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Naturschutz ist toll…

Anselm Richard

Die neue Naturbewusstseinsstudie des Umweltministeriums wirft einige Fragen auf. Zum Beispiel: Was ist das Bekenntnis der Befragten zum Naturschutz wert, wenn sie selbst "liefern" sollen?

Diese Zahlen lassen aufhorchen: 83 % der Bevölkerung befürworten strengere Regeln und Gesetze für die Landwirtschaft. Drei Viertel der Menschen wollen, dass der Staat verstärktes Engagement für den Naturschutz finanziell fördert. Aber nur jeder zehnte Bundesbürger glaubt, dass „Kunstdünger“ und chemische Schädlingsbekämpfung nötig sind, um die Bevölkerung zu ernähren.

Diese Erkenntnisse stammen aus der Naturbewusstseinsstudie des Berliner Umweltministeriums und des Bundesumweltamtes, für die rund 2000 Menschen – repräsentativ ausgewählt – befragt wurden. Ministerin Barbara Hendricks wertet die Resultate so: Es gibt eine große gesellschaftliche Mehrheit für eine Agrarwende. Weg von Gentechnik, weg von industrialisierter Landwirtschaft, hin zum Ökologischen Landbau und mehr Naturschutz.

Tatsächlich sind die Ergebnisse der Befragung gar keine Überraschung. Selbstverständlich sind immer alle für mehr Natur- und Tierschutz. Es ist leicht, sich verbal für eine gute Sache zu begeistern, solange keine konkreten Taten erwartet werden. Vor allem ist es leicht, von anderen etwas zu verlangen, ohne selbst gefordert zu sein.

Die Folgewirkungen, die verschärfte Auflagen für die Bauern hätten, und die Konsequenzen für die Verbraucher wurden in den Interviews zwar angedeutet, aber nicht konkretisiert. Unter anderem geht es dabei ums Geld. Jeder Bauer weiß: Zwischen der öffentlich bekundeten Zahlungsbereitschaft für „bessere“ Lebensmittel einerseits und dem tatsächlichen Einkaufsverhalten der Verbraucher andererseits klafft eine riesige Lücke. Sobald es ans eigene Portemonnaie geht, treten die hehren Ziele schnell in den Hintergrund.

Mit der Naturbewusstseinsstudie wird, wissenschaftlich verbrämt, Stimmung gegen große Teile der Landwirtschaft gemacht. Die Umweltministerin nimmt sie zum Anlass, eine grundsätzlich andere Verteilung der EU-Direktzahlungen zu verlangen. Bauern und ihre Familien kommen unter Druck, weil die große Mehrheit der Bevölkerung es angeblich so will.

Wie wäre es mal mit einer Umfrage zur Erbschaftsteuer? Vermutlich wären auch hier 95 % aller Befragten für höhere Steuersätze – weil sie selbst gar nicht betroffen wären. Die tatsächlich oder vermeintlich Reichen sollen ruhig zahlen. Beim Rundfunkbeitrag oder bei der Mineralölsteuer wäre die Mehrheit sicher für eine Reduzierung – da wären nämlich alle selbst betroffen.

Nein, solche Umfragen taugen nicht als Basis für grundsätzliche politische Weichenstellungen. Etwas mehr Substanz darf man von Behörden des Bundes schon erwarten.