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Lebenselixier Milch – gestern, heute und morgen

"Forum Milch NRW" in Werl: Herausforderungen der Milchbranche

Beim 13. „Forum Milch NRW“ der Landesvereinigung der Milchwirtschaft Nordrhein-Westfalen gab es eine interessante Milchverköstigung sowie eine lebhafte Diskussion über verschiedene Milchsorten.

Diskutierten auf dem Podium (v.l.n.r).: Dr. Rudolf Schmidt (LV Milch NRW), Bas de Groot (Milchsommelier), Dr. Heinrich Bottermann (MUNLV), Dr. Mechthild Frentrup (Milchviehhalterin DMK), Matthias Schulze Steinmann (top agrar), Hans Stöcker (LV Milch NRW), Dr. Rupert Ebner (SlowFood Deutschland), Jan Kruise (FrieslandCampina), Wilhelm Brüggemeier (LV Milch NRW).

Es war ein besonderes Erlebnis auf dem „Forum Milch NRW“: Der Niederländer Bas de Groot hatte zwei Gläser Milch in der Hand, schaute sich diese genau an, roch an ihnen, nahm jeweils einen kleinen Schluck Milch, bewegte die Milch mehrmals im Mund hin und hier und schluckte sie irgendwann ganz langsam herunter. Der nach eigenen Angaben weltweit erste Milchsommelier aus Den Haag sagte dann zielsicher, in welchem Glas frische, nicht homogenisierte Milch mit 4,0 % Fett war und in welchem Glas frische, homogenisierte Milch mit 3,5 % Fett. Natürlich stimmte die Antwort. Die 120 Teilnehmer auf der Veranstaltung der Landesvereinigung der Milchwirtschaft Nordrhein-Westfalen in Werl ließen sich anschließend ebenfalls auf das Geschmacksexperiment ein. Die Botschaft von de Groot war klar: „Milch hat viele Farben, Geschmacksrichtungen und Qualitätsabstufungen.“

„08/15 geht auf Kosten der Bauern“

Genau diese Diversifizierung sei eine Chance für die Milchbranche, sagte Dr. Rupert Ebner aus Ingolstadt. „08/15-Produkte gehen dagegen immer auf Kosten der Bauern“, so der Tierarzt und Vorstandsmitglied von SlowFood Deutschland. Die Haltungsform der Kühe, ihr Futter sowie die Verarbeitung der Milch würden den Milchgeschmack deutlich beeinflussen und hätten unterschiedliche Auswirkungen auf Klima und Umwelt.

Ebner plädierte dafür, Futtermittelimporte aufgrund der negativen Auswirkungen auf Umwelt und Klima kritisch zu hinterfragen. Stattdessen wünscht er sich mehr Wertschätzung und Förderung von verschiedenen Milchsorten aus Weidehaltung. Dazu nannte er ein Beispiel aus seiner Kindheit: „Damals war die Sommerbutter gelb und die Winterbutter weiß – das gibt es heute leider nicht mehr.“

Der Tierarzt engagiert sich bei Bündnis 90/Die Grünen und nutzte das Podium für eine Klarstellung: „Bei den Grünen gibt es niemanden, der Milch verdammt!“ Auf die Frage, wie es gelingen kann, dass die Milcherzeuger den höheren Aufwand auch bezahlt bekommen, konnte Ebner kein Patentrezept als Antwort liefern.

„Milch braucht gemeinsame Kommunikation“

Für Jan Kruise lässt sich das nur mit einer ehrlichen und ausgewogenen Kommunikation erreichen. „Und zwar nicht jeder einzelne, sondern die ganze Milchbranche gemeinsam – ohne irgendwelche Wettbewerbsgedanken und proaktiv nach vorne“, sagte der Manager von FrieslandCampina Deutschland. Er sei erschrocken über starke Fragmentierung der Milchbranche, die er aus seinen früheren Berufen in an anderen Branchen nicht kenne.

Kruise regte an, den Markt stärker aus der Brille der Verbraucher zu sehen. Diese würden sich aktuell mit Themen wie Nachhaltigkeit und Klimaschutz beschäftigen. Die Milch gerate dabei aufgrund der vermeintlich negativen Auswirkungen auf die Umwelt in Verruf. Auch hier sei die Milchbranche gefordert, gemeinsame Antworten zu liefern. „Mehr Dialog, weniger Frustration!“, sagte Kruise.

„Entfremdung“ von Verbrauchern und Landwirtschaft

Volle Zustimmung bekam er dafür von Dr. Mechthild Frentrup, Milchviehhalterin aus Steinhagen und Aufsichtsratmitglied beim Deutschen Milchkontor. Die Sektorstrategie Milch, die DMK-Chef Ingo Müller angestoßen habe, könne ein gutes Instrument dafür sein.

Frentrup nannte drei Herausforderungen: Erstens das Tempo von gesellschaftlichen Veränderungen. „Die Dinge ändern sich exponentiell, wir Menschen können aber nur linear denken.“ Zweitens verbleiben die Kosten für die höheren Anforderungen bislang oft auf den Höfen. Und drittens die „Entfremdung“ von Verbrauchern und Landwirtschaft. „Vor einigen Jahren gab es in jeder Familie noch Menschen, die Bezug zur Landwirtschaft hatten und somit auch ein Stück weit Wissen und Verständnis. Heute ist das die Ausnahme“, sagte die Milchviehhalterin.

„Tierhaltung bringt Wohlstand“

Mehrere Wortmeldungen aus dem Publikum bestätigten die zunehmende Diskrepanz zwischen Verbrauchern und Landwirtschaft. Vor allem Lehrer wüssten zu wenig über die Zusammenhänge in der Milchviehhaltung. Deshalb würden viele Kinder gar nichts oder etwas Falsches über die Milchviehhaltung lernen. „Die Politik sollte deshalb dafür sorgen, dass die Grundlagen der Landwirtschaft wieder im Ausbildungsplan von Lehrern stehen“, war eine Forderung aus dem Publikum.

Das konnte Staatssekretär Dr. Heinrich Bottermann mit nach Düsseldorf nehmen. Bottermann hob in seinem Grußwort zunächst die große Bedeutung der Milchproduktion sowie Tierhaltung hervor. „Wenn wir die ländlichen Räume halten wollen, gehört Tierhaltung dazu. In ganz Nordwest-Deutschland bringt die Tierhaltung Wohlstand in die Region“, sagte der Staatssekretär.

Auch er beobachtet, dass sich die Verbraucher zunehmend kritisch mit der Milchviehhaltung auseinandersetzten. Seiner Meinung nach habe die Milchwirtschaft schon viel erreicht, beispielsweise die Haltung der Kühe in modernen Boxenlaufställen. Allerdings gebe es auch noch einige Baustellen. Hierzu zähle zum Beispiel die Nutzungsdauer der Kühe, die Regelungen für Langstreckentransporte, die Klimaveränderungen oder die Abhängigkeit vom Weltmarkt.

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