Nutztierhaltung: Ethikrat fordert grundsätzliches Umsteuern

Der Deutsche Ethikrat findet klare Worte: Bei Zucht, Haltung, Transport und Schlachtung von Nutztieren gebe es gravierende Defizite. Nötig sei ein grundsätzliches Umsteuern in der Nutztierhaltung.

Der Deutsche Ethikrat hat Eckpunkte für eine ethisch verantwortliche Nutztierhaltung veröffentlicht. In der gestern (16. Juni) in Berlin vorgestellten rund 50-seitigen Stellungnahme mit dem Titel „Tierwohlachtung - Zum verantwortlichen Umgang mit Nutztieren“ betonen die Wissenschaftler den Eigenwert der Tiere und deren besondere Schutzwürdigkeit. Die sich daraus ergebenden Grenzen der menschlichen Nutzungsinteressen würden „regelhaft“ überschritten.

Die Stellungnahme des Ethikrates finden Sie hier.

"Gravierende Defizite"

Prof. Sigrid Graumann von der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe verwies in der Bundespressekonferenz auf zum Teil gravierende Defizite in Zucht und Haltung sowie beim Transport und der Schlachtung von Nutztieren. Als Beispiele für ethisch nicht vertretbare Ausprägungen nannte sie die Kastenstandhaltung von Sauen, die Haltung von Rindern auf Spaltenböden und die Tötung männlicher Eintagsküken.

Graumann betonte die Notwendigkeit eines „grundsätzlichen Umdenkens“ in der landwirtschaftlichen Tierhaltung. Dies gehe einher mit einer Reduzierung der Zahl der gehaltenen Tiere sowie höheren Kosten. Diese dürften jedoch nicht einseitig den Produzenten aufgebürdet werden. Die Wissenschaftlerin nannte eine Unterstützung der Landwirte für die notwendige Neuausrichtung selbstverständlich und sprach von einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe.

Änderungen im System oder Systemänderung?

Für den Sprecher der Arbeitsgruppe Tierethik, den Gießener Rechtswissenschaftler Prof. Steffen Augsberg, sind die Empfehlungen der Borchert-Kommission zum Umbau der Tierhaltung in Deutschland „ein Schritt in die richtige Richtung“.

Während die Kommission jedoch Änderungen im bestehenden System vorschlage, stelle der Ethikrat dessen Ausgestaltung grundsätzlich in Frage. Viele Zielkonflikte seien aus seiner Sicht in erster Linie dadurch zu lösen, „dass weniger Tiere besser behandelt werden“. „Eine ethisch vertretbare Nutztierhaltung ist in erster Linie eine Frage verantwortlicher Regulierung“, heißt es dazu in der Stellungnahme.

Opposition sieht sich bestätigt

Grüne und Linke haben die Stellungnahme des Ethikrats zur landwirtschaftlichen Tierhaltung als Bestätigung ihrer seit langem geäußerten Kritik gewertet. „Der Ethikrat betont eine regelhafte Verletzung des Tierwohls und beklagt eine zu starke Profitorientierung der Tiertierhaltung“, erklärte der agrarpolitische Sprecher der grünen Bundestagsfraktion, Friedrich Ostendorff. Für Linken-Agrarsprecherin Dr. Kirsten Tackmann zeigt die Stellungnahme, „wie tief die Tierhaltung durch eine konzernfreundliche Agrarpolitik in eine Sackgasse manövriert wurde“.

Laut Ostendorff steht die Tierhaltung insgesamt am Scheideweg und muss sich in der Breite verbessern. Die Diskussion dazu werde politisch endlich nach vorn gerichtet geführt. „Wenn öffentliche Gelder in die Tierhaltung fließen, muss mit der Verwendung dieser Gelder eine deutliche Verbesserung für die Tiere einhergehen“, mahnte der Grünen-Politiker. Die Verantwortung habe die Politik in der Vergangenheit gerne an die Konsumenten abgegeben. Es sei jedoch klare Aufgabe der Politik, Leitplanken für bessere Bedingungen in der Tierhaltung zu setzen.

Für Tackmann enthält die Stellungnahme des Ethikrats deutliche Hinweise auf die Versäumnisse und Hausaufgaben. Ohne verantwortliche Regulierung bleibe die Forderung nach mehr Tierwohl „eine wertlose Phrase“. Ihrer Auffassung nach widerspricht die anhaltende Duldung tierschutzwidriger Zustände der Achtung des Tierwohls. Zudem führe ungenaue Rechtsetzung zur Verlagerung in schwer kontrollierbare Bereiche. Allerdings seien das nur Symptome eines falschen Systems, das Gewinne für Verarbeitungs- und Lebensmittelkonzerne auf Kosten der Tiere und der Tierhaltenden sichere.

„Gebraucht wird eine strategische Neuausrichtung zur Sicherung der Tierhaltung“, betonte die Abgeordnete der Linksfraktion. Die Bundesregierung müsse endlich durch klare Regeln Planungssicherheit herstellen. Bei den anstehenden Entscheidungen werde diese an den Taten, nicht an den Worten gemessen.

"Ethisch mindestens fragwürdig"

Der Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, Thomas Schröder, versteht die Stellungnahme des Ethikrats als klaren Handlungsauftrag an die Bundesregierung, endlich tiefgreifende Reformen in der Tierhaltung einzuleiten. Der rein ökonomische Blick und die damit verbundenen intensiven Haltungssysteme seien „ethisch mindestens fragwürdig und nicht mehr tolerierbar.“

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