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Kastration: Wer steht auf der Bremse?

Ebermast, Impfung oder Isofluran: Aldi und Rewe geben vor, alle Kastrationsalternativen zu akzeptieren. Woran liegt es dann, dass Schlachter und Fleischverarbeiter sich weiter skeptisch verhalten?

Die Impfung gegen Ebergeruch wird von vielen Tierschutzorganisationen und weiteren Akteuren als schonendste Methode favorisiert. In der Branche herrscht jedoch Skepsis.

In puncto Kastration brauchen die Ferkelerzeuger endlich klare Signale, welchen Weg sie einschlagen sollen. Doch statt grüner Ampeln scheinen überall Stoppschilder zu stehen. Um herauszufinden, an welchen Stellen es hakt, haben die Fachzeitschriften top agrar und SUS, der Bundesverband Rind und Schwein (BRS) sowie das Agrar- und Ernährungsforum Oldenburger Münsterland (aef) verschiedene Vertreter der Wertschöpfungskette Schweinefleisch zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Die Veranstaltung fand vergangene Woche im niedersächsischen Verden an der Aller statt.

Alle Methoden akzeptiert

„Wir akzeptieren alle Kastrationsalternativen!“ Mit dieser Aussage setzten Nina Blankenhagen von Rewe und Maxi Thinius von Aldi Nord gleich zu Beginn ein klares Statement.

Der Branchenriese Aldi handelt seit 2017 – mit Ausnahme der Bioware – kein Schweine frischfleischmehr von kastrierten Tieren. Dabeiüberwiegt derzeit noch der Anteil weiblicher Schweine, wie Thinius einräumte. Auch für die Verarbeitungsware akzeptiere der Discounter Fleisch von Ebern und geimpften Schweinen. „Jedenfalls dort, wo dies ohne Qualitätseinbußen möglich ist“, schränkte die Aldi-Managerin ein.

Auch Rewe bekennt sich zu allen gesetzlich erlaubten Verfahren. „Die Impfung gegen Ebergeruch ist aus unserer Sicht die schonendste Alternative“, unterstrich Blankenhagen vor den rund 200 Anwesenden. Dabei sei es jedoch schwer, überhaupt an entsprechendes Fleisch zu kommen. Wie die Bereichsleiterin für Nachhaltigkeit erklärte, führt Rewe daher Projekte zum Thema „Anti-Geruchsimpfung“ durch. Ziel sei es jedoch, aus dem Projektcharakter herauszukommen. Rewe will ohne Einschränkungen Fleisch von geimpften Ebern abnehmen.

Angst vor Negativ-Schlagzeilen hat Blankenhagen nicht. Der einzige Skandal, der je den Konsum nennenswert gestört habe, sei die BSE-Krise gewesen. Ihre Kollegin von Aldi pflichtete ihr bei: „Die Verbraucherresonanz ist gering. In den letzten drei Jahren gab es nur eine Anfrage, ob Aldi Fleisch von geimpften Ebern verkauft.“ Für Maxi Thinius ist das Thema Kastrationsalternativen daher eher auf NGO- und Lieferanten-Ebene anzusiedeln. Zustimmung erhielten die Vertreterinnen des Lebensmitteleinzelhandels (LEH) auch von Dr. Miriam Goldschalt vom Deutschen Tierschutzbund. „Der Verbraucher will gar nicht wissen, ob er gerade Fleisch von Sauen, Ebern oder geimpften Tieren kauft.“

Verarbeiter nicht vergessen

Bedenken äußerten die Vertreter der Schlachtindustrie. Dr. Stephan Kruse, Konzeptmanager Landwirtschaft bei Vion, wandte ein: „Wir müssen auch die Wünsche der Verarbeitung und der Exportmärkte berücksichtigen. Nicht alle unsere nationalen und internationalen Kunden akzeptieren alle Kastrationsalternativen.“ Er erinnerte daran,dass von den 5,5 Mio. t Schweinefleisch, die in Deutschland produziert werden, nur ein Drittel an den LEH geht – direkt oder als verarbeitete Produkte. Rund 40% werden exportiert. Und etwa 10% des Schweinefleischesnehmen Gastronomie, Gemeinschaftsverpflegung, Systemgastronomie, Fleischerhandwerk und Großverbraucher ab.

Heribert Qualbrink, Einkaufsleiter bei Westfleisch, argumentierte ähnlich: In den Läden liegen nicht nur Frischfleisch und Fleisch der Eigenmarken,sondern auch 30% Verarbeitungsware. Dahinter stecken 450 Firmen der deutschen Fleischwarenindustrie, die unterschiedliche Anforderungen an die Schlachter stellen. „Dabei unterliegen sie – anders als Rewe und Aldi – keiner Selbstverpflichtung zu mehr Tierwohl“, stellte er klar. Das wollte Nina Blankenhagen von Rewe genauer wissen. „Nennen Sie mir Ross und Reiter“, forderte sie die Schlachter auf, konkret Hersteller von Fleischwaren zu benennen, die Eber und geimpfte Tiere ablehnen. Sie signalisierte Bereitschaft, selbst in Gespräche mit ihren Lieferanten einzusteigen.

Dem schloss sich Sauenhalter Dietrich Pritschau an. Seit Monaten wirbt er in der Branche für das 100 000-Improvac-Eber-Projekt, das nicht richtig in Fahrt kommen will. „Wir brauchen Namen, wo wir vorsprechen dürfen und Überzeugungsarbeit leisten können“, beharrte der Schleswig-Holsteiner. Er schlug vor, eine Positivliste zu erstellen mit Unternehmen, die schon heute alle Kastrationsalternativen akzeptieren.

„Bei Westfleisch hat jeder dritte Vertragsbetrieb die Kastration heute schon eingestellt“, betonte Heribert Qualbrink. Diese Quote werde das Schlachtunternehmen auch in Zukunft halten können. Es gebe aber auch Grenzen, weil sich Eberfleisch zum Beispiel nicht für die Schinkenproduktion eigne. „ In bestimmten Bereichen werden wir um die betäubte Kastration nicht herumkommen“, so Qualbrink.

Diese Einschätzung teilten Dr. Gerald Otto von Böseler Goldschmaus und Konrad Ammon vom Deutschen Fleischerverband. Um die Genussqualität nicht zu gefährden,werde definitiv auch in Zukunft Fleisch von Kastraten gebraucht. Konkrete Marktanteile zu nennen, traute sich aber keiner der Diskutanten.

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