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Häme ist fehl am Platz

Wochenblatt-Chefredakteur Matthias Schulze Steinmann.

Der Rücktritt von Christina Schulze Föcking ist ein Alarmsignal und lässt tief blicken in eine neue Dimension der Verrohung im Umgang mit Menschen, die Verantwortung übernehmen.

Am Ende wurde der Druck zu groß. Christina Schulze Föcking ist am Dienstag von ihrem Amt als Ministerin zurückgetreten. Zuletzt ging es nicht mehr um die illegalen Stallaufnahmen aus dem Betrieb der Familie und die entkräfteten Vorwürfe um die Schweinehaltung. Zum Verhängnis wurden der CDU-Politikerin ein ungeschickter Umgang mit dem Skandal, ein unglückliches Krisenmanagement und die merkwürdigen Vorgänge um den vermeintlichen Hackerangriff.

Laut einer aktuellen Wählerbefragung für den WDR war die Ministerin zuletzt das bekannteste und zugleich das unbeliebteste Kabinettsmitglied. Nur 20 % der Befragten äußerten sich zufrieden über ihre Arbeit. Nach außen wirkte sie für viele vom Amt überfordert, innerhalb ihres Ministeriums schien sie nie so richtig angekommen zu sein.

Dass die Steinfurterin jetzt die Reißleine zieht, weil das Maß des menschlich Zumutbaren im Umgang mit der Familie weit überschritten wurde, ist ein Alarmsignal. Denn es lässt tief blicken in eine neue Dimension der Verrohung im Umgang mit Menschen, die Verantwortung übernehmen.

Spätestens seit den vermeintlichen Skandalbildern aus den Ställen der Familie haben NRW-Grüne und SPD keine Gelegenheit ausgelassen, um Schulze Föcking als „Lobbyistin der Agrarindustrie“ zu brandmarken. Eine Auseinandersetzung über Sachfragen war bereits seit Monaten kaum noch möglich. Sie wäre vor der Kulisse eines angedrohten Untersuchungsausschusses im Landtag wohl endgültig zum Erliegen gekommen.

Auch abseits des Parlaments schien die Eskalationsskala um Aufmerksamkeit und Spendengelder zuletzt nach oben offen. Das beginnt bei den teils aberwitzigen Vorwürfen mancher Medien im Zuge der Auflösung der Ein-Mann-Stabsstelle Umweltkriminalität und findet seinen Tiefpunkt bei Drohungen und offenen Aufrufen zur Gewalt. Das ist ein verheerendes Signal. Wer wie Christina Schulze Föcking etwa in Fragen der Tierhaltung für Positionen eintritt, die einer kleinen, aber radikalen Gruppe nicht ins Weltbild passen, wird attackiert. Und das, so offenbaren es die Drohungen gegen die Familie, in einer noch nie dagewesenen Dimension.

Jeder, der sich jetzt das Maul zerreißt und seine Meinung in den sozialen Netzwerken kundtut, sollte sich einmal fragen, ob er selbst dem Druck standgehalten hätte. Häme über den Abgang von Christina Schulze Föcking ist fehl am Platz.