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Die Hähnchenwende

Hähnchenmast in den Niederlanden

Ein Drittel des in den Niederlanden erzeugten Hähnchenfleisches wird frisch vermarktet. Im Einzelhandel gibt es nur noch Fleisch von Tieren, die mit mehr Tierwohl aufwuchsen. Diese Umstellung erfolgte innerhalb von zwei Jahren.

Auch in Deutschland werden Hähnchen für den niederländischen Einzelhandel aufgezogen. Die Tiere wachsen langsamer, haben mehr Platz zur Verfügung und profitieren von Beschäftigungselementen. Für die Bewertung mit einem Stern des Siegels „Beter Leven“ ist auch ein Außenklimabereich Pflicht.

Die Hähnchenerzeugung in den Niederlanden ist mit etwa 60 % sehr exportorientiert. 30 % des Fleisches aber gehen frisch über die Ladentheke. Bei diesem Angebot im Einzelhandel hat es in den Jahren 2014/15 eine Kehrtwende gegeben. Statt konventioneller Ware wird seitdem nur noch Fleisch von Hähnchen angeboten, die unter erhöhten Tierwohlstandards aufgezogen wurden. Die treibende Kraft dahinter waren Tierschutzorganisationen. Helmut Saatkamp von der ­Business Economics Group an der Universität Wageningen hat mit seinen Kollegen untersucht, wie dieser Wandel gelungen ist.

Erste Ansätze scheitern

Begonnen hatte alles mit der Kritik an der Käfighaltung von Legehennen. Dann forcierten gravierende Seuchenzüge bei Rindern, Schweinen und Geflügel die Debatte um die Tierhaltung. 2006 zog die Tierpartei in das niederländische Parlament ein und insgesamt nahm das Bewusstsein in der Bevölkerung über das Tierwohl immer mehr zu. 2008 wurde das „Volwaard-Konzept“ mit robusteren und langsamer wachsenden Hähnchen in den Niederlanden etabliert. Es existiert bis heute und rangiert im mittleren Marktsegment. Die Tierschutzorganisation „Dierenbescherming“, die mit dem Deutschen Tierschutzbund vergleichbar ist, entwickelte eine Bewertungsskala mit ein bis drei Sternen. Das Volwaard-Konzept wurde mit einem Stern ausgezeichnet. Diese Bewertung ist heute die Grundlage des Labels „Beter Leven“ (besseres Leben).

Der Erfolg des Labels war mäßig. Dies wird vor allem darauf zurückgeführt, dass gleichzeitig noch günstigeres, konventionell erzeugtes Hähnchenfleisch im Handel erhältlich war.

Mit einer im Jahr 2011 in Den Bosch geschlossenen Vereinbarung wollten Erzeuger, Dierenbescherming und der Handel mehr Tierwohl auf den Weg bringen. Den Bosch wurde deshalb gewählt, weil in dieser Region von Noord-Brabant die höchste Tierdichte der Niederlande herrscht.

Die „plofkip“-Kampagne

Die Tierschutzorganisation „Wakker Dier“ reagierte im Jahr darauf mit einer landesweiten Kampagne und der Einführung des Begriffes „plofkip“, was so viel bedeutet wie explodierendes Hähnchen. Dieser Begriff wurde schnell zu einem Schlagwort für jedermann. 2014 wurde er auch in einem Wörterbuch der Niederlande aufgenommen. Damit fand „plofkip“ sogar Eingang in die Offizialsprache.

Die Medienkampagnen von Wakker Dier drehten sich in den folgenden Jahren stets um diesen Begriff. Hierbei wurden jedoch nicht die Landwirte angegriffen, sondern der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) unter Beschuss genommen. Wer Hähnchen mit mehr Tierwohl anbot, wurde von Wakker Dier öffentlich gelobt. Wer sich dem verweigerte, dem waren Verunglimpfungen sicher. Auch zeigten die Tierschützer mit dem Finger auf Verbraucher, die weiterhin zum Standardprodukt griffen. „Das darfst Du nicht mehr tun“, war die Message in Fernseh- und Radiospots sowie auf Plakaten. Dies war eine Art Katalysator für den Paradigmenwechsel, der daraufhin folgte.

Auf der Suche nach kostengünstigeren Alternativen zum Volwaard-System schlossen Erzeuger, Handel und NGOs 2013 eine erneute Vereinbarung unter dem Titel „Das Huhn von morgen“. Bis zum Jahr 2020 sollten demnach alle im ­Einzelhandel erhältlichen Hähnchen von mehr Tierwohl profitiert haben.

Auch wenn der Wunsch nach mehr Tierwohl bei allen Beteiligten schon lange spürbar gewesen war, so hatte doch jeder auf die Ini­tiative des anderen gewartet. Nun kam in die festgefahrene Situation plötzlich Bewegung, weil der Handel aktiv wurde. Was folgte war eine Aufbruchstimmung.

Eine Vielfalt an Konzepten

Als sich auf die Vereinbarung hin das Kartellamt einschaltete, begann der LEH eigene, unterschiedliche Konzepte auf den Markt zu bringen. Im Mai 2014 fiel bei Albert Heijn, dem größten LEH in den Niederlanden, der Startschuss für das „Holländische Hähnchen“. Albert Heijn bewarb das Fleisch mit einem „viel höheren Tierwohlstandard“. Hiergegen protestierte Wakker Dier bei der Niederländischen Wettbewerbskommission. Diese gilt im Nachbarland als eine Art moralischer Instanz, dem der Handel sich verpflichtet fühlt. Albert Heijn verzichtet fortan darauf, das Produkt entsprechend auszuloben.

Händler Jumbo, der mächtigste Gegenspieler Albert Heijns, brachte im Herbst gleichen Jahres das „Neue Standard Hähnchen“ in die Regale. Wakker Dier feierte dies als Durchbruch. Die Aufzuchtbedingungen lagen nahe der 1-Sterne-Bewertung des Labels „Beter ­Leven“.

Bei Albert Heijn überarbeitete man das Konzept daraufhin erneut. 2015 folgten weitere Händler dieser Initiative mit jeweils eigenen Konzepten und Marken.

Höherwertiger Standard

Für alle gilt: Seit der Markteinführung höherwertiger Produkte gibt es im LEH kein Fleisch von Hähnchen mehr zu kaufen, die lediglich nach den gesetzlichen Mindestanforderungen aufgezogen wurden. Auch Ware ohne Stern ist unter höheren Tierwohlstandards erzeugt worden als die ehemals konventionelle. Angeboten wird eine unterschiedliche Palette an Fleisch aus Aufzuchten mit Wintergarten, Auslauf oder nach biologischen Richtlinien.

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