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Technik und neue Energie

Strom speichern mit Solar-Clouds?

Solar-Clouds sollen Solarstrom für die Nacht und den Winter speichern. So können Besitzer von Photovoltaik-Anlagen stromautark werden, versprechen die Anbieter. Tatsächlich handelt es sich aber nur um ein Tarifmodell.

Viele reizt der Gedanke, eigenen überschüssigen Solarstrom in einer Cloud (englisch Wolke) so lange zu speichern, bis ihre PV-Anlage bei schlechtem Wetter, nachts oder im Winter nicht genügend Strom für den Eigengebrauch liefert.

Unabhängigkeit vom Stromversorger 100 % Autarkie – auch im Winter. Zu jeder Tages- und Nachtzeit Strom nutzen, der ökologisch und nachhaltig selbst erzeugt vom eigenen Dach stammt. Hört sich gut an, oder? Allein mit einer Photovoltaik (PV)-Anlage und selbst mit einem Batteriespeicher ist das jedoch nicht möglich.

Guthabenkonto für Strom

Möglich machen sollen das jedoch sogenannte Solar-Clouds (Cloud, englisch für Wolke). Wie diese Art der Stromspeicherung funktioniert, beschreiben die Anbieter in etwa folgendermaßen: Überschüssiger Strom fließt wie eine Art Guthaben in die Solar-Cloud und steht dort so lange zur Verfügung, bis die aktuelle Solarstromerzeugung und/oder der Batteriespeicher den Strombedarf des Nutzers nicht mehr decken können. Das kann zum Beispiel nachts oder im Winter der Fall sein. Nutzer würden so ihr persönliches „Stromguthaben“ ansparen, anstatt nicht verbrauchten Solarstrom ins Netz einzuspeisen.

Thomas Seltmann, Referent für Photovoltaik bei der Verbraucherzentrale NRW.
„Mit der Werbung für einen Cloud-Tarif sprechen die Anbieter das Bauchgefühl ihrer Kunden an. Sie machen aus dem austauschbaren Produkt Strom ein emotionales Produkt“, sagt Thomas Seltmann von der Verbraucherzentrale Düsseldorf. Seit rund 30 Jahren befasst er sich mit allen Fragen rund um die Photovoltaik.

Begriff aus der IT-Branche

Technisch beschreibt die „Speicherung“ in der Cloud keine Speicherung, sondern lediglich die Einspeisung von Überschussstrom ins Netz und den späteren Bezug von Strom aus dem Netz. „Cloud“ ist ein Begriff, den die Anbieter bewusst aus der IT-Branche entliehen haben. Hier beschreibt eine Cloud einen tatsächlich existierenden externen ­Speicher. „Einen tatsächlich existierenden Speicher für den Cloud-­Solarstrom gibt es jedoch nicht“, sagt Seltmann.

Ob sich der Abschluss eines Cloud-Tarifes rechnet, hängt von vielen Faktoren ab. Dazu gehören:

  • die Vertragsbedingungen,
  • die persönlichen Gegeben­hei-ten,
  • die Höhe des Strombezugs aus dem Netz und
  • die Höhe des jährlichen Einspeiseüberschusses.

„Welcher Vertrag von welchem Anbieter zu wem passt, ist leider nur sehr schwer bis unmöglich zu beantworten“, sagt Seltmann. Die verschiedenen Anbieter haben jeweils eigene, sehr komplexe Tarifstrukturen. Ein Vergleich ist aufwendig. Zudem sind Cloud-Tarife in den meisten Fällen an den Kauf eines Batteriespeichers, einer PV-Anlage bzw. der Kombination aus Speicher und PV-Anlage gebunden. Nur einzelne Anbieter haben auch Angebote für Bestands-­PV-Anla-gen im Programm.

Den Verträgen gemein ist meist eine relativ hohe monatliche Pauschale. Wie eingespeister Strom vergütet und bezogener Strom abgerechnet wird, geht weit auseinander.

Und es gibt weitere Haken und Ösen: Manchmal müssen Betreiber in eine Technik investieren, durch die die Erfassung der eingespeisten und verbrauchten Strommengen erst möglich wird. Dadurch entstehen Zusatzkosten. Zusätzlicher Strombezug kann in Folgejahren zu steigenden monatlichen Pauschalen führen. Ebenso ist es möglich, dass eingespeiste, aber nicht abgerufenen Strommengen einfach verfallen.

Eigene Speicher oft zu teuer

Verbraucher, sagt Seltmann, sollten gut überlegen, bevor sie sich für einen Cloud-Tarif entscheiden. Häufig nutzen Anbieter den Tarif, um Argumente für den Verkauf eines Batteriespeichers zu liefern. „Anbieter bauen eine positive Geschichte um Speicher und Cloud-Tarif. Verbraucher bekommen den Eindruck, dass sie etwas für sich tun, für die Umwelt und für die Energiewirtschaft“, urteilt der Experte. Tatsächlich ist die Anschaffung eines eigenen Batteriespeichers aber nicht immer vorteilhaft.

Zu bedenken ist, dass das Speichern nicht effizient ist. Es geht immer Energie verloren. Viele Anbieter reden das Speichern schön. „Sie gehen davon aus, dass der Speicher 20 Jahre hält. Das ist unrealistisch. Spätestens nach 10 bis 15 Jahren endet die Lebensdauer von Lithium-Akkus“, sagt Seltmann.

Weiter rechnen viele Anbieter mit Strompreissteigerungen von 3 bis 7 % pro Jahr. „Aber in den vergangenen fünf Jahren haben sich die durchschnittlichen Strompreise für Haushalte praktisch nicht erhöht und zurzeit gibt es auch keine Tendenz für Preisanstiege“, sagt Seltmann. Sein Fazit: Die Anschaffung eines eigenen Batteriespeichers lohnt zumindest für Privathaushalte meist nicht.

Und noch eins: „Ökostromtarife sind oft günstiger als Cloud-Tarife. Weniger komplex und durchschaubarer sind sie allemal“, meint Seltmann. Und physikalisch besteht ja ohnehin kein ­Unterschied zwischen Cloud-Tarif und Einspeisung/Ökostrom-­Bezug.

Das Fazit ist ernüchternd

Bis auf wenige Einzelfälle kann Seltmann Cloud-Tarife nicht empfehlen. Wer eine Photovoltaik-Anlage auf sein Eigenheim setzen möchte, sollte gut prüfen, welche Größe er wählt und ob der zusätzliche Kauf eines Batteriespeichers tatsächlich Sinn macht. Ökologisch und wirtschaftlich kann es viel sinnvoller sein, die Größe der PV-Anlage nicht am Eigenverbrauch zu orientieren, sondern die Dachfläche vollständig auszunutzen.

Wenn jemand einen Batteriespeicher kaufen möchte, sollte er zunächst den passenden Speicher auswählen und dann schauen, ob es einen günstigen Cloud-Tarif dazu gibt. „Und bedenken Sie immer: Ihr Strom landet in keinem Speicher. Er wird sofort an anderer Stelle verbraucht“, sagt Seltmann. Zurückgeliefert bekommen Nutzer eines Cloud-Tarifs immer den Strom, der gerade im Netz ist. Je nach Anbieter muss das noch nicht einmal Ökostrom sein.

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