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Nicht immer einer Meinung

WLV-Präsidentschaft: Schulze Bockeloh und Beringmeier im Interview Digital Plus

Susanne Schulze Bockeloh und Hubertus Beringmeier haben wir gemeinsam dazu befragt, welche Vorstellungen der Verbandsarbeit sie umtreiben. Beide bewerben sich um die Nachfolge von WLV-Präsident Johannes Röring.

Zwei von drei Kandidaten für das WLV-Präsidentenamt: Susanne Schulze Bockeloh und Hubertus Beringmeier

Wochenblatt: Die Interessen der Bäuerinnen und Bauern zu vertreten, wird kein leichter Job sein. Wo sehen Sie die größten Herausforderungen, die nach dem 17. Februar auf Sie warten könnten?

Schulze Bockeloh: Zunächst gibt es ganz enorme verbandliche He­rausforderungen. Die sind vor allem der Gründung von „Land schafft Verbindung“ geschuldet. Als Stimme der Bauern zu gelten, ist ja der Anspruch des Bauernverbandes, und diesen wieder deutlich zu leben, wird eine große Herausforderung sein. Bei den zum Teil sehr unterschiedlichen Inte­ressen der Mitglieder ist es ganz wichtig, die Einigkeit zu erhalten oder wieder hinzubekommen.

Fachlich ist es das Thema der Tierhaltung, ganz besonders in Westfalen- Lippe, wo zwei Drittel des Bauerneinkommens daher stammen. Diesen Bereich zukunftssicher zu gestalten und die Akzeptanz der Gesellschaft dafür zu bekommen, das ist wohl die größte Aufgabe.

Beringmeier: Das ist im Grunde richtig. Wir müssen aufpassen, dass unsere Interessenvertretung nicht in kleine Gruppen zerfällt. „LsV“ war und ist gut für uns, und wir öffnen den Berufskollegen dort Tür und Tor. Da sind ganz viele junge Menschen aktiv, die wir einladen sollten, im Verband mitzuarbeiten. Das ist für uns eine große Chance. Wir sind doch alle Landwirte.

Meine stärkste Herausforderung sehe ich darin, gemeinsam – Haupt- und Ehrenamt – mit allen uns zur Verfügung stehenden Kräften für unsere Bauern zu kämpfen. Das ist im politischen Umfeld schon jetzt schwer und wird in Zukunft nicht leichter. Deshalb müssen wir alle unsere Kräfte bündeln, um an den vielen, wichtigen Baustellen Erfolge zu erzielen.

Inhaltlich geht es vor allem um die rechtssichere Tierhaltung. Da werden wir Bauern, bildlich gesprochen, ja regelmäßig durch den Fleischwolf gedreht. Wir brauchen Veränderungen, aber am Ende muss das Ziel auch sein, dass Tierhaltung wirtschaftlich ist. Sonst ist das alles aus Unternehmersicht sinnlos.

Wochenblatt: Haben Sie als Schweinemäster Ihre Stalltüren schon ordentlich verriegelt, damit keine ungebetenen Besucher kommen?

Beringmeier: Ja, wir hatten schon einmal Besuch im Stall und unsere Ställe sind jetzt gut gesichert. Mir ist schon bewusst, dass es Stalleinbrecher geben könnte. Mit dem Risiko muss ich als Vertreter des Berufsstandes leben. Aber sich als aktiver Landwirt aus dem Ehrenamt zurückzuziehen, um nicht zum Opfer dieser Leute zu werden, wäre falsch. Meine Überzeugung ist, dass Tierhaltung vorzeigbar sein muss. Im Übrigen stelle ich pro Jahr 35.000 Bilder aus unserem Stall ins Netz. Wir müs-sen uns nicht verstecken, im ­Gegenteil.

WLV-Präsidentschaft und Bundestagsmandat?

Wochenblatt: Johannes Röring hat sich viel Kritik anhören müssen und ist vielleicht sogar darüber gestolpert, dass er als WLV-Präsident auch ein politisches Amt bekleidet hat. Ist so eine Kombination zulässig, günstig oder eher zu vermeiden?

Schulze Bockeloh: Ich glaube, die Zeiten haben sich geändert. Zunächst dachte ich auch, das sei eine gute Kombination. Wenn der Bauernpräsident die Interessen der Landwirte direkt im Parlament vertreten kann, dann wäre das optimal. Mittlerweile weiß ich aber, dass schon aus zeitlichen Gründen diese beiden Mandate praktisch nicht kombinierbar sind. Das sind zwei Vollzeit-Aufgaben. Ein Bundes- oder Landtagsmandat verträgt sich nicht mit dem Spitzenamt im WLV. Die Vernetzung auch in politischen Kreisen und Gremien ist aber trotzdem unerlässlich. Ohne diese Kontakte geht es nicht.

Beringmeier: Für mich käme so etwas nicht infrage. Ich würde mich auf das Präsidentenamt konzentrieren und außerdem auch noch gerne praktischer Landwirt bleiben. Außerdem müssen wir mit allen Parteien reden. Ein herausragendes Amt in einer Partei ist meines Erachtens nicht von Vorteil, außerdem zeitlich nicht leistbar.

WLV: Modernisierung nötig?

Wochenblatt: Wenn Sie gewählt würden, wo würden Sie innerverbandlich zuerst ansetzen? Braucht der WLV eine Modernisierung, Umstrukturierung oder etwas Ähnliches?

Beringmeier: Als Erstes würde ich die Kreisverbandsvorsitzenden auf unseren Hof einladen, damit sie sehen, was Beringmeiers so machen. Dann sollten wir vereinbaren, wo wir etwas verändern wollen. In jedem Verband oder Verein gibt es etwas zu modernisieren. Das Dringendste muss erst einmal abgearbeitet werden. Übrigens bekommen wir auch einen neuen Hauptgeschäftsführer im WLV; auch das hat ja Konsequenzen.

Wir haben ganz abgesehen davon großen Gesprächsbedarf im vor- und nachgelagerten Bereich. Wichtig ist auch, dass die Informationswege schneller werden müssen, vom Deutschen Bauernverband über die Landesbauernverbände bis hin zum einzelnen Ortsverband.

Wochenblatt: Wie sieht denn Ihr Masterplan für den 18. Februar aus, Frau Schulze Bockeloh?

Schulze Bockeloh: Am besten fängt es am 17. schon an! Ich glaube, wir müssen das Momentum der Veränderung auch nutzen, sonst wären wir dumm. Neuer Präsident oder neue Präsidentin, neuer Hauptgeschäftsführer, da muss sich etwas tun. Im WLV-Vorstand wird sehr lebhaft und lange diskutiert, aber wie ist der Rückschluss zu den Fachausschüssen? Wie entscheidungsfreudig sind wir? Wir müssen moderner werden bei den sogenannten sozialen Medien. Mindestens eine Person in der Geschäftsstelle müsste sich ausschließlich mit diesen Medien beschäftigen. Die allgemeine Kommunikation zum Thema Landwirtschaft muss ausgebaut werden.

Außerdem ganz wichtig: Der Landjugend mehr Raum geben, eine Plattform bieten, auch einmal mutig neue Gedanken auszusprechen und zur Diskussion zu stellen. Was mir auch wichtig ist: die Zusammenarbeit mit dem Hauptamt. Wir haben da tolle Leute, und der Schulterschluss der ehrenamtlichen mit der hauptamtlichen ­Spitze muss eindeutig sein. Man darf intern ruhig einmal streiten, aber nach außen ist ein einheitliches Auftreten wichtig.

Frauen in Spitzenpositionen

Wochenblatt: Warum sind eigentlich so wenige Frauen beim WLV in hohen Ämtern? Haben die keinen Mut? Oder ist es vielleicht so, dass die schon in den Kreisverbänden weggebissen und ausgebremst werden?

Beringmeier: Die Frage bekommen wir häufiger gestellt. Ich komme aus einem Kreisverband, der schon seit 20 Jahren eine Geschäftsführerin hat; die erste übrigens beim WLV. Ich finde das gut, und wir haben nie differenziert, auch in den Ausschüssen. Wir haben dort tolle Frauen, die mitarbeiten, und wir haben nie eine Frau zurückgewiesen. Andererseits muss man sagen, dass unter den Betriebsleitern Frauen...

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Wochenblatt: Die Interessen der Bäuerinnen und Bauern zu vertreten, wird kein leichter Job sein. Wo sehen Sie die größten Herausforderungen, die nach dem 17. Februar auf Sie warten könnten? Schulze Bockeloh: Zunächst gibt es ganz enorme verbandliche He­rausforderungen. Die sind vor allem der Gründung von „Land schafft Verbindung“ geschuldet. Als Stimme der Bauern zu gelten, ist ja der Anspruch des Bauernverbandes, und diesen wieder deutlich zu leben, wird eine große Herausforderung sein. Bei den zum Teil sehr unterschiedlichen Inte­ressen der Mitglieder ist es ganz wichtig, die Einigkeit zu erhalten oder wieder hinzubekommen. Fachlich ist es das Thema der Tierhaltung, ganz besonders in Westfalen- Lippe, wo zwei Drittel des Bauerneinkommens daher stammen. Diesen Bereich zukunftssicher zu gestalten und die Akzeptanz der Gesellschaft dafür zu bekommen, das ist wohl die größte Aufgabe. Beringmeier: Das ist im Grunde richtig. Wir müssen aufpassen, dass unsere Interessenvertretung nicht in kleine Gruppen zerfällt. „LsV“ war und ist gut für uns, und wir öffnen den Berufskollegen dort Tür und Tor. Da sind ganz viele junge Menschen aktiv, die wir einladen sollten, im Verband mitzuarbeiten. Das ist für uns eine große Chance. Wir sind doch alle Landwirte. Meine stärkste Herausforderung sehe ich darin, gemeinsam – Haupt- und Ehrenamt – mit allen uns zur Verfügung stehenden Kräften für unsere Bauern zu kämpfen. Das ist im politischen Umfeld schon jetzt schwer und wird in Zukunft nicht leichter. Deshalb müssen wir alle unsere Kräfte bündeln, um an den vielen, wichtigen Baustellen Erfolge zu erzielen. Inhaltlich geht es vor allem um die rechtssichere Tierhaltung. Da werden wir Bauern, bildlich gesprochen, ja regelmäßig durch den Fleischwolf gedreht. Wir brauchen Veränderungen, aber am Ende muss das Ziel auch sein, dass Tierhaltung wirtschaftlich ist. Sonst ist das alles aus Unternehmersicht sinnlos. Wochenblatt: Haben Sie als Schweinemäster Ihre Stalltüren schon ordentlich verriegelt, damit keine ungebetenen Besucher kommen? Beringmeier: Ja, wir hatten schon einmal Besuch im Stall und unsere Ställe sind jetzt gut gesichert. Mir ist schon bewusst, dass es Stalleinbrecher geben könnte. Mit dem Risiko muss ich als Vertreter des Berufsstandes leben. Aber sich als aktiver Landwirt aus dem Ehrenamt zurückzuziehen, um nicht zum Opfer dieser Leute zu werden, wäre falsch. Meine Überzeugung ist, dass Tierhaltung vorzeigbar sein muss. Im Übrigen stelle ich pro Jahr 35.000 Bilder aus unserem Stall ins Netz. Wir müs-sen uns nicht verstecken, im ­Gegenteil. WLV-Präsidentschaft und Bundestagsmandat? Wochenblatt: Johannes Röring hat sich viel Kritik anhören müssen und ist vielleicht sogar darüber gestolpert, dass er als WLV-Präsident auch ein politisches Amt bekleidet hat. Ist so eine Kombination zulässig, günstig oder eher zu vermeiden? Schulze Bockeloh: Ich glaube, die Zeiten haben sich geändert. Zunächst dachte ich auch, das sei eine gute Kombination. Wenn der Bauernpräsident die Interessen der Landwirte direkt im Parlament vertreten kann, dann wäre das optimal. Mittlerweile weiß ich aber, dass schon aus zeitlichen Gründen diese beiden Mandate praktisch nicht kombinierbar sind. Das sind zwei Vollzeit-Aufgaben. Ein Bundes- oder Landtagsmandat verträgt sich nicht mit dem Spitzenamt im WLV. Die Vernetzung auch in politischen Kreisen und Gremien ist aber trotzdem unerlässlich. Ohne diese Kontakte geht es nicht. Beringmeier: Für mich käme so etwas nicht infrage. Ich würde mich auf das Präsidentenamt konzentrieren und außerdem auch noch gerne praktischer Landwirt bleiben. Außerdem müssen wir mit allen Parteien reden. Ein herausragendes Amt in einer Partei ist meines Erachtens nicht von Vorteil, außerdem zeitlich nicht leistbar. WLV: Modernisierung nötig? Wochenblatt: Wenn Sie gewählt würden, wo würden Sie innerverbandlich zuerst ansetzen? Braucht der WLV eine Modernisierung, Umstrukturierung oder etwas Ähnliches? Beringmeier: Als Erstes würde ich die Kreisverbandsvorsitzenden auf unseren Hof einladen, damit sie sehen, was Beringmeiers so machen. Dann sollten wir vereinbaren, wo wir etwas verändern wollen. In jedem Verband oder Verein gibt es etwas zu modernisieren. Das Dringendste muss erst einmal abgearbeitet werden. Übrigens bekommen wir auch einen neuen Hauptgeschäftsführer im WLV; auch das hat ja Konsequenzen. Wir haben ganz abgesehen davon großen Gesprächsbedarf im vor- und nachgelagerten Bereich. Wichtig ist auch, dass die Informationswege schneller werden müssen, vom Deutschen Bauernverband über die Landesbauernverbände bis hin zum einzelnen Ortsverband. Wochenblatt: Wie sieht denn Ihr Masterplan für den 18. Februar aus, Frau Schulze Bockeloh? Schulze Bockeloh: Am besten fängt es am 17. schon an! Ich glaube, wir müssen das Momentum der Veränderung auch nutzen, sonst wären wir dumm. Neuer Präsident oder neue Präsidentin, neuer Hauptgeschäftsführer, da muss sich etwas tun. Im WLV-Vorstand wird sehr lebhaft und lange diskutiert, aber wie ist der Rückschluss zu den Fachausschüssen? Wie entscheidungsfreudig sind wir? Wir müssen moderner werden bei den sogenannten sozialen Medien. Mindestens eine Person in der Geschäftsstelle müsste sich ausschließlich mit diesen Medien beschäftigen. Die allgemeine Kommunikation zum Thema Landwirtschaft muss ausgebaut werden. Außerdem ganz wichtig: Der Landjugend mehr Raum geben, eine Plattform bieten, auch einmal mutig neue Gedanken auszusprechen und zur Diskussion zu stellen. Was mir auch wichtig ist: die Zusammenarbeit mit dem Hauptamt. Wir haben da tolle Leute, und der Schulterschluss der ehrenamtlichen mit der hauptamtlichen ­Spitze muss eindeutig sein. Man darf intern ruhig einmal streiten, aber nach außen ist ein einheitliches Auftreten wichtig. Frauen in Spitzenpositionen Wochenblatt: Warum sind eigentlich so wenige Frauen beim WLV in hohen Ämtern? Haben die keinen Mut? Oder ist es vielleicht so, dass die schon in den Kreisverbänden weggebissen und ausgebremst werden? Beringmeier: Die Frage bekommen wir häufiger gestellt. Ich komme aus einem Kreisverband, der schon seit 20 Jahren eine Geschäftsführerin hat; die erste übrigens beim WLV. Ich finde das gut, und wir haben nie differenziert, auch in den Ausschüssen. Wir haben dort tolle Frauen, die mitarbeiten, und wir haben nie eine Frau zurückgewiesen. Andererseits muss man sagen, dass unter den Betriebsleitern Frauen unterrepräsentiert sind. Das hat sich so ergeben, in Zukunft ist es vielleicht anders. Ganz ab­gesehen davon, stehen die Türen offen. Um ein Ehrenamt beim Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverband bekleiden zu können, muss man nicht Betriebsleiterin sein. Ehepartner und mitarbeitende Kinder können Einzelmitglieder mit allen Rechten und Pflichten werden. Wir haben doch eigentlich ein anderes Problem in unseren Gremien: An der einen oder anderen Stelle möchte niemand mehr ein Ehrenamt übernehmen. Und im Übrigen haben wir in allen Stufen und Ausschüssen auch immer Delegierte der Landfrauen dabei. Wir denken da in der Wir-Form, und die Türen stehen offen. Wochenblatt: Haben Sie die offenen Türen auch schon überall gesehen, Frau Schulze Bockeloh? Schulze Bockeloh: Ich würde mir mehr Frauen wünschen, das würde auch die Realität auf den Höfen widerspiegeln. Und ja, viele Türen sind offen, aber ich möchte den Frauen Mut machen, auch durchzugehen, und aktiv zur Mitarbeit in den Gremien einladen. Gesellschaftliche Nachhaltigkeitsdebatten anstoßen Wochenblatt: Die Offensive Nachhaltigkeit ist ein Projekt, das Johannes Röring erfolgreich vorangetrieben hat. In der Öffentlichkeit kam das gut an. Geht es jetzt damit gut weiter, oder war es doch ein PR-Strohfeuer? Schulze Bockeloh: Das war überhaupt kein Strohfeuer, sondern wirklich der Startschuss für all die Nachhaltigkeits-Diskussionen, die wir jetzt haben. Es gab noch keine großen gesellschaftlichen Nachhaltigkeitsdebatten. Mittlerweile haben wir zwei Nachhaltigkeitsberichte veröffentlicht. Der erste war noch mehr beschreibend, der zweite bringt schon eher Leuchttürme und Meilensteine. Unser Zeitfenster reicht bis 2030, und in diesem Entwicklungsprozess sind wir gut unterwegs. Die Offensive Nachhaltigkeit ist der große Wurf unseres Verbandes, den wir gehabt haben. Daran müssen wir weiterarbeiten! Wochenblatt: Hat die Gesellschaft schon mitbekommen, dass der WLV da Vorreiter ist? Schulze Bockeloh: Jedenfalls nicht so, wie wir uns das wünschen. Und deshalb ist es unsere Aufgabe, solche Themen mehr und besser zu kommunizieren: Was wir machen, wo wir unterwegs sind. Wo wir nicht nur veränderungsbereit sind, sondern die Veränderungen auch schon angegangen sind. Beringmeier: Die Offensive war damals ein mutiger Schritt, aber genau richtig. Dieses Zukunftspapier mit 30 Handlungsfeldern ist eine Leitlinie, die uns begleitet. Teilweise hat uns die Politik schon überholt, aber in anderen Bereichen müssen wir erkennen, dass wir vielleicht sogar zu ambitioniert herangegangen sind. Das Thema Schwanzkupieren ist so ein Beispiel. Hier sind Lösungen nicht so schnell zu erwarten, wie wir es gern hätten. In der Gesellschaft ist das Projekt insgesamt aber sehr gut angekommen, bei den Mitgliedern war es im ersten Winter zugegebenermaßen extrem schwierig zu erklären. Aber mittlerweile sagt die große Mehrheit, das war genau richtig. Schulze Bockeloh: Wir müssen dabei aufpassen, dass wir auch konkreter werden. Die Umsetzung mancher Vorschläge auf den Betrieben wird eine Herausforderung. Nur: Wenn wir glaubwürdig bleiben wollen, müssen wir auch diese konkreten Dinge angehen. Die Landwirtschaft der Zukunft Wochenblatt: Wo genau muss sich denn die Landwirtschaft verändern? Schulze Bockeloh: Grundsätzlich machen wir gute Arbeit. Wir hatten noch nie so gute Lebensmittel wie heute. Wenn aber von der ­Gesellschaft gewünscht wird, dass noch mehr Tierwohl passieren soll, dann müssen wir daran arbeiten, einige Forderungen umsetzen – nicht weil das Bisherige schlecht ist, sondern weil die Akzeptanz fehlt. Wir wollen unsere Produkte ja verkaufen. Das Ganze muss aber wissenschaftlich-fachlich begleitet werden, darf nicht „aus der Hüfte geschossen“ sein und muss verlässlich finanziert werden. Beringmeier: Dringend müssen wir die Image-Werbung angehen, aber auch für mehr Transparenz sorgen. Wir stehen hinter der Nutztierstrategie, die gerade in der Po­litik diskutiert wird. Wir schaffen uns aber nicht selbst ab. Wenn wir über Veränderungen reden, dann müssen wir erst einmal wissen, wie der Stall der Zukunft aussehen soll. Baugenehmigungen gibt es für Ställe fast gar nicht mehr, und die Verunsicherung der Landwirte ist extrem groß. Der Verbraucher will nicht mehr bezahlen, und wir brauchen für einen großen Umbau auch Zeit. Welcher Landwirt geht heute das Risiko eines Neubaus noch ein? Es könnte sein, dass wir in den nächsten zehn ­Jahren ganz große Teile der Tierhaltung verlieren. Wochenblatt: Aber wo würden Sie jetzt konkret sagen: „Ja, wir fangen an, da verändern wir uns“? Beringmeier: Beispiel Biodiversität und Verbot von Herbiziden in Vogelschutzgebieten. Das ist nicht der richtige Weg, weil es im Grunde nichts nützt. Kooperation wäre besser. Wir haben uns ja schon bereit erklärt, auf 2 % der Fläche die Bewirtschaftung zu unterlassen. Aber dann eben nicht zwingend die breiten Schutzstreifen an Gewässern, in Hanglagen usw. Image-Kampagne mit Anlaufschwierigkeiten Wochenblatt: Die Initiative „Mag doch jeder“, die Image-Kampagne des WLV bzw. „Landwirt schafft Leben“ kommt nicht so recht voran. Die ersten Werbepylone stehen schon, aber die finanzielle Unterstützung der Praktiker lässt zu wünschen übrig. Woran liegt das? Beringmeier: Die Kampagne ist eine supergute Sache. Auf keinen Fall sollte man jetzt darüber schon den Stab brechen. Angelegt ist das Ganze zunächst auf zwei Jahre. Die Berufskolleginnen und -kollegen sind jetzt gefordert, Öffentlichkeitsarbeit nicht nur zu verlangen, sondern auch etwas dazu beizutragen. Das muss deutlich ausgebaut werden. Und wer bei den aktuellen Schweinepreisen sagt, dafür habe ich kein Geld, der ist nicht ganz ehrlich... Immerhin: Erste Erfolge sind schon sichtbar, und glücklicherweise hat die Stiftung Westfälische Landschaft einen Teil der Anschubfinanzierung übernommen. Im Grunde müsste man das auf Bundesebene ausbauen, weil es gar keine Alternative gibt. Schulze Bockeloh: Wir hatten ja mit der Finanzierung von Beginn an Anlaufschwierigkeiten. Dass es jetzt eine völlig freie oder freiwillige Regelung für die Finanzierung gibt, ist bei vielen noch gar nicht angekommen. Wir müssen die Kampagne noch mehr bewerben. Ich gebe Ihnen recht: Die absoluten Zahlen sind immer noch enttäuschend. Aber die derzeitigen Winterversammlungen zeigen eine gute Resonanz. Wochenblatt: Funktioniert denn das System einer freiwilligen Finanzierung überhaupt? Beringmeier: Wenn es jetzt so bescheiden bleibt wie bisher, dann muss alles auf den Prüfstand. Auf Dauer wäre es ungerecht, die ganze finanzielle Last den 500 Betrieben zuzumuten, die heute schon dabei sind. Notfalls wäre auch denkbar, einen Zuschlag zum WLV-Beitrag zu erheben, der dann gesondert ausgewiesen wird. Natürlich mit dem Risiko, dass es nicht allen gefällt und der eine oder andere die Mitgliedschaft kündigt. Gräben in der Landwirtschaft? Wochenblatt: Haben Sie auch den Eindruck, dass die Landwirtschaft sich immer weiter aufspaltet, zum Beispiel in Intensivtierhalter hier, viehlose Großbetriebe da, Extensivbewirtschafter da usw.? Wenn sich dort Gräben auftun, wie lassen sie sich überbrücken oder zuschütten? Schulze Bockeloh: Die Vielfalt der Landwirtschaft ist eine große He­rausforderung für die Einigkeit in einem Verband. Die Grundwerte aber, auf die wir uns als WLV-Leitbild verständigt haben, nämlich Engagement, Verantwortung, Verbundenheit, sind sozusagen das Bindeglied innerhalb des Verbandes. Wochenblatt: Ein Kreisverbandsvorsitzender aus einer Mittelgebirgsregion hat vor Kurzem öffentlich gegenüber den Kollegen aus den besonders viehstarken Kreisen geäußert: „Wir nehmen Eure Gülle nicht!“. Gibt es nicht längst einen Riss quer durch den Verband? Beringmeier: Diese Unterschiede gibt es schon lange. Aber denken Sie einmal an „LsV“; da waren alle dabei, auch die Sauerländer, auch die Siegerländer usw. Die Gefahr ist immer, dass sich ein Verband aufspaltet. Aber wenn wir zerfallen, dann werden wir bedeutungslos. Tatsächlich ist es eine große Kunst, alles miteinander zu verbinden. Und im Grunde genommen müssen wir noch mehr Verbündete außerhalb der Kernlandwirtschaft suchen, um unsere Interessen wirksam durchsetzen zu können. Bauernverband von LsV überholt? Wochenblatt: Die Bewegung „Land schafft Verbindung“ hat Zehntausende Bauern für ihre Treckerdemons­trationen mobilisiert und damit große öffentliche Wirkung erzielt. Das Alarmsignal wird draußen gehört. Hat der Bauernverband diese Chance verschlafen? Beringmeier: Im Frühjahr 2019 haben wir eine gute Veranstaltung mit 7000 Menschen in Münster gehabt und damit auch etwas erreicht. Denken Sie nur an die Überprüfung der Grundwasser-Messstellen, die längst angelaufen ist. Was die Einbeziehung möglichst vieler Schlepper angeht, waren wir uns zum 4. April nicht einig. Aber letztlich ist das nicht entscheidend. Wichtig ist, wie es jetzt weitergeht. Ich sehe „LsV“ nicht als Konkurrenz, sondern habe mich bei den großen Aktionen von „LsV“ auch selbst beteiligt – und dabei viele Berufskollegen gesehen, die noch nie auf einer Veranstaltung des WLV aktiv geworden sind. Schulze Bockeloh: Der WLV hatte im April 2019 nicht die Chance, so viele Kollegen zu mobilisieren, wie das „LsV“ im Herbst geschafft hat. Diese überwältigende Beteiligung hat mich schon berührt und zum Teil verunsichert: Fehlt da bei uns was? Trotzdem: Das war ein bleibendes Erlebnis, die vielen Schlepper zu sehen, auch in Münster. Da zeigte sich: Wir sind ein ganz starker Berufsstand. „LsV“ ist in manchen Dingen einfach schneller als der WLV, wo immer alles sehr gründlich durchdacht und geplant wird. Aber miteinander können wir dafür sorgen, dass sich Dinge im Sinne unserer Landwirtschaft bewegen. Das wollen wir alle. Und die „LsV“ schadet im Moment gar nicht, sie tut uns gut. Die Resignation vieler Bauern ist Geschichte. Wochenblatt: Wie stellen Sie sich denn das Zusammenwirken mit „LsV“ vor? Wo sehen Sie Gemeinsames oder Trennendes? Beringmeier: Noch einmal: „LsV“ ist keine Konkurrenz, das sind ja sozusagen unsere Leute. Wir müssen auch sensibel damit umgehen. Wir dürfen nicht den Eindruck erwecken, „LsV“ vereinnahmen zu wollen. Alles in allem: Die Ausgangslage für die Landwirtschaft ist heute besser als vor einem Jahr. Wochenblatt: „LsV“ ist aber mittlerweile auch in zwei Gruppen gespalten, in „LsV – Das Original“ und „LsV – Deutschland“. Wissen Sie noch, mit wem Sie sprechen müssen oder wollen? Beringmeier: Ja, das schon. Aber der Machtkampf, der dort abläuft, ist nicht günstig, mir wäre lieb, wenn die Vereinigung wieder einheitlich und geeint auftreten würde. Ich jedenfalls würde den Kontakt halten und Unterstützung anbieten, ohne die Kolleginnen und Kollegen zu bevormunden. Schulze Bockeloh: Das ist richtig. Die Spaltung wird außerhalb der Landwirtschaft zwar kaum wahrgenommen, aber sie tut der Bewegung nicht gut. Hier in Westfalen-Lippe haben wir Ansprechpartner, denen wir Unterstützung anbieten. GAP: Direktzahlungen beibehalten? Wochenblatt: Sehr bald muss jetzt die Weiterentwicklung der Gemein­samen europäischen Agrarpolitik (GAP) angegangen werden. Was ist Ihnen dabei besonders wichtig? Schulze Bockeloh: Wichtig ist mir, dass es bei der GAP Unterstützung für die Landwirte in den verschiedenen Regionen gibt. Das heißt, Direktzahlungen müssen auf den ­Betrieben ankommen. Wochenblatt: Es gibt Agrarpolitiker, die sagen, dass Landwirte gut auf die Direktzahlungen verzichten könnten, weil der zusätzliche Aufwand durch Bewirtschaftungsauflagen, Kontrollen usw. ohnehin den zusätzlichen Ertrag auffrisst. Schulze Bockeloh: Nein, das geht nicht. Wenn die Direktzahlungen bei vielen Bauern rund 40 % des Einkommens ausmachen, dann spricht das doch eindeutig für die Bedeutung. Selbst wenn diese Zahlungen wegfallen würden, hieße das ja noch nicht, dass die Auflagen weniger werden oder gar wegfielen. Umweltauflagen, Cross-Compliance- Prüfungen und die Kontrollen nach Fachrecht würden ja doch bleiben. Dann lieber mit Direktzahlungen! Wir sollten aber Vorschläge machen, wie sie mit Kriterien der Nachhaltigkeit verknüpft werden können, also mit Tier- und Umweltschutzvorschriften. Die Offensive Nachhaltigkeit bietet da ja Auswahlmöglichkeiten. Ideal wäre eine Art Katalog, bei dem man gleich sagen könnte, wenn dieses Kriterium erfüllt wird, dann kostet das soundsoviel. Beringmeier: Klar ist, dass wir auf keinen Fall auf die Direktzahlungen verzichten sollten. Unterstützen würde ich eine stärkere Umverteilung in Richtung kleinere Betriebe und Junglandwirte, wie wir sie ansatzweise schon haben. Ansonsten aber: Das Geld da lassen, wo es ist. Eine Bindung an Tierwohlstandards halte ich für falsch. Wenn die Direktzahlungen den Umbau der Tierhaltung finanzieren sollten, dann würde dieses Geld im Ackerbau fehlen. Dort gibt es aber auch eine Menge Auflagen zu erfüllen, vor allem in Richtung Biodiversität usw. Der Umbau der Tierhaltung müsste anders mit Finanzmitteln begleitet werden. Mehr zum Thema: