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Anhörung im Bundestag

Digitale Landwirtschaft: Viele Stimmen, aber noch kein schlüssiger Plan

Etwa drei Tage brauchen Satelliten, um alle Äcker und Wiesen Deutschlands zu erfassen. Diese Daten bereitzustellen ist mittlerweile leichter, als sie zu nutzen. Das war nicht die einzige Überraschung, die gestern im Bundestag hören war.

Ohne Handy, Tablet und Computer läuft in der Landwirtschaft schon jetzt nicht mehr viel.

Landwirtschaftliche Betriebe können vom digitalen Fortschritt profitieren - wenn sie sich diese Technologien denn auch leisten können. Das sagte gestern Alois Gerig (CDU), Vorsitzender des Bundestagsagrarausschusses, bei einer Anhörung zur Digitalisierung in der Landwirtschaft. Von der Technologie verspricht sich Gerig "eine Chance zu mehr Tierwohl, mehr Umweltschutz und noch mehr Lebensmittelsicherheit", wie der Pressedienst des Bundestages mitteilt.

Vor dem Agrarausschuss trugen neun Sachverständige ihre durchaus unterschiedliche Sicht auf die Digitalisierung vor. Eine gemeinsame Vision von der Landwirtschaft der Zukunft hätten sie nicht entwickelt, urteilt der Pressedienst zusammenfassend. Diese Positionen kamen in der Anhörung zur Sprache:

Marita Wiggerthale - Oxfam Deutschland: Sie befürchtet einen "Verlust der Souveränität" in der Landwirtschaft, in der die Vor- und Nachteile der Nutzung künstlicher Intelligenz kaum diskutiert würden. Stattdessen verlasse man sich blind auf von Unternehmen bereitgestellten Technologien. Farmmanagementsysteme würden den Nutzern nur bestimmte Produkte vermitteln, dadurch könne die Bindung an wenige große Unternehmen noch enger werden.

Sonoko Bellingrath-Kimura - Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF): Die Digitalisierung könne neue Wertschöpfungsketten und neue Anbausysteme etablieren und miteinander verbinden. Erzeugte landwirtschaftliche Produkte könnten nachvollziehbarer an Umweltmaßnahmen gekoppelt und entsprechend honoriert werden.

Reiner Brunsch - Leibniz-Institut für Agrartechnik und Bioökonomie (ATB): Er plädierte dafür unvoreingenommen an die neuen Technologien heranzugehen. In naher Zukunft könnten Algorithmen bessere Handlungsempfehlungen geben als erfahrene Landwirte. Dadurch drohe ein Wissensverlust, da digitalisiertes Wissen sei nicht mehr personengebunden und könne beliebig kopiert und monopolisiert werden. Wenn das Wissen der Menschheit gehöre, sei es als Gemeingut zu betrachten und müsse als solches geschützt werden.

Hermann Buitkamp - Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA): Die digitale Vernetzung mobilen und stationärer Maschinen in landwirtschaftlichen Betrieben setze flächendeckend ausgebaute, durchgehend zugängliche und leistungsfähige Mobilfunknetze voraus. Ebenso wichtig sei die kostenlose Bereitstellung digitalen Planungsdaten durch Vermessungsämter, Einwohner- und Gewerbeämter, Bundesnetzagentur und Netzbetreiber. Aufbau und Betrieb flächendeckender 5G-Funknetze müsse im gesamten ländlichen Raum und allen landwirtschaftlichen Gebieten gewährleistet werden. Neben kostenlosem Roaming zwischen nationalen, regionalen und lokalen Mobilfunknetzbetreibern müsse zudem der sichere Datenaustausch möglich sein.

Hubertus Paetow - Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG): Es fehlen Plattformen, um Daten konsistent speichern und auswerten zu können. Außerdem hinke die Ausbildung des Fachpersonals hinterher, denn selbst die Ausbildung junger Landwirte sei in dieser Hinsicht nicht auf dem aktuellsten Stand.

Hansjörg Dittus, Mitglied des Vorstandes des Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR): Sämtliche Äcker und Wiesen in ganz Deutschland können innerhalb von zwei bis drei Tagen durch Satelliten erfasst und anschließend ausgewertet werden. Solche Daten zur Verfügung zu stellen sei mittlerweile leichter, als sie anschließend zu nutzen. DAs DLR könne den Aufbau einer "Agrarmasterplattform" unterstützen, denn die vielen zur Verfügung stehenden Daten müssten miteinander verknüpft und die Produktionssysteme vernetzt werden.

Bernhard Krüsken, Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes (DBV): Er warb dafür, die derzeitige Praxis der Antrags- und Prüfverfahren durch digitale Systeme zu ersetzen, und forderte eine bessere Breitbandversorgung auf dem Land. Ebenso wichtig sei es, dass Geo-, Wetter- und Satellitendaten allen zur Verfügung gestellt werden.