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Tönnies: Prozess um manipulierte Wiegedaten geht weiter

Landgericht Bielefeld verhandelt weiter den Strafprozess gegen drei ­ehemalige Mitarbeiter der Firma Tönnies: Wie wurden nachts die Gewichte der angelieferten Schweinehälften an der Rohrwaage manipuliert?

Vor der Zerlegung werden angelieferte Schweinehälften im Schlachthof mit einer Rohrwaage gewogen.

Der Prozess wegen gewerbs- und bandenmäßigem Betrug gegen drei ehemalige Mitarbeiter der Firma Tönnies vor dem Landgericht Bielefeld zieht sich in die Länge. Am vierten Prozesstag schilderten zwei Zeugen, wie der Schwindel auf dem Schlachthof in Rheda aufgedeckt wurde und wie die Angeklagten bei der Warenannahme die Gewichte an der Rohrwaage manipuliert haben.

Ein anonymer Anrufer

Dr. Andre V., 34, ist seit 2015 Unternehmenssprecher bei Tönnies. Am 29. April 2018 meldete sich ein anonymer Anrufer bei ihm. Vater C. und sein Sohn Gabriel (einer der drei Angeklagten) würden geliefertes Fleisch aus Polen bei Tönnies als verdorben umdeklarieren. Anschließend sei das Fleisch auf dem Schwarzmarkt für 1,2 Mio. € verkauft worden, so der Anrufer. Als Gegenleistung hätten Vater und Sohn C. Geld in Hannover ­erhalten.

Andre V. wollte am Telefon Näheres wissen. Doch der Anrufer wies nur noch darauf hin, dass Familie C. in Gütersloh eine Gaststätte erworben und sich luxuriöse Autos angeschafft habe. Bei dem Anrufer könnte es sich um ein Familienmitglied der Cs. gehandelt haben, vermutet der Zeuge. „Vielleicht war da ja auch Neid im Spiel.“

Nach dem Anruf informierte der Pressesprecher seinen Kollegen ­Joachim K. Der 36-Jährige ist für die Produktionsabläufe im Schlachthof zuständig. Nach Beratungen entschieden sich die in leitender Funktion tätigen Mitarbeiter, zunächst nicht die Polizei einzuschalten, „sondern wir wollten aus Eigeninteresse erfahren, ob die Vorwürfe des Anrufers zutreffen.“

Viele Daten geprüft

Der Verdacht, geliefertes Fleisch aus Polen sei bei Tönnies umdeklariert und auf dem Schwarzmarkt verscherbelt worden, bestätigte sich laut Joachim K. nicht. Doch der Produktionsleiter ließ die Daten aller Wareneingänge, Warenausgänge und die Wiegegewichte der Schlachtkörper der letzten drei Jahre von IT-Experten überprüfen. „An den Exceltabellen konnten wir erkennen, dass die Gewichte an der Rohrwaage von bestimmten Personen nachts per Hand verändert worden waren.“ Kurz, Tönnies hatte Fleisch bezahlt, das nicht angeliefert worden war.

Doch erst im Januar 2019 schnappte die Falle nachts zu; die Tönnies- Mitarbeiter konnten die unter Verdacht stehenden Arbeiter dabei ­beobachten, wie sie bei der Waren­annahme an der Rohrwaage die vom Computer ausgespuckten Daten per Hand veränderten.

Noch in der Nacht wurden die drei Arbeiter von Führungskräften des Unternehmens offensichtlich in die Mangel genommen. Warum wohl möchte der Hausanwalt von Tönnies, Dr. Z., vor dem Land­gericht nicht aussagen? Er macht von seinem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch.

Die Manipulationen an der Waage haben laut Joachim K. nach Mitternacht stattgefunden. Lieferanten waren Unternehmen aus Polen. Im Schnitt fehlten 2 bis 3 t Fleisch je Ladung. Staatsanwalt Kutkuhn glaubt, den Tätern bis zu 1800 Einzeltaten nachweisen zu können.

Für Tönnies ist ein Schaden von rund 4 Mio. € entstanden. Laut ­Joachim K. kann es ähnliche Manipulationen an der Waage in Zukunft im Schlachthof nicht mehr geben. „Wir lassen jetzt täglich ­einen Rapport erstellen. Daran können wir erhebliche Gewichtsdifferenzen sofort erkennen.“

Urteil bis Ende Dezember?

Richter Kleine möchte die Beweis­erhebung bis Ende November abschließen und danach das Urteil fällen. Die Anwältin eines der Angeklagten bezweifelt, dass allein die drei Mitarbeiter die Wiegedaten manipuliert haben. Es könnte weitere Nebentäter geben, denn insgesamt seien bis zu 20 Beschäftigte an der Warenannahme im Drei-Schicht-Betrieb tätig. Laut Joachim K. gibt es bis zu 200 Videokameras im Rhedaer Schlachthof. Die Anwältin fordert, zunächst die Videoaufzeichnungen auszuwerten (Az. 9 KLs 9/19).

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