Kommentar

Zementierte Ungleichheit

Trotz "Heimatministerien" und Kommission für gleichwertige Lebensverhältnisse: Die Politik verbreitert die Kluft zwischen Stadt und Land. Das zeigen die Debatten zur Rückkehr des Wolfes, zu Fachärzten, Schulen und schnellem Internet auf dem Land.

Während sich die Große Koalition in Berlin mit einem Heimatministerium schmückt und öffentlichkeitswirksam Kommissionen für gleichwertige Lebensverhältnisse einrichtet, tut sie in ihrem täglichen Re­gierungshandeln erstaunlich wenig für genau diese Themen. Allen Absichtsbekundungen zum Trotz nimmt die Unwucht zwischen Stadt und Land nicht ab, sondern zu. Und sie wird durch Weichenstellungen wie die im Frühjahr anstehende Vergabe der Frequenzen für den Mobilfunkstandard 5G womöglich auch noch auf Jahre zementiert.

Die Tatsache, dass der Zukunftsstandard für schnelles Internet zunächst 20 bis 30 % der Fläche Deutschlands vorenthalten werden soll, ist entlarvend: zum einen für das fehlende technische Verständnis vieler Politiker für Zukunftsthemen wie autonomes Fahren, smarte Landwirtschaft und Telemedizin. Zum anderen für den Stellenwert des ländlichen Raumes (Stichwort „Milchkanne“) und die Aufrichtigkeit hinter dem Versprechen der gleichwertigen Lebensverhältnisse.

Unabhängig davon, ob es um die Rückkehr des Wolfes geht, die Nahversorgung mit Fachärzten und Schulen oder den Zugang zu schnellem Internet: Deutschland wird in diesen Wochen intensiv vermessen. Und die Richtschnur bildet der urbane Raum – und nicht die Lebenswirklichkeit in den Kleinstädten und Dörfern.

Das ist gefährlich. Denn der Blick durch die städtische Brille mag schick sein, nur ist er leider auch verzerrt. In der hippen Berliner Altbauwohnung fällt es leicht, sich über die Rückkehr des Wolfes zu freuen, wo doch nicht die eigenen Tiere nachts auf der Weide zerfetzt werden. Wenn im eigenen Lebenskosmos Fachärzte, Kitas, Cafés und Theater direkt um die Ecke liegen, erscheint das tägliche Gehetze junger Mütter auf dem Lande nicht Autostunden, sondern Lichtjahre entfernt. Und während der eigene „Work­space“ am Medienkai mit ultraschnellem Internet glänzt, erscheint es schwer vorstellbar, dass selbst ein einfaches Handytelefonat auf der Strecke zwischen zwei benachbarten Dörfern dreimal abreißt.

Dabei sind es zwei Seiten einer Medaille. Wer sich über die explodierenden Immobilienpreise selbst in mittleren Universitätsstädten wundert, der fahre in diesen Tagen mit der Bahn oder dem Auto in die vollgestopften Zentren. Er könnte auf die Idee kommen, dass schnelles Internet auf dem Land und eine zeitgerechte (Verkehrs-)Infrastruktur hilfreicher sein könnte als Mietpreisbremsen und Citymauts. Und wer sich eine smarte Landwirtschaft wünscht, die Tiere und Ressourcen schont, der sollte gerade an der „Milchkanne“ nicht dem Fortschritt die Tür zuschlagen.

Am Ende ist die Rechnung denkbar einfach. Wer gleichwertige Lebensverhältnisse zwischen Berlin und Brochterbeck haben möchte, der muss auch gleichwertig investieren. Vom Schlagloch auf der Landstraße bis zum Funkloch hinter dem Getreidesilo braucht es dafür mehr Geld und auch: mehr Ehrlichkeit.


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