gewandelt. Wie beschreiben Sie diese Veränderung?

Über drei Jahrzehnte liegt das nun zurück. Das war eine aufregende Zeit in meinem frühen Berufsleben. Der Hormonskandal war der Impuls dazu, dass sich viel verändert hat. Der Verband und die Kälbermäster haben Eigenkontrollen selbst geregelt. Was erreicht wurde, ist vorbildlich.

Die bisherigen Veränderungen in der Kälbermast sind revolutionär.

Auch die Haltungsbedingungen haben sich in der Kälbermast grundlegend verändert. Früher gab es vermehrt die „Dunkelstallhaltung“ für sehr helles Kalbfleisch. Heute sehen wir Laufställe. Im Sommer kam die Änderung der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung: Der Bodenbelag bei Kälbern soll elastisch und weich sein.

Warum war dieser Wandel so wichtig?

Es geht darum, dass sich die Tierschutzanforderungen weiterentwickeln. Denn auch der gesellschaftliche Anspruch wächst. Tierschutz und Umweltschutz sind heute als Staatsziel im Grundgesetz integriert. Wir brauchen die gesellschaftliche Akzeptanz.

Verbraucherinnen und Verbrauchern müssen darauf vertrauen können, dass die Lebensmittel nicht nur sicher sind, sondern sie in der Art und Weise nachhaltig erzeugt wurden. Dabei muss insbesondere das Wohl der Tiere von der Aufzucht bis zur Schlachtung sichergestellt werden

Was macht deutsches Kalbfleisch also besonders?

Das strikte Regime, wie Kälber gehalten und aufgezogen werden. Hinzu kommt das große Know-how in Ernährung und Fütterung. Die Eigenkontrolle des Verbands der Kälbermäster und die staatlichen Kontrollen sind eng miteinander verflochten. Das macht das System effizient. Wer von Mitgliedsbetrieben der Kontrollgemeinschaft kauft, kann sich sicher sein, dass die Tiere in Deutschland geboren, aufgezogen, gemästet und geschlachtet wurden.

Was sind die aktuellen He­rausforderungen?

Zum einen der hohe Kostendruck. Wir stehen in der Landwirtschaft immer wieder vor dem Problem, die Produkte auf dem Markt absetzen zu müssen. Dabei reichen die Erlöse am Markt kaum aus, um die Kosten zu decken.

Zugleich gibt es derzeit zu viele Kälber von spezialisierten Milchviehbetrieben. Die Preise für Kälber sind wöchentlich dem Wochenblatt zu entnehmen. Wenn ein weibliches Kalb 25 bis 30 € kostet, sind die Kosten der Aufzucht nicht abgedeckt. Diese im Milchpreis unterzubringen, klappt aber auch nicht.

Die gesellschaftlichen Anforderungen sind gestiegen – das ist auch gut. Wenn es der Branche gelingt, hochwertige Produkte zu erzeugen, die hohen Kriterien an Tier- und Umweltschutz gerecht werden, sichert dies dauerhaft die Akzeptanz der Gesellschaft und die Bereitschaft, Qualität auch mit fairen Preisen zu honorieren. Eine faire Preisbildung ist der Dreh- und Angelpunkt, die aktuellen Herausforderungen zu meistern.

Welche Möglichkeiten gibt es, Milchviehbetriebe im Umgang mit Bullenkälbern zu unterstützen?

Das Problem liegt nicht nur bei den Bullenkälbern, sondern auch bei den Mutterkälbern. An dieser Stelle müssen wir vor allem informieren: Es ist klar, dass die Remontierung in den Milchviehherden rassengerecht bleiben muss. Aber bei allen anderen Besamungen sollten Milchviehhalter mit fleischbetonten Rassen und mit gesextem Sperma arbeiten. Zu effektiven Maßnahmen gehört zum Beispiel auch eine längere Zwischenkalbezeit.

Es gibt auch Unterstützung aus einem anderen Bereich: Umbauten werden vom Bund gefördert. Dafür gibt es verschiedene Förderungsprogramme.

Was muss auf der Marktseite geschehen?

Wir müssen den Verbrauchern die Bedeutung von Kalbfleisch bewusst machen. Es gilt, den Absatz zu steigern und die Akzeptanz mehr in den Blick zu nehmen. Aufgrund von Corona ist die Gastronomie geschlossen. Das bedeutet große Einbußen für den Kälbersektor und der Markt ist schleppend.

Bisher hat sich die Projektgruppe Nutztierstrategie nur mit dem Thema Schwein beschäftigt. Sie wird jetzt auch auf die Optimierung der Strukturen in der Kälbermast und Milcherzeugung ausgedehnt. Da­raus sollen Hinweise und Empfehlungen zur besseren Unterstützung der Kälbermäster hervorgehen.

Was ist politisch in Richtung Bullenkälber geplant?

Es gibt ein NRW-initiiertes Schreiben, das auf die Situation in der Kälberhaltung und -mast hinweist. Das Schreiben fordert, dass das Konjunkturprogramm auch von den Kälbermästern zu nutzen ist. Außerdem wurden die Kälberhalter im NRW-Corona-Programm aufgenommen.

Hinzu kommt das Projekt der Kontrollgemeinschaft Deutsches Kalbfleisch (KDK) zur Förderung des Absatzes von Deutschem Kalbfleisch, unterstützt vom Ministerium. Gemeinsame Lösungsoptionen müssen mit der Praxis erarbeitet werden. Das geht nicht nur vom Schreibtisch.

Zusätzlich läuft ein Forschungsprogramm auf Milchviehbetrieben: Es befasst sich mit der Problematik beim Transport von jungen Kälbern und dem damit verbun­denen Crowding. Mit der Konsequenz, dass aufgrund von Krankheiten der Antibiotika-Druck steigt.

Wie kann Crowding vermieden werden?

Das Thema müssen wir gemeinsam mit Transporteuren, Mästern, und Händlern diskutieren. Tiere sollten älter werden, bevor sie den Herkunftsbetrieb verlassen. Das müssen wir mit der Praxis entwickeln und uns dazu auch das Emissionsrecht genauer ansehen. Überhaupt gilt dem Transport unser verstärkter Fokus. Transporte sind für die noch nicht abgesetzten Tiere mit hohem Stress verbunden. Dies gilt es zu verhindern und zu unterbinden.

In Österreich, Tirol, bekommen Landwirte Prämien für ­ihre Kälber gezahlt, wenn sie diese aufziehen und in Österreich schlachten. Der Export von Rindern in Drittländer steht auch in Deutschland in der Kritik. Erwarten uns ähnliche Maßnahmen?

Man muss zumindest darüber nachdenken. Gerade wenn Tiere länger in den Betrieben bleiben sollen, muss es finanzielle Anreize geben. Allerdings ist eine gleichartige Anwendung wie in Österreich bei uns nicht möglich, da unser Fördersystem anders ausgerichtet ist.

Was wünschen Sie sich zukünftig für die Kälbermast?

Ich wünsche mir folgende Punkte:

  • Faire Preise: Wir müssen daran ­arbeiten, Preisdumping aufzulösen. Bisher gab es an dieser Stelle noch keinen echten Durchbruch.
  • Landwirte mitnehmen: Innovative Haltungsformen sollten wirtschaftlich umsetzbar sein.
  • Regionale Vermarktung: Ein NRW-Siegel sorgt für Vertrauen beim Verbraucher.
  • Gezielte Zusammenarbeit: Staatlichen Kontrollen und Eigenkon­trollen arbeiten Hand in Hand.

Was sollte die Branche Kälbermast tun, um höhere Akzeptanz in der Gesellschaft zu erreichen?

Der Schlüssel zur Akzeptanz ist ein offener Umgang. Außerdem müssen wir die Frage der Farbe von Kalbfleisch in den Blick nehmen. Eine eisenarme Fütterung ist nicht glücklich, auch wenn Raufutter zur freien Aufnahme zur Verfügung steht. Der Verbraucher möchte allerdings helles Fleisch auf dem Teller haben. Das macht es schwer, die Kälberhaltung weiter voran­zutreiben. Mir wäre eine Stroh­haltung lieber.

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