Wiedervernässung der Moore

Neue Landwirtschaft im Moor: Nasse Füße für Pflanzen und Tiere

In wiedervernässten Mooren soll weiterhin wirtschaftliche Pflanzen- und Tierproduktion stattfinden, aber anders als die bisher. Die Umstellung wird den Landwirten viel abverlangen.

Nachdem klar ist, dass an der Wiedervernässung von bisher landwirtschaftlich genutzten Moorflächen kaum ein Weg vorbeigeht, fordern betroffene Landwirte Antworten ein. Dabei geht es auch darum, wie sich das Vorhaben praktisch umsetzen lässt. In vielen Regionen tasten sich Berater wie Landwirte bereits an Lösungen heran.

Ziel: 30 cm unter Flur

Auch in Bayern gibt es erhebliche Moorflächen. Nach Aussage von Bastian Zwack, Bayrische Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL), werden etwa 100.000 ha davon landwirtschaftlich genutzt.

Vornehmlich handelt es sich um Niedermoore, also mit Grundwasseranschluss in den Flussauen. 40% der Fläche sind Ackerland, 60% sind Grünland. Dort besteht das Ziel zunächst darin, den Grundwasserspiegel so weit anzuheben, dass er im Mittel des Jahres etwa 30 cm unter Flur ansteht. Damit lassen sich die CO2-Emissionen schon deutlich reduzieren. Außerdem sind mit diesem Zielpegel noch einige landwirtschaftliche Nutzungen möglich. Damit unterscheidet sich dieses Nassgrünland noch deutlich von stark vernässten Moorflächen mit größeren Wasserlachen wie auf dem Foto oben.

Dieses nachträglich in den Graben eingebaute Stauwehr besitzt einen höhenverstellbaren Sperrschieber, um den Wasserstand zu regulieren. (Bildquelle: Zwack)

Grundsätzlich gibt es keine bessere Methode, als für die Wiedervernässung die natürlichen Niederschläge zu nutzen. Andere Möglichkeiten fallen schon allein aus Kostengründen aus.

Also geht es darum, vor allem die Winterniederschläge in der Fläche zu halten. Dazu ist es notwendig in die bisherigen Systeme aus Rohrdrainagen und Gräben steuernd einzugreifen. Dazu sind recht aufwendige Installationen notwendig. Neben Stauwehren an Gräben oder Vorflutern kommen stark vereinfacht ausgedrückt Ventile mit einstellbaren Schwimmern zum Einsatz. Bei diesen müssen ständig die Funktionstüchtigkeit überprüft und die Einstellungen nachjustiert werden.

Nassgrünland für Futter nutzen

Für Zwack geht es darum, das bisher intensiv genutzte Grünland an die nun höheren Wasserstände anzupassen. Deutsches Weidelgras und Weißklee mögen es überhaupt nicht, wenn ihre Wurzeln dauerhaft im Wasser stehen. Sie kümmern und bringen nur noch wenig Ertrag.Die LfL probiert verschieden Saatgutmischungen in vernässten Kleinparzellen, um Landwirten angepasste Empfehlungen anbieten zu können. Als möglichen Alternativen haben sich Rohrglanzgras und Rohrschwingel herauskristallisiert. Experten aus der Schweiz haben nach Zwack herausgefunden, dass sich besonders weichblättrige Sorten des Rohrschwingels noch als Rinderfutter eigen.

Trotzdem ist klar, dass sich die Aufwüchse mit einer Energiekonzentration von weniger als 5,5 MJ NEL nicht für die herkömmliche Fütterung von Milchkühen eignen. Sie sind eher das Futter für Rinder, Trockensteher oder Robustrassen wie Dexterrinder.

Die unterschiedlich hohen Zulaufrohre in diesem Schacht ermöglichen stabile, vorher definierte Pegelstände auf den Flächen. (Bildquelle: Zwack)

Wie Gras ernten?

Eine Schnittnutzung hat sich als relativ effektiv herausgestellt, da man so die Pegelstände gezielt anheben aber auch senken kann. So lange das Grundwasser nicht höher als 50 cm unter Flur ansteht lassen sich noch Standard-Traktoren einsetzen. Allerdings mindert das die CO2-Emissionen auch nur wenig. Je weiter der Pegel ansteigt, umso leichter muss die eingesetzte Technik werden. Am Ende der Skala stehen Mähraupen oder gar handgeführte Einachsmäher.

Die Stoppelhöhe sollte mindestens 10 cm, häufig aber 15 bis 20 cm betragen, damit der Abstand zwischen Boden und Mähgut besonders groß wird. In schwierigen Fällen, bergen die Landwirte den Aufwuchs direkt nach dem Mähen und breiten in auf anderen Flächen wieder aus, um ihn dort zu trocknen. Einige nutzen auch Heutrocknungsanlagen.

Knackpunkt Düngung

Die Landwirte müssen die mit der Grasernte von der Fläche gefahrenen Nährstoffe als Dünger wieder dort aufbringen. Wegen der eingeschränkten Befahrbarkeit bieten sich nur kurze Zeiträume dafür an. Relativ sicher ist eine Düngergabe nach dem ersten Schnitt möglich, wenn vor der Ernte der Wasserpegel gezielt abgesenkt wurde. Dann sind Güllegaben mit 20 bis 30 m3 möglich. Trotzdem sind Nassgrünlandstandorte eher schwächer versorgt.

Besonders schwierig gestaltet sich die Düngung auf Moorstandorten mit degradierten Böden, die sehr schlecht Wasser aufnehmen. Nach Starkniederschlägen drohen aufgebrachte Nährstoffe von der Fläche abfließen.

Und was ist mit Paludi?

Wenn der Pegel noch weiter in Richtung Geländeoberkante ansteigen soll, fallen viele landwirtschaftliche Nutzungen allerdings aus. Es kommen nur noch Pflanzen in Betracht, die trotz des hohen Grundwasserstandes noch organischer Masse liefern können. Diese werden als Paludi-Kulturen bezeichnet. Der Name leitet sich vom lateinischen Wort „Palus“ für Sumpf oder Morast ab. Nach Aussage von Martina Schlaipfer vom Peatland Science Center (PSC) der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf sind aktuell kaum regionale Wertschöpfungsketten für die Verwertung der Aufwüchse im größeren Maßstab vorhanden.

In Deutschland beschäftigen sich aber Berater und innovative Unternehmen mit folgenden Pflanzen als Paludi-Kultur:

Rohrglanzgras - Das Gras liefert zwar niedrigere Energiekonzentrationen als die üblichen Grünlandgräser, aber in Biogasanlagen ist eine Zugabe von etwa 20 % ohne spürbare Einbußen möglich. So ließe sich ein Teil der Aufwüchse nutzen, ohne dass spezielle Fabriken errichtet werden müssen.

Rohrkolben lassen sich vielversprechend zu Dämmstoffplatten verarbeiten. Teilweise sollen, wie Schlaipfer berichtet, die Baueigenschaften sogar besser sein als herkömmliche Materialien. Die Verarbeiter warten nur noch auf die baurechtliche Zulassung.

Der Aufwuchs von Paludikulturen wird zu Papier, Kartonagen, sogar zu Bauplatten verarbeitet. (Bildquelle: Stefan Janda, Donaumoos-Zweckverband)

Schilf - Bisher wird das Baumaterial für Reetdächer im großen Stil aus Osteuropa importiert. Eine inländische Produktion wäre aber möglich und als Paludi sinnvoll.

Seggen oder andere Sauergräser sind für das Herstellen von Grasfaserplatten geeignet. Diese kommen beim Möbelbau zum Einsatz. Die Expertin aus Freising weist darauf hin, dass erste Unternehmen aus Grasfaserplatten auch Küchenfronten herstellen, mit einem sichtbaren Profil und überzeugender Dauerhaftigkeit.

Alle genannten Pflanzen bieten sich für die Produktion jeder Art von Verpackungsmaterial an. Verschiedene Unternehmen führen Tests durch, um herauszufinden, welche Art mit welcher Qualität sich am Besten für welche Anwendung eignet. Die Nachfrage als Ersatz für Holzfasern steigt aktuell an, da Holz wegen zu hoher Preise an Attraktivität verliert.

Da die Erntemengen im Moment noch relativ klein sind, läuft die Weiterverarbeitung häufig im Testmaßstab. Landwirte hoffen aber auf die neue Förderperiode der Gemeinsamem Agrarpolitik, um dann mit mehr Fläche auch mehr Rohstoff anbieten zu können.

Start und Ernte

Auch wenn die Paludikulturen gut mit dem hohen Wasserstand zurecht kommen, sollte das Pflanzen oder Säen der Dauerkulturen im trocken Bodenzustand erfolgen, damit keine Bodenschadverdichtungen entstehen.

Die Ernte erfolgt im Winter nach ersten Frösten. Einmal verhindert der Frost ebenfalls Verdichtungen durch Befahren. Zum anderen enthält abgestorbene Biomasse weniger Nährstoffe, was die spätere Verarbeitung erleichtert.

Wegen der noch geringen Erntemengen, nehmen die Verarbeiter diese häufig direkt ab, sonst ist ein Zwischenlagern in Rundballen häufig eine Alternative.

Paludi leistet nicht alles

Für einen erfolgreichen Anbau von Paludikulturen ist wichtig, das der Grundwasserstand sich jeder Zeit gezielt einstellen lässt. Deshalb ist eine ausreichende Wasserverfügbarkeit von entscheidender Bedeutung. Nach Erfahrungen von Schlaipfer ist das im Alpenvorland bisher keine ernstes Problem. Das kann in trockeneren Regionenganz anders aussehen.

Je mehr sich der Wasserstand der Geländeoberkante nähert, um so druckempfindlicher wird der Boden. Mit leichter Technik wie diesem handgeführten Motorschwader lassen sich Schadverdichtungen weitestgehend vermeiden. (Bildquelle: Eickenscheidt)

Bezüglich der Biodiversität können die Paludikulturen nicht alle Erwartungen aus floristischer Sicht erfüllen, da diese monodominate Bestände darstellen. Aber das gilt für die naturnahen Vergleichsbestände ebenso. Für die Tierwelt aber sind diese Bestände eine große Bereicherung. So haben die Untersuchungen aus dem Bayerischen Donaumoos ergeben, dass bedrohte Wiesenbrüter wie Kiebitz und Wiesenpieper sehr von diesen Beständen profitieren. Aber auch Tüpfelsumpfhuhn und Bekassinen sind nachgeweisen worden.

Hintergrund ist, dass die Paludis im Frühjahr nach einem Winterschnitt sehr niedrig starten und langsam aufwachsen. Zudem sind nur 1-2 Bewirtschaftungsgänge im Jahr außerhalb der Brutperiode erforderlich. Ob der Große Brachvogel profitieren wird, hängt davon ab wie großflächig die Bestände sind. Dafür war die Testflächen im Bayerischen Donaumoos noch zu klein. Grundsätzlich gilt, dass ein Mix aus Paludis und Nass-Grünland die Zielarten vermutlich am besten unterstützen kann.

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Kommentar

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