Betrug bei Tönnies: Bargeld vom Lkw-Fahrer

Im Strafprozess gegen drei ehemalige Mitarbeiter der Firma Tönnies wegen bandenmäßigen Betruges bleiben bislang viele Fragen offen: Wer hat die Angeklagten angestiftet und wer den Gewinn von rund 4 Mio. Euro abgeschöpft?

Am zweiten Prozesstag vor dem Bielefelder Landgericht überraschten die drei Angeklagten Ioan Cosmin S., 34, Viorel-Florin P., 28, und Gabriel C., 27, das Gericht und die Zuhörer mit dieser Ankündigung: „Ja, wir räumen die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft weitgehend ein. Und: Wir wollen bei der Aufklärung des Sachverhaltes mitwirken.“

Arbeitgeber betrogen

Dieses Schuldeingeständnis dürfte sich strafmildernd auswirken. Der Staatsanwalt wirft den drei ehemaligen Tönnies-Mitarbeitern gewerbs- und bandenmäßigen Betrug vor. Alle drei sollen sich spätestens ab Januar 2016 mit Mitarbeitern zweier Firmen aus Polen verständigt haben, ihren Arbeitgeber zu betrügen. Alle drei waren bei Tönnies an der Warenannahme tätig und haben an der Waage die Gewichtsangaben von Lkw-Lieferungen zugunsten der Polen manipuliert. Pro Woche sollen sie 100 bis 200 € in bar von den Lkw-Fahrern kassiert haben.

Erst Ende Januar 2019 flog der Schwindel auf. Die zwei Rumänen und Gabriel C, dessen Eltern aus Rumänien stammen, wurden fristlos entlassen und angezeigt. Während sich S. und C. auf freiem Fuß befinden, sitzt ihr Mitangeklagter P. derzeit in Untersuchungshaft.

Staatsanwalt Moritz Kutkuhn will den Angeklagten 1788 Einzeltaten nachweisen. Tönnies soll ein Schaden von 4 Mio. € entstanden sein. Die Angeklagten S. und P. sollen je 100.000 €, der 27-jährige Gabriel C. 50.000 € kassiert haben.

Wie konnte es zu den Manipulationen an der Waage kommen? Und wer sind die Hintermänner, die die Lkw-Fahrer instruiert und die Angeklagten bestochen haben?

Häufig Gewichtsdifferenzen

Die 9. Strafkammer des Landgerichts (LG) Bielefeld konnte den Sachverhalt bislang nur teilweise aufklären. Laut Gabriel C. gab es in der Vergangenheit immer wieder Gewichtsdifferenzen, wenn ein mit Schweinehälften beladener Lkw etwa aus Dänemark oder Polen bei Tönnies ankam. Gabriel C. sinngemäß: Das Gewicht auf dem Lieferschein stimmte mit dem tatsächlichen Gewicht an der Waage oft nicht überein. Die Differenzen gingen jedoch in beide Richtungen. Es gab Übergewichte, aber auch Untergewichte.

Nach Worten des 27-Jährigen hatte ein Angestellter von Tönnies seine Mitarbeiter an der Waage angewiesen, Übergewichte zugunsten von Tönnies den Lieferanten nicht mitzuteilen. „Dabei ging es nicht immer nur um 2 t, manchmal waren es weniger, manchmal waren es auch mehr als 2 t je Lkw-Ladung.“

Weil es offensichtlich leicht war, die Gewichte an der Computerwaage zu manipulieren, wurde dem Betrug Vorschub geleistet. Wer die Lkw-Fahrer aus Polen angestiftet und letztlich die Gewinne aus den Gewichtsdifferenzen abgeschöpft hat, dazu äußerten sich die Beschuldigten am zweiten Prozess­tag nicht.

Alle drei Angeklagten sind nicht vorbestraft. Zahlreiche Familienmitglieder, etwa von C., arbeiten bis heute bei Tönnies oder einem seiner Subunternehmen. Zumindest P. war bis zu seinem Rauswurf bei einem Subunternehmen beschäftigt. Er war unzufrieden, weil er dort erheblich weniger als seine Kollegen verdiente, die die gleiche Tätigkeit ausübten, aber direkt bei Tönnies angestellt waren.

„Es tut mir leid ...“

Gabriel C. ist in Harsewinkel aufgewachsen. Direkt nach dem Besuch der Hauptschule (10. Klasse) hatte er einen Job bei Tönnies angenommen. Ab 2012 war er in der Warenannahme tätig. Zuletzt verdiente der zweifache Familienvater etwa 3000 € brutto bzw. 2000 € netto pro Monat bei dem Schlachtunternehmen. „Das war nicht in Ordnung, was ich getan habe. Es tut mir leid“, zeigte sich Gabriel C. reumütig vor Gericht.

Wahrscheinlich wird Tönnies nun versuchen, sich die 4 Mio. € von den zwei Firmen in Polen zurückzuholen. Ob den Köpfen der „Fleischbande“ ein Strafverfahren in Polen droht? Es bleibt spannend.


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