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Noch ein neues Label?

Lidl prescht vor: Während das staatliche Tierwohllabel auf sich warten lässt, schafft der Discounter mit eigenem Zahlencode und ehrgeizigen Zielen zu Haltebedingungen Fakten.

Chefredakteur Anselm Richard

Der Discounter Lidl prescht vor: Schon vom 1. April an soll das Frischfleisch seiner Eigenmarken mit einem Zahlencode so gekennzeichnet werden, dass daraus auf die Haltungsbedingungen der Tiere geschlossen werden kann. Die Ziffer 1 steht dabei für konventionelle Stallhaltung (gesetzlicher Standard), die 2 für höhere Anforderungen (mehr Platz usw.), die 3 für Ställe mit Auslauf und zusätzlich Futter ohne gentechnisch veränderte Komponenten und die 4 für den Ökologischen Landbau.

Gleichzeitig nennt der Einzelhandelskonzern ehrgeizige Ziele: Schon 2019 soll wenigstens die Hälfte des Frischfleischs in seinen Läden die „2“ tragen. Angepeilt wird das für Rind-, Schweine-, Puten- und Hähnchenfleisch.

Überraschen kann der Vorstoß nicht. Mit großem Elan versuchen alle Unternehmen des Lebensmittelhandels immer wieder, sich von der Konkurrenz abzugrenzen und zu profilieren, vorzugsweise durch besondere Produktstandards. Das kommt bei den Kunden immer gut an.

Doch was bedeutet der neue Anlauf? Gerade hat Landwirtschaftsminister Christian Schmidt bekräftigt, dass das staatliche Tierwohllabel bald kommen soll. Die Initiative Tierwohl (ITW) beginnt ebenfalls im Frühjahr mit der Kennzeichnung von Geflügelfleisch. Lidl gehört zu den Unternehmen, die die ITW fördern und mitfinanzieren. Parallel gibt es eine Kooperation von Lidl mit dem Deutschen Tierschutzbund, der ein eigenes Siegel propagiert. Warum jetzt noch eins?

Wahrscheinlich prangen auf den Fleischpackungen des Hard-Discounters demnächst sowohl das ITW-Signet als auch der Lidl-Zahlencode. Denn die Stufe 2 („Stallhaltung plus“) dürfte weitgehend dem ITW-Standard entsprechen. Hier geht es wohl weniger um Konkurrenz als um Ergänzung. Speziell bei Geflügelfleisch steht bestimmt auch genug ITW-Ware zur Verfügung.

Noch ist aber nicht öffentlich bekannt, was zum Beispiel im Bereich der Rinderhaltung erfüllt sein muss, um einen der höheren Standards zu erfüllen. Und vor allem wird es eine Herausforderung sein, die Rückverfolgbarkeit bis zum Erzeugerbetrieb zu gewährleisten.

Bleibt die Frage, was die Landwirte davon haben. Die ITW vergütet die Tierwohl-Leistungen. Sie gleicht die höheren Kosten aus, nicht mehr, aber immerhin. Wie sieht es damit bei dem Lidl-Label aus? Sollen die höheren Anforderungen finanziell gewürdigt oder einfach zum Standard erklärt werden? Dazu schweigt der Handelskonzern.

Trotz mancher Unklarheiten wird schnell klar, wer den Takt vorgibt: Nicht die Bundesregierung, sondern die Wirtschaft hat das Heft des Handelns in der Hand. Wo die Politik einen Freiraum lässt, nutzt ihn der Handel nach seinen Vorstellungen.

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