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Gastbeitrag von Jörg Schönenborn

Raus aus den Blasen!

Voreingenommene Journalisten auf der einen, verschlossene Landwirte auf der anderen Seite? Für guten Journalismus müssen wir raus aus den Wohlfühlblasen, fordert Jörg Schönenborn.

Ebenso wie ein meist städtisches Umfeld die Sichtweise von Journalisten beeinflusst, prägen sogenannte Filterblasen auch den Blick der Landwirte auf viele Themen.

Die meisten Landwirte können dem Klimawandel wahrscheinlich eher nicht sehr viel abgewinnen. Aber zumindest eines verdanken sie ihm: überwiegend positive öffentliche Aufmerksamkeit, viel Sympathie und Mitgefühl in diesem besonderen letzten Jahr der Hitze und Dürre. 2018 haben die Medien über die Situation der Landwirte umfangreich berichtet. Vielen unserer Zuschauer ist erst durch die Berichterstattung in den WDR-Lokalzeiten, aber auch den regionalen und bundesweiten Programmen deutlich geworden, mit welchen Problemen und teilweise auch finanziellen Sorgen Bauern zu kämpfen haben.

Zu erfahren, was Landwirten unter den Nägeln brennt, ist mir außerordentlich wichtig. Deswegen bin ich vor einiger Zeit in meiner Funktion als Fernsehdirektor durch NRW gereist und habe „Publikumsgespräche“ geführt. Dabei bin ich ganz bewusst in ländlichen Regionen unterwegs gewesen, weil es uns ein zentrales Anliegen ist, das Land im Ganzen abzubilden. Schließlich lebt die Hälfte der Nordrhein-Westfalen in kleineren Städten oder auf dem Land. Tatsache ist, dass Journalisten oft in den größeren Städten, den Ballungsräumen, leben und dass sie deshalb auf bestimmte Themen eine andere Sicht haben als viele Menschen, die auf dem Land wohnen.


Jörg Schönenborn ist Journalist, Moderator und WDR-Programmdirektor für Information, Fiktion und Unterhaltung. Bekannt wurde er vor allem als Moderator von Wahlsendungen im Ersten sowie vom „ARD Brennpunkt“ und vom „Presseclub“. Der Diskussion mit Landwirten hat er sich unter anderen beim diesjährigen Kreisverbandstag im Kreis Warendorf gestellt (Wochenblatt-Folge 5). Schönenborn studierte Journalistik und Politik.

An den Pranger gestellt

Eine dieser Veranstaltungen, mit einem Publikum, das zu einem großen Teil aus Landwirten bestand, ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Dort kritisierte eine Zuschauerin, dass die Medien oftmals den Eindruck vermittelten, Landwirte würden den ganzen Tag nur Tiere quälen und Felder verseuchen: „In Ihrer Welt gibt es nur bio“, sagte sie. Ich hatte das Gefühl, dass sie mit ihren Worten den Nagel auf den Kopf getroffen hat. Der Eindruck spiegelt ja auch die wiederkehrende Klage des Deutschen Bauernverbandes wider, der die Landwirte häufig „an den Pranger gestellt“ sieht und beklagt, dass die Landwirtschaft für vieles verantwortlich gemacht werde, ohne dass die Fakten nachgeprüft würden. Wenn über Landwirtschaft im Fernsehen berichtet werde, dannüberwiegend mit Negativ­meldungen, mit Skanda­lisierungen. Zudem kämen als Gesprächspartner fast ausschließlich Agrar- Kritiker zu Wort. Auch, weil viele Journalisten ein aus­gesprochen einseitiges Bild von Landwirtschaft hätten.

Guter Journalismus ist wie ein Nervensystem unserer Gesellschaft.“ (Jörg Schönenborn)

Nun gehört es zu unserem Selbstverständnis im WDR, unsere Arbeit immer wieder zu reflektieren. Unser Anspruch muss es sein, unvoreingenommen zu berichten und zwischen Bericht und Kommentierung sehr genau zu unterscheiden. Mangelt es unserer Berichterstattung über landwirtschaftliche Themen an Unvoreingenommenheit und Fairness? In den Redaktionen gibt es, wie in der Gesellschaft, eine Vielzahl von Meinungen, was per se gut ist. Genau das hilft uns dabei, uns auseinanderzusetzen und Themen von vielen Standpunkten aus zu beleuchten. Wir wollen Mei­nungs-Plura­lität in unserem Sender, das ist aus meiner Sicht genau das Gegenteil von Einseitigkeit.

Leben in der Filterblase

Das Problem ist aber, dass auch Journalisten manchmal in einer Blase leben und es selbst gar nicht wahrnehmen. Ich halte die Analyse für zutreffend, dass wir Journalisten Teil einer soziologischen Gruppe sind, die glaubt, ein normales Leben zu führen, tatsächlich aber deutliche kulturelle Unterschiede zur Bevölkerungsmehrheit aufweist. Das hat sich über die Jahre so entwickelt, weil Journalisten heute in aller Regel studiert und sehr ähnliche Bildungs- und Lebenswege haben. Merkmale können sein, dass wir überwiegend in großen Städten wohnen, dass wir unseren Lebensstil zu individualisieren versuchen, was das Wohnen, das Reisen, die Ernährung betrifft. Meistens bleiben wir untereinander, sind verheiratet oder befreundet mit Menschen, die denselben sozialen Hintergrund teilen, und sind oftmals auf dieselben Schulen und Universitäten gegangen. Deshalb leben wir in der Il­lusion, unsere Haltungen und Werte seien die Norm, würden mehrheitlich akzeptiert oder seien doch zumindest der kommende Trend, der sich bald durchsetzen wird.

Journalisten wirken manchmal wie eine geschlossene homogene Community, die – so die Kritik – keinen Weg aus der Filterblase findet. Wenn das aber der Fall wäre, wie sollten dann Journalisten all den anderen außerhalb der eigenen Community eine Stimme geben? Denn das ist ja der Auftrag, den sie haben.

Voreingenommene Berichte?

Natürlich bin ich davon überzeugt, dass viele Journalisten genau deshalb Journalist geworden sind, weil sie neugierig auf neue Perspektiven sind und bewusst über den Tellerrand schauen wollen. Weil sie Menschen zu Wort kommen lassen möchten, die sonst nicht gehört werden, weil sie die Lebensumstände von Menschen verbessern wollen. Die Frage ist nur: Wie neutral können engagierte Journalisten sein? Wie ehrlich sind Journalisten, wenn sie über Themen aus der Landwirtschaft berichten? Ich fürchte, dass viele, auch wir Journalisten des WDR, ein bestimmtes Bild einer Landwirtschaft haben, das wir glorifizieren (den Ökolandbau auf kleinen Höfen) und ein anderes (die Agrarindustrie), das wir ablehnen. Die Kritik daran, dass wir nicht immer unvoreingenommen berichteten, kann ich in Teilen nachvollziehen.

Der Diskussion stellen

Tatsache ist aber auch: Guter Journalismus ist wie ein Nervensystem unserer Gesellschaft. Er spürt Entwicklungen auf, gute und schlechte, beschreibt, diskutiert und bewertet sie. Von uns Journalisten wird dabei die Offenlegung und Transparenz unserer Recherche­arbeit erwartet. Jede Aussage muss nachvollziehbar begründet und belegt werden. Wir müssen uns der öffentlichen Diskussion stellen. Das wird allerdings auch von den Landwirten erwartet. Kritiker sprechen von den „gesellschaftlichen Nebenkosten der modernen Landwirtschaft“, von Problemen, die durch intensiven Ackerbau und Massentierhaltung entstehen. Die Bauern müssen sich mit Themen wie dem Bienen- und Vogelsterben, Nitraten im Trinkwasser oder Pestizidresten in Lebensmitteln auseinandersetzen. Schließlich hängen Ernährungssicherheit und Gesundheit der Bevölkerung in ganz besonderem Maße von der Landwirtschaft ab.

Die Kritik daran, dass wir nicht immer unvoreingenommen berichteten, kann ich in Teilen nach­vollziehen.“ (Jörg Schönenborn)

Deshalb muss klar sein: Zur Aufgabe der öffentlich-rechtlichen Medien gehört es, Probleme zu benennen und hartnäckig Missstände in den Blick zu nehmen. Beispiele aus dem letzten Jahr in NRW waren Berichte über die geforderte Videoüberwachung von Schlachthöfen oder über PCB-belastetes Futter. Guter Journalismus muss immer das Ziel haben, falsche Informationen aufzudecken und Inhalte auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Damit muss jeder, der in der Öffentlichkeit steht, umgehen und dies auch als Chance der Darstellung der eigenen Anliegen betrachten. Wer eine Botschaft hat und mit dieser Gehör finden möchte, kann jederzeit selbst aktiv werden und auf uns zukommen. Denn Landwirte bestimmen die Berichterstattung mit der Entscheidung ganz maßgeblich mit, sich als Gesprächspartner zur Verfügung zu stellen oder das nicht zu tun. Reportagen leben vom Blick hinter die Kulissen und deshalb benötigen wir Interviewpartner, die aus eigenem Erleben berichten können. Gerade in unseren WDR- Lokalzeiten sind viele landwirtschaftliche Themen zu finden, für die sich Gesprächspartner bereit erklärt haben, mitzumachen. Anders ist es, wenn Themen Landwirten nachteilig erscheinen. Dann haben unsere Autoren manchmal wenige Chancen, Zugang zu bekommen und auf Höfen zu drehen.

Nicht nur Opfer

Es gibt viele Diskussionen, die wir dringend führen müssen. So lautet ein Vorwurf, die Landwirtschaft sei keineswegs nur Opfer des Klimawandels, sondern zugleich Teil des Problems. Laut Umweltbundesamt verursacht sie rund 8 % der deutschen Treibhausgasemissionen, sie trage „maßgeblich“ zum Ausstoß klimaschädlicher Gase bei. Eine sachgerechte Diskussion wäre hier wünschenswert. Auch über die Frage: Welche Landwirtschaft ist zukunftsfähig? 6,5 Mrd. € EU-Agrarsubventionen wurden 2017 in Deutschland ausgezahlt. Mit dem derzeitigen Subventionssystem wird vor allem die Flächenzahl honoriert. Ist das sinnvoll? Wohin soll sich die Landwirtschaft entwickeln? 2017 betrug der Anteil der ökologisch bewirtschafteten Fläche an der gesamten landwirtschaftlich genutzten Fläche 8,2 %. Das 20%-Ziel der Bundesregierung ist damit in weiter Ferne. Wie wird diese Entwicklung unter den Landwirten diskutiert?

Verzerrte Öffentlichkeit

Eine offene Gesellschaft braucht Meinungsvielfalt und -austausch. Was aber passiert, wenn es zwar viele Meinungen gibt, diese aber nicht mehr ausdiskutiert werden? Die sozialen Medien sind Teil unserer medialen Öffentlichkeit. Durch die digitalen Plattformen und die sozialen Netzwerke haben wir aber viele eigene abgespaltene Öffentlichkeiten, in denen sich Verdrehungen und Übertreibungen ungestört von Argumenten verbreiten können. In diesen Zeiten der „Echokammern“ ist es deshalb besonders wichtig, gemeinsam den öffentlichen Diskurs zu führen.

Es ist leicht, ihn anderen zu überlassen und auf dem Sofa zuzugucken. Sich über Talksendungen aufzuregen, weil die eigene Position, die doch so einleuchtend ist, nicht vorkommt, ist Volkssport. Ohne starke Medien, die professionellen Standards gehorchen und deren Arbeit transparent ist, wird unsere Gesellschaft als solche nicht mehr existieren können. Das breite Medienangebot hat möglich gemacht, dass hierzulande Konflikte öffentlich ausgetragen und in wichtigen Fragen Kompromisse gesucht werden. Das führt dazu, dass sozialer Ausgleich besser funktioniert als in vielen anderen Ländern. Deswegen ist es so wichtig, dass der vernünftige Teil unserer Gesellschaft nicht auf die Teilnahme am Diskurs verzichtet und wir gemeinsam an einem Strang ziehen!

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