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ASG-Herbstagung: Wissenslücken schließen

Die Gesellschaft will von Landwirten heute mehr als gute Lebensmittel: Mehr Tierwohl, mehr Umwelt- und Klimaschutz, mehr Biodiversität. Diese gestiegenen Erwartungen kosten. Und stehen teils untereinander in Konflikt.

Mitfahrgelegenheit gesucht? Mitten in Berlin hat Landwirt Phillip Krainbring Anwohner nach Hause gefahren – mit dem Trecker und viel Zeit für Gespräche.

Von hochgestreckten Daumen am Straßenrand bis hin zu Unverständnis und Schlagzeilen wie „Bauern sauer: Proteste gegen Umweltschutz“ – das Echo auf die beiden Demonstrationen im Oktober war geteilt. So uneinheitlich wie dieses Stimmungsbild scheint derzeit auch die Stellung der Landwirtschaft in der Gesellschaft zu sein. Bei Umfragen zum Ansehen von Berufsgruppen landen die Landwirte regelmäßig auf den Spitzenplätzen. Das Gros der Menschen mag Landwirte. Die moderne Landwirtschaft allerdings wird, gelinde gesagt, mit Skepsis betrachtet.

Wo es in der Kommunikation zwischen Landwirtschaft und Gesellschaft hakt und wie aufklaffende Verständnislücken gefüllt werden können, war Thema der diesjährigen Herbsttagung der Agrarsozialen Gesellschaft. Rund 180 Teilnehmer und 14 Referenten diskutierten dazu vergangenen Mittwoch und Donnerstag in Göttingen.

Verbraucher wollen mehr

Die Wertschätzung für die Landwirtschaft – darin waren sich alle Referenten einig – habe sich in den vergangenen Jahrzehnten verschoben. Wo sie früher über ein gutes Produkt kam, reiche die Ware allein heute nicht mehr. Die Verbraucher wollen mehr: mehr Tierwohl, mehr Klima- und Umweltschutz, mehr Biodiversität.

Dass die Landwirtschaft derzeit zum gefühlten Sündenbock der Nation wird, begründet Christiane Grefe von der Zeitung „Die Zeit“ mit einem Nachholbedarf seitens Landwirtschaft und Gesellschaft. „Die Bauern waren zu lange in einer Wagenburg und haben sich zu wenig mit anderen gesellschaftlichen Gruppen auseinandergesetzt“, kritisiert sie. Weil Probleme verdrängt wurden, so die Journalistin, tue es jetzt richtig weh, sie anzupacken – Stichwort Düngeverordnung.

Nachholbedarf sieht Grefe allerdings auch auf der anderen Seite: Landwirtschaft wurde in Medien und Gesellschaft lange zu romantisiert dargestellt, die ökonomische Wirklichkeit dagegen selten thematisiert. Den Vorwurf, die Medien berichteten zu einseitig über die Landwirtschaft, wies sie zurück. Es sei Aufgabe der Medien, notwendigen Wandel zu befördern und produktiven Streit zu organisieren.

Zielkonflikte benennen

Prof. Dr. Alfons Balmann, Direktor des Leibniz-Instituts für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien, wies insbesondere auf Zielkonflikte hin, denen sich die Landwirtschaft ausgesetzt sehe.

Erwartungen im Bereich Klima- oder Umweltschutz stehen, so Balmann, im Konflikt mit deressenziellen Aufgabe der Ernäh-rungssicherung. Der Wunsch nach einer regionalen und genügsamen Landwirtschaft widerspräche der Einbettung in ein globalesWirtschaftssystem. Und nicht zuletzt klaffe auch zwischen dem Verbraucherwunsch nach meh rökologischer Landwirtschaft und dem Kaufverhalten eine große Lücke.

„Innerhalb der Gesellschaft werden diese Zielkonflikte kaum bis gar nicht diskutiert“, analysiert Balmann. „Themen wie Glyphosat oder Genome Editing sind verbrannt, obwohl sie positiv im Sinne des Klimaschutzes zu nutzen wären.“

Erschwert werde die Diskussion zudem durch Wissensdefizite. Vor allem die Entfremdung der (groß)städtischen Bevölkerung zur Landwirtschaft wachse. Aber auch die Vereinfachung komplexer Zusammenhänge in den Medien erschwere den Diskurs, so der ­Wissenschaftler und fordert: „Die Gesellschaft muss sich davon lösen, der Landwirtschaft Lösungsvorgaben zu machen und stattdessen Ziele formulieren.“ Zudem müsse Umweltschutz einen Wert bekommen.

Schutz entlohnen

Auch Werner Schwarz, Vizepräsident des Deutschen Bauernverbandes, forderte mehr Verantwortungsübernahme seitens der Verbraucher. „Wir arbeiten im Moment nicht nachhaltig“, sagte der gelernte Landwirt. „Wir werden zwar ökologisch immer besser, wirtschaften aber zulasten der Wirtschaftlichkeit und Familie.“

So wie die Ökologie Aufgabe der Landwirte sei, hätten die Verbraucher eine ökonomische Verantwortung, das zu kaufen, was sie fordern. „Wir schaffen die Agrarwende nicht alleine. Wer die Bauern mitnehmen möchte, muss ihnen ein Auskommen ermöglichen“, so Schwarz. Zu verhandeln sei, wie der Schutz von Natur und Wasser zu einem bäuerlichen Dienstleistungsauftrag werden kann, der entsprechend entlohnt wird.

Per Trecker durch Berlin

Ideen, mit denen die aufklaffende Wissenslücke zumindest ein Stück kleiner werden kann, liefert das Forum Moderne Landwirtschaft (FML). Das FML bringt Landwirtschaft dahin, wo ihre Kritiker sitzen: in die großen Städte.

So chauffierte Phillip Krainbring – ein junger Ackerbauer, der sich als Agrarscout im FML engagiert – mitten im Berliner Szenebezirk Prenzlauer Berg Anwohner mitsamt ihrer Einkäufe nach Hause – standesgemäß im Trecker.

Der Nebeneffekt: Während der Fahrt kam er mit den Verbrauchern ins Gespräch. Bei einer weiteren Aktion bestückte das FML einen Supermarkt mit einem Buzzer. Fragen zu den Produkten wurden quasi auf Knopfdruck beantwortet – von echten Landwirten, die zur Überraschung der Kunden nach dem „Buzzern“ erschienen.

Direkte Erzeuger-Verbraucher-Kooperationen
Wie die Entlohnung des geforderten „Mehr“ punktuell gestaltet sein kann, zeigt ein Blick auf die Solidarische Landwirtschaft und Erzeuger-Verbraucher-Genossenschaften (EVG). „Die Idee der Solidarischen Landwirtschaft hat ein gesellschaftliches Bedürfnis getroffen“, so Veikko Heintz, Geschäftsführender Vorstand im Netzwerk Solidarische Landwirtschaft. „Verbrauchergemeinschaften tragen die Kosten des Betriebes gemeinsam und verbindlich im Voraus und belohnen so die, die Gewinne für die Gemeinschaft und Gesellschaft erwirtschaften.“Ein ähnliches Konzept verfolgt die EVG Landwege aus Lübeck. Rund 30 Mitgliedshöfe beliefern als feste regionale Partner fünf Lübecker Biomärkte. Das Umsatzvolumen von 15 Mio. € erwirtschaftet sich zu einem Drittel über Produkte der Landwege-Höfe, die im Verkauf mit einem eigenen Siegel gekennzeichnet sind. „Auch, wenn unsere Idee schon 30 Jahre besteht, ist sie heute vielleicht tragfähiger als je zuvor“, urteilt der Geschäftsführende Vorstand Klaus Lorenzen.

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