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Kaum noch neue Windenergieanlagen

Ausbau der Windenergie stockt

Bereits seit zwei Jahren entstehen in ganz Deutschland – auch in NRW – kaum noch neue Windenergieanlagen. Das gefährdet nicht nur die Energiewende. Arbeitsplätze und Know-how gehen verloren.

Arbeiter bereiten den Bau einer Windenergieanlage vor. Doch seit zwei Jahren haben solche Bilder ­Seltenheitswert. Im ersten Halbjahr 2019 entstanden deutschlandweit nur 86 neue Windenergieanlagen.

Es ist noch gar nicht lange her, da war der Ausbau der Wind­energie an Land auf einem guten Weg. 2017 wurden in Nordrhein-Westfalen Windenergieanlagen (WEA) mit einer installierten Leistung von gut 800 MW zugebaut, in ganz Deutschland mehr als 5000 MW. Doch 2018 kam der Zusammenbruch: Im Vergleich zum Vorjahr sank die zugebaute Leistung um mehr als die Hälfte und auch 2019 geht der Sinkflug weiter. Im ersten Halbjahr gingen deutschlandweit an Land gerade 86 WEA mit einer Leistung von 287 MW ans Netz – so wenig wie noch nie seit Einführung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) im Jahr 2000.

Über 36.000 Arbeitsplätze verloren

Für die Energiewende ist das kein gutes Vorzeichen. Ganz aktuell leiden aber auch Wirtschaft und Menschen: Bereits im Jahr 2017 gingen im Bereich Wind an Land rund 21.700 Arbeitsplätze verloren, zusammen mit dem Bereich Wind auf See fielen knapp 26.000 Arbeitsplätze weg. Die Zahl der Arbeitsplätze in der Windbranche sank damit innerhalb eines Jahres von 161.000 auf 135.000. Das gab die Bundesregierung nach einer Kleinen Anfrage der Fraktion Die Linke bekannt. Wie die IG Metall mitteilt, musste die Branche 2018 weitere 10.000 Stellen abbauen und auch 2019 hält der Trend an. Es kommt zu Firmenpleiten im Bereich von Herstellern von WEA und Transportunternehmen.

Bisher, so Wolfram Axthelm, Geschäftsführer im Bundesverband WindEnergie (BWE), hat die Politik diesen Stellenabbau kaum im Blick. Das Wirtschaftsministerium des Landes Nordrhein-Westfalen schreibt im August auf Anfrage des Wochenblatts: „Ein Verlust von Arbeitsplätzen (Anmerkung: im Bereich der Windbranche in NRW)(...) ist mittel- bis langfristig nicht zu befürchten (...).“

Begründet wird dies damit, dass in NRW keine WEA-Hersteller, sondern Zuliefer- sowie Servicebetriebe angesiedelt seien, die über Auslandsgeschäfte bzw. die Wartung bestehender Anlagen abgesichert seien.

Etwas anders sieht das Axthelm: „Natürlich sind auch die Zulieferbetriebe vom Rückgang der Zubaus in Deutschland betroffen“, sagt er. Allerdings haben Zulieferer häufig auch Kunden in anderen Branchen und tatsächlich rettet das rege Auslandsgeschäft zurzeit Arbeitsplätze. Aber dennoch: Mehr als 36.000 verloren gegangene Arbeitsplätze sind kein Pappenstiel. Auch wenn viele der Betroffenen schnell einen neuen Arbeitsplatz finden. Mit jeder Fachkraft, die die Windbranche verlässt, verliert die Branche ein Stück Know-how.

„Die Stärke der heimischen Anlagenhersteller auf dem Weltmarkt basiert auf dem starken Heimatmarkt“, erklärt Axthelm. Hier in Deutschland wurde die Technologie entwickelt und wettbewerbsfähig gemacht. Diese so entstandenen hohen deutschen Standards sind in der Welt gefragt.

Doch das könnte sich bald ändern. „Der Heimatmarkt liegt im zweiten Jahr am Boden“, sagt der Experte. Wenn die katastrophale Situation ein weiteres Jahr anhält, werden mehr und mehr Unternehmen darüber nachdenken, ihre Produktion ins Ausland zu verlagern. Dorthin, wo der Markt ist. „Für unsere Wirtschaft wäre das ein herber Verlust. Denn perspektivisch, da bin ich mir sicher, hat die Windbranche ein ähnlich wirtschaftliches Potenzial wie heute die Auto­industrie“, sagt er.

Zu wenig Genehmigungen

Der Einbruch des Zubaus an WEA hat verschiedene Gründe:

  • Bereits unter Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) rückten die Kosten der erneuerbaren Energien immer weiter in den Fokus. Ihr Ausbau sei zu teuer, war die Aussage. Um die Kosten des Ausbaus zu senken, führte Gabriel Ausschreibungs­verfahren ein. Hier-
  • bei kommt der jeweils günstigste Bewerber zum Zug.
  • In den ersten Ausschreibungen konnten Bürgerwindprojekte bereits vor erteilter Genehmigung am Ausschreibungsverfahren teilnehmen. Viele dieser Projekte erhielten einen Zuschlag, werden aber erst verspätet oder gar nicht verwirklicht.
  • Im Rahmen des Ausschreibungsverfahrens wurde der jährliche Zubau auf ein Volumen von 2800 MW begrenzt. Das war nur rund die Hälfte des Zubaus im Schnitt der Jahre 2014 bis 2016. In der Folge schoben Planer weniger Projekte an.
  • Parallel zu dieser Umstellung vernetzten sich Windkraftgegner besser. Die Zahl der Klagen gegen Windenergieprojekte stieg massiv. Um sich bei Klagen abzusichern, fordern Behörden zusätzliche Gutachten. „Im Jahr 2016 dauerte es von der Abgabe bis zur Genehmigung im Durchschnitt 300 Tage. Jetzt sind es im Schnitt 800 Tage“, sagt Axthelm.
  • Bei etwa 80 % der genehmigten Projekte wird Widerspruch oder Klage erhoben. Zurzeit werden rund 1000 MW in Planung befindliche Windenergieleistung beklagt. Häufig wird der Artenschutz als Grund genannt. Begründungen für eine Klage liegen häufig erst nach einem Jahr vor. Das Genehmigungsverfahren verzögert sich entsprechend.
  • Die Deutsche Flugsicherung (DFS) fordert einen Abstand von 15 km zwischen WEA und Flughafen. International ist ein Abstand von 10 km üblich.

Der Bund ist gefordert

Im Sinne des Klimaschutzes und im Sinne der gesamten Windbranche ist die Situation unhaltbar. Das hat auch die Politik erkannt. „Wir möchten, dass diese Branche erhalten bleibt und dass sie eine Zukunftsperspektive hat“, sagte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) Anfang September im Rahmen des Windgipfels, zu dem er 70 Vertreter von Firmen, Verbänden und Ländern eingeladen hatte. Konkrete Strategien stellte Altmaier nicht vor. „Ein positives Ergebnis hat der Windgipfel dennoch ­gebracht“, sagt Axthelm. „Er hat gezeigt, dass sich alle Verbände, Unternehmen und auch alle Bundesländer darin einig sind, dass wir einen Ausbau der Windenergie brauchen.“

Am Freitag der vergangenen Woche hat sich die Bundesregierung klar zu dem Ziel 65 % „Erneuer­bare im Stromsektor bis 2030“ bekannt (siehe Kasten: „Erneuerbare: Bald höherer Ausbau?“). Zunächst setzt sie unter anderem mithilfe von Abstandsregeln darauf, „die Akzeptanz des Ausbaus der erneuerbaren Energien zu erhöhen.“

Länder müssen umsetzen

Auch NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) und NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) bekennen sich zum Ausbau der Windenergie. Bis zum Jahr 2030 strebt die Landesregierung eine Verdopplung der Windenergieleistung von heute rund 5 auf dann 10,5 GW an. Auch die Landesregierung möchte, wie das NRW-Wirtschaftsministerium schreibt, „die Akzeptanz für die Windenergie als wesentlichen Bestandteil der Energiewende erhalten“. Dazu empfiehlt sie im neuen Landesentwicklungsplan einen Abstand zwischen Wohnbebauung und WEA von 1500 m. Zusätzlich spricht sie ein Verbot von WEA im Wald aus.

Nach Schätzung des BWE werden für den Ausbau der Windenergie deutschlandweit etwa 2% der Landesfläche gebraucht. „Bis zum Jahr 2050 könnten wir so rund 200 GW Windenergieleistung installieren. Rund viermal mehr als heute“, sagt Axthelm.

Wie das mit Abstandsvorgaben und Verboten funktionieren soll, bleibt bisher offen. In NRW dürften die beiden Regeln einen weiteren Windausbau nahezu unmöglich machen. Die Bundesregierung möchte ihre Klimaschutzziele ab November in Gesetze fassen. Bleibt zu hoffen, dass diese genug Format haben, um das Wind-Dilemma schnellstens zu beenden.

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