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Flächenschonende Stadtplanung in Kamp-Lintfort

An der Schnittstelle zwischen Ruhrgebiet und Niederrhein liegt Kamp-Lintfort. Durch kluge Planung schafft es die Stadt, alte Zechenstandorte zu entwickeln und freie Flächen im Außenbereich zu schonen. Besuch beim Planungsamt.

Im Innenbereich hat die Stadt große Wohnblocks aus den 1970er-Jahren abreißen lassen. Auf den Flächen entstehen ­moderne Eigentums- und zum Teil Mietwohnungen für sozial benachteiligte Bürger.

Eigentlich hätte Herbert Grönemeyer sein Bochum-Lied auch für Kamp-Lintfort texten können: „Du bist keine Schönheit, von Arbeit ganz grau …“ Die Stadt im Süden des Kreises Wesel hat 38.000 Einwohner. Sie war hundert Jahre vom Bergbau geprägt. Die letzte Zeche „Bergwerk West“ der Ruhrkohle AG (RAG) schloss 2012. 2600 Bergleute verloren ihre gut bezahlten Jobs. Bereits 2006 war der Handy-Her­steller Siemens/BenQ mit zuletzt 1750 Arbeitsplätzen in Kamp-Lintfort pleite gegangen.

Bevölkerung schrumpfte

„Wie sollen wir reagieren?“, fragte man im Rathaus. Die Stadt wollte sich gegen den vorhergesagten Bevölkerungsschwund stemmen und verhindern, dass ganze Wohnblocks in den alten Arbeitersiedlungen in trostlose Ghettos zer­fallen. „Damals“, erinnert sich ­Monika Fraling, Leiterin des Planungsamtes der Stadt, „hatten wir beschlossen, einen neuen städtischen Masterplan aufzustellen. Er sollte vor allem die Folgen der ­Zechenschließung ab 2012 ab­fangen.“

Das war ein kluger Schachzug. 2015 konnte sich die Stadt dann ein zweites Mal selbst auf die Schulter klopfen: Sie bekam den Zuschlag, die Landesgartenschau 2020 auf dem ehemaligen Zechengelände mitten in der Stadt auszurichten. Das Areal, 40 ha, soll nach dem Event zu 50% der Naherholung dienen (geplant ist ein großer Stadtpark). Auf der restlichen Fläche wird ein Wohngebiet zum Teil mit bezahlbaren Sozialwohnungen entstehen.

Was nicht so oft passiert: Die Bauern im Kreis Wesel loben die Stadt Kamp-Lintfort. Dafür, dass sie bisher bei ihren Planungen verantwortungsbewusst mit den Flächen im Außenbereich umgegangen ist und nicht gedankenlos Grund und Boden für neue Wohn- und Wirtschaftsgebäude aufgekauft hat.

Monika Fraling und Arne Gogol leiten das Planungsamt der Stadt Kamp- Lintfort. „Auch in Zukunft benötigen wir im kleinen Umfang Flächen der Landwirte.“

Arne Gogol ist stellvertretender Leiter des städtischen Planungsamtes. Er hört dieses Lob gern, verweist aber gleichzeitig auf die vielen Hindernisse und Zwänge, die eine Stadt bei ihren zahlreichen Planungen beachten muss.

Kamp-Lintfort hat eine Fläche von 63,1 km2 (6300 ha). Der Stadtkern ist dicht bebaut. In den Außenbereichen befinden sich unter anderem rund 300 ha Abgrabungsflächen für den Kiesabbau, ein großer Wald im Norden, eine Sondermülldeponie im Südwesten und eine Müllverbrennungsanlage im Osten. Mit Blick auf ihre zukünftige Entwicklung hat die Stadt ein Freiraumkonzept, Spielflächenkonzept, Einzelhandelskonzept sowie einen Sportentwicklungsplan in enger Abstimmung mit den Gremien der Stadt (Rat, Ausschüsse) und der Bevölkerung aufgestellt.

So wird Fläche geschont

Wie kann eine Stadt in einem so dicht besiedelten Gebiet planen, damit möglichst wenig freie Fläche in den Außenbereichen beansprucht wird? Arne Gogol nennt Beispiele:

  • Wir nutzen für die weitere Stadt­entwicklung eine große ehemalige Bergbaufläche. Das Gelände haben wir der RAG abgekauft. Zwar sind einzelne Bereiche mit Schadstoffen (etwa Rückstände aus dem Zweiten Weltkrieg) kontaminiert oder dicke Betonklötze befinden sich im Untergrund. „Durch Bodenabtragungen konnten wir diese Flächen aber wieder für eine Nachnutzung herrichten, betont Gogol.
  • Die Stadt hat im Innenbereich bereits einige große Wohnblocks, die in den 1970er-Jahren für die Bergleute errichten worden waren, abreißen lassen. Auf dem Gelände sind moderne Wohnungen gebaut worden oder sie werden noch errichtet; in der Regel von Bauträgern, mit denen die Stadt Verträge abgeschlossen hat.
  • Es gibt Sportplätze, Kinderspielplätze und Tennisplätze im Stadtgebiet, die heute kaum noch genutzt werden. Einzelne Areale hat die Stadt in Abstimmung mit den Bürgern (Anliegern) als Wohnbauland ausgewiesen.
  • Im Niersenbruch hat die Stadt eine für die Wohnbebauung vorgesehene Fläche, 13 ha, wieder in Acker zurückverwandelt, weil derzeit im Innenbereich ausreichend Flächen für die Wohnbebauung zur Verfügung stehen.

Doch Gogol und seine Chefin Monika Fraling sehen auch die Realitäten: Kamp-Lintfort werde auch in Zukunft im begrenzten Umfang Grundstücke der Bauern für die weitere Entwicklung benötigen. Die Flächen werden zum Beispiel für Abrundungen an bestehende Wohngebiete benötigt.

Keine Kita-Gebühren

Doch wie viel Fläche wird das sein? Und wie wird sich die Zahl der Einwohner entwickeln? Das hängt von vielen Faktoren ab, die das Planungsamt nicht beeinflussen kann. Monika Fraling: „Unsere Stadt hat das Image eines grauen Entleins längst abgelegt. Wir werden immer attraktiver für junge ­Familien. Das zeigen die Zuwanderungsraten der letzten Jahre.“

In der Tat. Junge Eltern am Niederrhein schauen neidisch nach Kamp-Lintfort. Seit 2014 verzichtet die Stadt auf Kita-Gebühren für Kinder ab drei Jahren (nicht kostenfrei sind die U3-Kinder). Erschlossenes Bauland kostet im Schnitt 240 bis 280 €/m2, wobei die Stadt für ihre Grundstücke einen Nachlass von 10 €/m2 pro Kind (bis zu drei Kindern) gewährt.

Arne Gogol: „Wir haben seit 2010 etwa 50 Mio. € Landesmittel für verschiedene Infrastrukturprojekte erhalten. Sie sind noch nicht ­alle umgesetzt. Nach Abschluss der Landesgartenschau 2020 wird Kamp-Lintfort eine neue Perle am Niederrhein sein.“

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