Artenschutz: Rechnen mit Remmel

„45 Prozent der Arten in NRW sind vom Aussterben bedroht oder bereits ausgestorben“ – so hatte das NRW-Umweltministerium im März behauptet. Nach Kritik eines früheren Ministerialbeamten musste Minister Remmel zurückrudern.

„45 Prozent der Arten in NRW sind vom Aussterben bedroht oder bereits ausgestorben“ – so hatte das NRW-Umweltministerium im März behauptet. Nach öffentlicher Kritik eines früheren Ministerialbeamten musste Minister Remmel gegenüber dem Landtag zurückrudern.

Zahlreiche Medien in Nordrhein-Westfalen haben die Meldung so übernommen, wie die Pressestelle des Umweltministeriums sie im März zum „Tag des Artenschutzes“ herausgegeben hatte: „45 Prozent der Arten in NRW sind vom Aussterben bedroht oder bereits ausgestorben“.

Diese Zahl sei sachlich falsch, kritisierte Prof Dr. Wolfgang Schumacher, Geobotaniker und von 1999 bis 2002 Abteilungsleiter im NRW-Umweltministerium, bereits vor einigen Wochen in einer Stellungnahme gegenüber dem Kölner Stadtanzeiger. Nicht 45 %, sondern „nur“ etwa 15 % der Arten seien in NRW ausgestorben oder vom Aussterben bedroht, so Schumacher. Mit Hinweis auf das Ackerrandstreifen-Programm, das er mit entwickelt hat, sagte der Geobotaniker der Kölner Tageszeitung: „Mit Zahlen muss man solide umgehen und darf nicht übertreiben.“

Frage und Antwort im Landtag

Die CDU-Opposition im Landtag hat die Kritik des Experten in einer Anfrage an die Landesregierung aufgegriffen. Daraufhin musste Minister Remmel die von seinem Haus gemeldeten Alarm-Zahlen richtigstellen. Von rund 11.700 Pflanzen-, Pilz- und Tierarten in NRW seien 7,2 % „als vom Aussterben droht“ in der Roten Liste geführt, heißt es in der Antwort des Ministeriums. Weitere 8,2 % zählen zu den „ausgestorbenen oder verschollenen Arten“.

Das ergibt zusammen 15,4 % – und damit rund ein Drittel (!) des Anteils, mit dem das Ministerium seinerzeit öffentlich Alarm geschlagen hatte. Wie aber erklärt sich der dreifache Wert, der per Pressemitteilung in die Redaktionen und Agenturen gesandt wurde?

Das Umweltministerium weist in seiner Antwort an das Landesparlament auf folgendes hin: Neben den beiden Gefährdungskategorien „vom Aussterben bedroht“ und „ausgestorben/verschollen“ würden in der Roten Liste weitere Kategorien aufgeführt. Sie lauten

  • „stark gefährdet“ – das betreffe 9,8 % aller Arten –,
  • „gefährdete Arten“ (10,9%),
  • „Gefährdung unbekannten Ausmaßes“ (0,7%) und
  • „durch extreme Seltenheit potentiell gefährdet" (8,3 %).

Zusammen ergebe das den genannten Wert von 45,1 %. Im weiteren Text der kritisierten Meldung ist tatsächlich auch von „gefährdet“ die Rede, nicht aber in Überschrift und Vorspann, die in die Irre führen können. Pressesprecher Wilhelm Deitermann hat das gegenüber dem Kölner Stadtanzeiger eingeräumt. Das Blatt zitiert ihn mit dem Satz: „Die Überschrift ist ein bisschen ungenau.“

Remmel: Verbesserung für "einige hundert Arten"

Auf Anfrage der CDU-Opposition weist Remmel in seiner Parlamentsantwort darauf hin, dass sich zwischen 1999 und 2011 „einige hundert Arten“ im Erhaltungszustand verbessert haben. Dazu zählen etwa Biber, Feldhase, Fischotter, Wildkatze, Heidelerche, Mittelspecht, Uhu, Rotmilan, Schwarzstorch, Mauereidechse, Moorfrosch, Bachforelle, Bachneunauge und Lachs sowie eine Reihe von Pflanzen vom Gefleckten Knabenkraut bis zum Zwerg-Filzkraut. Andererseits gebe es eine Reihe von Arten, die gefährdet oder bedroht seien wie etwa Baummarder,Hasel- und Zwergmaus, Feldlerche, Wiesenpieper sowie weitere Säugetiere, Vögel, Amphibien, Fische und Pflanzen.

Der Landtagsabgeordnete Rainer Deppe (CDU) spricht von einer Unterschlagung der unbestreitbaren Erfolge im Naturschutz und fragt: „Wie sollen wir die Menschen für den Naturschutz gewinnen, wenn der grüne Minister mit Blick auf seine vermeintliche Klientel den falschen Eindruck erweckt, dass alles immer nur schlechter werde?“ Offenbar glaube der Minister, mit Angst und Übertreibungen seine ideologischen Projekte wie die Biodiversitätsstrategie und das Naturschutzgesetz leichter durchsetzen zu können. Aus Sicht der CDU-Opposition schade Remmel dem Naturschutz, da der Eindruck entstehen könne, die jahrzehntelangen Naturschutzbemühungen hätten für den Artenschutz nichts gebracht. Die CDU verleugne keineswegs die Probleme, die eine große Anzahl von Arten in einer intensiv genutzten Landschaft hätten. „Unser Ansatz ist, sehr zielgerichtet konkrete Maßnahmen zu ergreifen, um gebietsweise den Bestand bestimmter Arten zu fördern.“ Str.


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