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Interview

ASP in China: Gigantische Dimensionen

Über das Ausmaß der Afrikanischen Schweinepest in China wird viel spekuliert. Prof. Dr. Dirk Pfeiffer arbeitet als Tierseuchenexperte in Hongkong fast direkt vor Ort. Wie dramatisch ist die Lage?

Über das Ausmaß der Afrikanischen Schweinepest in China wird viel spekuliert.

Wochenblatt: Die Afrikanische Schweinepest (ASP) hat ausgehend von China etliche Nachbarstaaten wie Vietnam, Laos, Kambodscha, Philippinen und Nord-Korea infiziert. Wie groß ist die Gefahr für ganz Asien?

Prof. Dr. Dirk Pfeiffer ist Professor für One Health in Hongkong und Professor für Veterinärepidemiologie am Royal Veterinary College in London.
Pfeiffer: Die gegenwärtige ASP-Pandemie ist der größte und schwierigste Tierseuchenausbruch, den wir jemals hatten. Er zeigt die Schattenseite der Globalisierung und ökonomischen Entwicklung in den sogenannten Schwellenländern.

In den vergangenen zwanzig Jahren hat die neue Mittelklasse, insbesondere in China, finanzielle Möglichkeiten bekommen, viel mehr Fleisch zu konsumieren. Die Schweineproduktion ist entsprechend gewachsen. Nicht Schritt gehalten hat dabei die Biosicherheit auf Betrieben, bei Tiertransport und am Schlachthof.

Glaubt man der offiziellen Version, gab es 144 Ausbrüche mit über 1 Mio. gekeulten oder verendeten Schweinen. Doch ist das wahre Ausmaß ­dramatisch höher.

Wir wissen nicht, wie weit die Seuche in China ausgebreitet ist. Offizielle Daten fehlen. Aber es ist sehr wahrscheinlich, dass das Virus in der sehr dichten Schwei­nepopulation stark verbreitet ist. Ich schätze, dass mindestens 10% des chinesischen Schweinebestands mit ASP infiziert ist. Das sind immerhin rund 40 Mio. Tiere.

Wie konnte die ASP in China so schnell Fuß fassen?

Drei Ursachen: Erstens die enorme Schweinedichte, die es außer im Norden von Vietnam nirgendwo auf der Welt gibt.
Zweitens werden immer noch 90 % der Schweine von Kleinbauern gehalten, die sich mit Biosicherheit nicht auskennen. Ihnen fehlt Geld, um Hygiene und Abschottung zu verbessern.
Drittes Manko war die Verfütterung von Küchenabfällen. Das ist inzwischen gesetzlich verboten. Doch halten sich Kleinbauern nicht immer daran, da ihnen kostengünstige Alternativen fehlen.

Diese Offenställe mit hoher Besatzdichte sind kaum vor Seuchenerregern abzuschirmen.

Das Virus hat Entfernungen von mehreren Tausend Kilometern überwunden. Fehlten Barrieren?

Hauptgrund ist der rege Handel mit Lebendtieren in China. Durch die staatlich gelenkte Umsiedlung der Schweineproduktion nach Norden sind Mastbetriebe und Schlachthöfe oft weit voneinander entfernt. Zudem werden die Schweine der vielen Kleinsthaltungen auf Lebendmärkten gesammelt und dann mit dem Lkw oft viele Tausend ­Kilometer in den bevölkerungsreichen Süden gefahren.

Die Zentralregierung hat dies durch gebührenfreie Tiertransporte auf den Autobahnen unterstützt. Diese Regelung wurde einige Wochen nach dem ersten Ausbruch aufgehoben. Inzwischen ist die ­Gebührenbefreiung aufgrund der knappen Versorgungslage bei Schweinefleisch in manchen Regionen wieder eingeführt worden.

In Osteuropa sind hauptsächlich Wildschweine betroffen. In China liest man nur von Ausbrüchen bei Hausschweinen. Spielen Wildschweine dort gar keine Rolle?

Dazu gibt es keine Studien. Zudem ist die Dichte und räumliche Verteilung der Population nicht bekannt. Doch schätze ich das Risiko sehr hoch ein, dass das ASP-Virus von Haus- auf Wildschweine übertragen wird – vor allem angesichts der großen Anzahl von Kleinbetrieben.

Daher bin ich sehr pessimistisch, ob es gelingt, die Infektion unter Kontrolle zu bringen. Dafür muss sich die Struktur der Schweineindustrie wesentlich ändern, kombiniert mit einem wesentlich besseren Biosicherheitsverhalten der Bauern. Das wird sich nicht von heute auf morgen ändern.

Um die Proteinlücke beim Futter zu schließen, wurde in China Schweineblut verfüttert. Anscheinend nicht hoch genug erhitzt, denn chinesische Wissenschaftler haben in Blutmehlprodukten das ASP-Virus nachgewiesen. Ein hausgemachtes Problem?

Mit der Verfütterung von Blut geht man ein hohes Risiko ein. Allerdings wurde dies in China auch recht früh verboten. Ob das Verbot effektiv durchgesetzt werden konnte, ist unklar. Es ist absolut keine triviale Aufgabe, die Seuchenausbreitung in einem Land mit 1,4 Mrd. Menschen und extrem vernetzten Handelswegen für Lebendtiere und Tierprodukte zu unterbinden. Die Situation wird noch dadurch kompliziert, dass viele Konsumenten immer noch Frischfleisch vorziehen.

ASP-Betriebe bekommen eine Entschädigung von Staat und Kommune. Um Geld zu sparen und Ärger zu vermeiden, sollen Kommunen Seuchenmeldungen nicht akzeptiert haben, sodass die Bauern ihre überlebenden Tiere zum Schlachthof gebracht haben.

Ich habe auch derartige Informationen bekommen. Ich weiß aber nicht, ob sie der Wahrheit entsprechen. Es klingt aber plausibel. Wenn das stimmt, ist das Ausmaß unmöglich einzuschätzen. Die Zentralregierung hat inzwischen angekündigt, Untersuchungen in Kommunen durchzuführen, in denen man Unregelmäßigkeiten vermutet.

Viele Ställe stehen mittlerweile leer. Sei es, dass die Bestände selbst ASP hatten, oder dass Nachbarn eines infizierten Betriebs aus Angst vor Ansteckung den eigenen Bestand geschlachtet haben.

Beide Faktoren spielen eine Rolle. Es gibt Gerüchte über illegalen Handel mit infiziertem Schweinefleisch. Manche Bauern haben die Produktion umgestellt, z. B. auf Enten. Die hohen Schweinefleischpreise sind ein Anreiz für Betriebe mit guter Biosicherheit, den Bestand aufzustocken oder neue Betriebe zu gründen. Allerdings ist dies in erster Linie für industrielle Großbetriebe interessant.

Seit dem 1. Juli muss Schweinefleisch im Schlachthof auf ASP untersucht werden. Viele Schlachthöfe sollen deshalb vorher Gefrierfleisch ausgelagert haben. Steigt damit das Risiko, dass ASP weltweit verbreitet wird?

Das Risiko ist sehr hoch, da das ASP-Virus mehrere Monate in gefrorenem Schweinefleisch oder Schweinefleischprodukten überleben kann. Daher sollte sich kein Land auf unserem Planeten in Sicherheit wiegen, abgesehen von Ländern mit extrem geringem Schweinefleischkonsum.

Wie schätzen Sie die Aussichten für den Erfolg der Seuchenbekämpfung ein?

Ein Jahr lang hat die chinesische Zentralregierung den Eindruck erweckt, dass die Situation unter Kontrolle sei. Im Juli hat sie Probleme eingestanden und ein weitreichendes Programm zur effektiveren ASP-Bekämpfung vorgestellt. Ich sehe dies als einen wesentlichen Fortschritt. Allerdings ist es ei-ne Mammutaufgabe, wenn nicht sogar unmöglich, das in diesem riesigen, komplex vernetzten Land umzusetzen. Die industrielle Schweineproduktion in Form von Mega-Schweinefarmen soll gefördert werden. Diese sind aus sozio-ökonomischer Sicht und wegen der Umweltbelastung nicht optimal. Doch fällt es derartigen Betrieben leichter, extreme Biosicherheitsmaßnahmen einzuhalten. Diese sind notwendig, um die Bestände in Anbetracht einer langfristig endemischen ASP-Situation frei zu halten.

Also bleibt das Land auf Jahre von der ASP gezeichnet?

Aus meiner Sicht wird China für die kommenden Jahre eine hohe ASP-Prävalenz haben. Und das heißt, dass auch die Nachbarländer infiziert werden können. Da das Virus in Schweinefleischprodukten lange überleben kann, ist es wahrscheinlich, dass es durch Touristen oder andere Mechanismen in andere Länder weltweit „exportiert“ wird. Wenn es zum Ausbruch kommt, können Länder mit gut funktionierenden staat­lichen Tiergesundheitsdiensten dies unter Kontrolle bekommen. Diese Situation sieht in ärmeren Ländern leider ganz anders aus.

Weltweit arbeiten Wissenschaftler mit Hochdruck an einer Impfung gegen ASP. Würde ein Impfstoff Chinas Schweine retten?

Eine Vakzine würde das Problem nicht lösen, wenn sich die Struktur der Schweinehaltung nicht ändert und das Biosicherheitsverhalten der Bauern sich nicht verbessert. Ich prognostiziere, dass es noch ­einige Jahre dauern wird, bis wir eine sichere und effektive ASP- Vakzine für Hausschweine zur Verfügung haben werden.

Angesichts der massiven Schlachtungen: Wann wird Schweinefleisch Mangelware in den Geschäften?

Wir haben diese Situation schon erreicht. Die Preise für Schweinefleisch sind im Vergleich zum vergangenen Jahr um mehr als 40% gestiegen. Die chinesische Zentral­regierung fordert die Industrie auf, die Schweineproduktion zu erhöhen. Staatliche Schweinefleischreserven wurden auf den Markt ­gebracht. Teilweise wird sogar Schweinefleisch zu subventionierten Preisen in kontrollierter Menge angeboten. Diese Aktivitäten stützen die Hypothese, dass die Stimmung des chinesischen Volkes tatsächlich durch den Preis für Schweinefleisch beeinflusst wird.

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