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Verbrannte Substanz

Matthias Schulze Steinmann, Wochenblatt-Chefredakteur.

Die Prognosen für das Wirtschaftsjahr 2018/2019 sind alles andere als rosig. Gerade in der Tierhaltung stoßen bisher erfolgreiche Geschäftsmodelle immer deutlicher an ihre Grenzen. Neben einem vernünftigem Einkommen fehlt es den Betrieben aber vor allem an einem: Klarheit seitens der Politik.

Noch handelt es sich um eine Prognose. Sollte sich aber nicht grundlegend etwas ändern, wird das Wirtschaftsjahr 2018/19 für die Landwirte in Nordrhein-Westfalen als ein verlorenes Jahr in die Geschichte eingehen. Infolge mieser Preise und höherer Ausgaben brechen die Unternehmensergebnisse um mehr als ein Viertel ein. Mit gerade einmal 45.500 € pro Betrieb werden die eingesetzten Faktoren Arbeit, Boden und Kapital zu weniger als zwei Dritteln entlohnt. Am Ende werden sich die Familien auf den Höfen ein volles Jahr abgeschuftet und dennoch Eigenkapital verbrannt haben. Sie vernichten Werte, zehren von der Substanz.

Besonders betroffen: Milchvieh- und Schweinehalter

Während die Ackerbaubetriebe im Vergleich zum Vorjahr auf niedrigem Niveau eine Nullrunde drehen, spüren die Milchviehhalter wieder den Wind im Gesicht. Höhere Ausgaben und niedrigere Milchpreise lassen die Ergebnisse im Vergleich zum ordentlichen Vorjahr um ein Drittel einknicken. Knüppeldick kommt es für die Schweinehalter. In der Veredlung könnten laut Berechnungen der Landwirtschaftskammer am Ende mickrige 26.800 € unter dem Strich stehen. Ein Einbruch von mehr als 40 % zum bereits schwachen Vorjahr.

Preistäler sind herausfordernd, aber nichts Neues für die Landwirte. In Kombination mit der Unsicherheit, die sich gerade wie Mehltau über die Betriebe legt, ergibt sich aber eine Situation, die das Potenzial zu echten Verwerfungen hat. Seit dem Jahr 2010 hat jeder zweite Ferkelerzeuger in Nordrhein-Westfalen das Handtuch geschmissen. Wen in Düsseldorf und Berlin wundert es, wenn über Kastration, Ringelschwanz und Deckzentrum gestritten wird und die Preisnotierung zwischenzeitlich bei 28 € pro Ferkel steht? Auf den Betrieben wachsen keine Rücklagen, sondern vielerorts ein Gefühl aus Wut, Ohnmacht und Resignation.

Bisherige Geschäftsmodelle stoßen an Grenzen

Das ist eine gefährliche Mischung, die es zu bekämpfen gilt. Die Landwirte müssen unternehmerische Antworten darauf finden, dass gerade in der Tierhaltung bisher erfolgreiche Geschäftsmodelle immer deutlicher an ihre Grenzen stoßen. Die kostengünstige Produktion immer größerer Mengen in immer größeren Ställen mag für einen Teil der Betriebe weiterhin die richtige Strategie sein. Doch auch jenseits davon gibt es Wege, von neuen Trends und Kundenwünschen zu profitieren – sei es durch den Umbau bestehender Ställe und Strukturen bis zur Gründung neuer Betriebszweige.

Planungssicherheit statt Symbolpolitik notwendig

Voraussetzung dafür ist, dass die Politik endlich Klarheit schafft, welche Landwirtschaft in fünf, zehn und zwanzig Jahren überhaupt noch gewollt ist. Vom Tierwohl bis zum Pflanzenschutz fehlt es den Betrieben in grundlegenden Fragen an Planungssicherheit. Von der erforderlichen Baugenehmigung für den neuen Stall einmal ganz zu schweigen. Doch anstatt kalkulierbare und faire Rahmenbedingungen zu schaffen, verrennt sich insbesondere Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner in Grundsatzdiskussionen und symbolische Dürrehilfen.

Dabei ist es nicht das Wetter, sondern die Unsicherheit, die sich derzeit als Brandbeschleuniger erweist und die Strukturbrüche antreibt. Die Landwirte brauchen keine Almosen, sondern angemessene Einkommen. Es brennt derzeit in vielen Bereichen lichterloh.

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